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Der Weltstar mit der Tassennummer

80 Jahre wird Rudy Horn heute, am Valentinstag. Die Liebe zum Jonglieren trägt er noch immer in sich. Fotos: Anzeiger/Pfeiffer
Die Rastelli-Trophäe hat bislang nur ein Deutscher eingeheimst: Rudy Horn.
Die Tassennummer war weltweit ein Hit.

Berchtesgaden - Das Bundesverdienstkreuz hat er, er ist in der Hall of Fame der erfolgreichsten Jongleure weltweit. Rudy Horn, der mit seiner Ehefrau Helga in Berchtesgaden lebt, hat mit seinem Können Tausende Menschen beeindruckt, hat die Welt bereist und große Persönlichkeiten kennengelernt. Seine Karriere begann schon in jungen Jahren. Heute feiert Rudy Horn seinen 80. Geburtstag.


Sieben Jahre war er alt, da spielte er am Heiligen Abend mit den Weihnachtsäpfeln. Nicht etwa am Boden, nein, er warf sie durch die Luft, jonglierte. Sein Vater war beeindruckt vom Können des Filius, trieb ihn an weiterzumachen und zeigte ihm, wie man das Jonglieren weiter verbessert. Immerhin war bereits Rudy Horns Großvater mütterlicherseits Jongleur. Seine Mutter war Artistin, sie war unter anderem auf dem Drahtseil unterwegs und zeigte sich in diversen Luftnummern.

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Mit neun Jahren trat Rudy zusammen mit seinem Großvater im Wintergarten in Nürnberg auf. Mit drei Bällen jonglierte er damals, fünf Reifen folgten. Gemeinsam mit seinem Vorbild hantierten die Horns mit mehreren Keulen. Dem Publikum gefiel das. Der Höhepunkt der Vorführung: das Schleudern einer Tasse samt Untertasse und Löffel auf den Kopf. Unter Zuhilfenahme der Fußspitze. Das i-Tüpfelchen der gewagten Nummer: Auch ein Stück Zucker landete schließlich in der am Kopf befindlichen Tasse.

Die Tassennummer sollte Rudy Horn später weltberühmt machen. Gemeinsam mit dem Großvater war Klein-Rudy monatelang unterwegs. Sie gastierten in den unterschiedlichsten Varietés. Auf Wunsch der Eltern kam Rudy zurück nach Nürnberg. Denn die Luftangriffe häuften sich zu dieser Zeit. Die Eltern hatten Sorge.

Erst nach dem Krieg war es für den Jungartisten an der Zeit, sich erneut seinem Können zu widmen. Viel hatte Horn geübt, aus dem Stand schaffte er bereits sechs Tassen. Bei den Amerikanern, darunter in Bad Kissingen, in Frankfurt am Main und in Berchtesgaden bei der »Melody Show« von Heinz Bolek fand Rudy Horn eine Anstellung.

Obwohl er noch jung war, war er drauf und dran, ein Star zu werden. Seine Leistungen wurden immer besser, bald jonglierte er mit zehn Tassen, sieben Reifen und sieben Bällen. Aber das war noch nicht genug. Um einzigartig zu bleiben, stieg er auf das Einrad und probte so lange weiter, bis er die Balancekunst perfektioniert hatte und während des Fahrens selbst die anspruchsvollsten Tassennummern klappten.

Im Eröffnungsprogramm des »Circus Krone« wurde der Grundstein für die nun folgende Weltkarriere gelegt. In frühen Jahren schon hatte Horn all das gesehen, was viele nicht während eines ganzen Lebens zu Gesicht bekommen. 1952 war er in England und trat dort in London in der Olympiahalle auf. Er gastierte im »Savoy«-Hotel und im weltbekannten »Palladium«. Gemeinsam mit dem Russischen Nationalzirkus ging es in das Londoner Wembley-Stadion. Ein Jahr lang war er im »Lido« in Paris engagiert. Später wechselte er nach Amerika - nach Reno, nach Las Vegas, nach Chicago und Hollywood. Horn gastierte im schwedischen Göteborg, im »Blackpool Opera House« in Glasgow und trat in Monte Carlo auf. Ende der 50er Jahre ging es für ihn nach Australien, selbst im Libanon war der Künstler ein Star. Fans hatte er in Norwegen, Finnland und Dänemark, wo er ebenfalls auftrat und seine Tassennummer vorführte. Ob Schweiz oder Portugal - selbst vor der Schahfamilie machte Horn eine gute Figur.

Mit Marlene Dietrich war Horn in Las Vegas, mit dem französischen Schauspieler und Chansonsänger Maurice Chevalier in Paris. Auf Tournee ging er mit Zarah Leander, Caterina Valente schwärmte über Rudy Horn: »Ich bin Dein größter Fan.« Tony Curtis, US-Schauspieler Jeff Chandler, Schauspielerin Betty Hutton oder Entertainer Sammy Davies kannte er. Und auch mit Udo Jürgens und den Kessler-Zwillingen trat er auf.

Selbst eine Filmkarriere war geplant - gemeinsam mit Kirk Douglas sollte Horn den Film »Der Jongleur« drehen. Weil Rudy Horn aber so kurzfristig nicht aus einem Vertrag in Paris herauskam, musste er absagen. Aber er versuchte sich als Sänger: Vor einem Jongleurakt in Schweden hatte sich der Künstler für eine Gesangsnummer entschieden. Seitdem Zeitpunkt gehörte diese zu seinen Auftritten dazu.

Seine Ehefrau Helga heiratete Horn 1967. Über Jahre agierte sie als Horns Assistentin, begleitete ihn auf Reisen und stand abends mit auf der Bühne. Die beiden haben gemeinsam die Söhne Michael und Thomas, die auch in Berchtesgaden leben. Thomas wurde sogar während der langen Tournee des Schweizer National-Circus »Knie« durch 59 Schweizer Orte mit insgesamt 383 Vorstellungen getauft.

1962 wurde Horn bei einem internationalen Jongleur-Festival in Bergamon, Italien, die Rastelli-Trophäe überreicht. Eine Ehre, die keinem deutschen Jongleur mehr zuteil wurde. Noch immer präsentiert Horn sie auf prominentem Platz in seinem Wohnzimmer. Natürlich gibt es heute, gut 50 Jahre nach Horns ersten großen Erfolgen, weitere Jongleure mit herausragendem Können. Dennoch blieb so mancher Trick unerreicht, zum Beispiel die Tassennummer.

1970 zog er sich einen Riss der Achillessehne zu. Der Anfang vom Ende, was seine Zeit als Weltklasse-Jongleur anbelangt. Mitte der 70er Jahre war dann Schluss. Das Bundesverdienstkreuz erhielt er 1981. In der Zwischenzeit hatte Rudy Horn aber schon wieder neue Aufgaben gefunden, die ihn voll ausfüllten. Zunächst zog er fest nach Berchtesgaden, dort widmete er sich dem Tennis. Er machte eine Ausbildung zum Tennislehrer. In den 70er Jahren war er Vorstand der TSV-Fußballabteilung. Auf seine Bemühungen hin wurde die Breitwiese saniert und Geld für einen Bolzplatz in die Hand genommen. Später sollte auch das Einradfahren Einzug in Berchtesgaden halten. Gemeinsam mit Werner Unterreiner bot Rudy Horn im ehemaligen Jugendheim Einradfahren an - etwas, was im Ort auf große Resonanz stieß. Nach 15 Jahren war für Horn 2010 auch damit Schluss. Jonglieren kann er noch immer, »fünf Bälle sind kein Problem«, sagt Horn. Dass es ihm so gut geht, darüber ist er sehr glücklich und dankbar. Drei Schlaganfälle hat er hinter sich, er fühlt sich nun wieder fit, ist gut gelaunt. Heute wird Rudy Horn 80 Jahre alt.

Kilian Pfeiffer