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Diabetes-Papst und Ikone der Zuckerkrankheit

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88 Jahre und ziemlich weise: Prof. Hellmut Mehnert ist die Ikonie der europäischen Diabetes-Forschung. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Für eine hochkarätige Veranstaltung des ärztlichen Kreisverbands konnte Fortbildungsreferent Dr. Klaus Boha Dr. Hellmut Mehnert, auch als »Diabetes-Papst« Europas, für einen Vortrag in Berchtesgaden gewinnen. Die 88-jährige »Ikone der Zuckerkrankheit« überraschte dabei mit Vitalität und aktueller wissenschaftlicher Kompetenz.


Wer von den etwa 70 anwesenden Ärzten aus dem Landkreis gedacht hätte, dieser Vortrag laufe wie üblich mit Beamer und Powerpoint-Präsentation ab, sah sich getäuscht. Ein alter, weiser, anerkannter Arzt und Wissenschaftler nahm an der Front des Podiums Platz und gab mit klarer sonorer Stimme eine erstaunliche Rückschau zum Thema »Diabetes im Wandel der Zeit – Die Zuckerkrankheit im historischen Überblick«. Über 75 Minuten lang referierte Mehnert ohne – trotz seines Alters – je die Konzentration zu verlieren mit erstaunlichem Wissen, gepaart mit Witz und Anekdoten, spannend ohne jegliche technische Hilfsmittel.

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Um seine Beziehung zu Berchtesgaden darzustellen, erzählte der gebürtige Leipziger, dass er 1950 seine Famulatur unter den Chefärzten Dr. Kufner und Dr. Schindler im »alten Krankenhaus« absolviert hatte. Später als Assistent an der LMU in München wurde ihm angetragen, eine Diabetesstation zu übernehmen, was er zunächst nur etwas widerwillig tat. Doch dann erweckte dies in ihm Neugier auf das spannendes Gebiet, das sich ihm eröffnete. Es war der Zündpunkt einer einzigartigen Karriere. 1954 folgten Staatsexamen und Promotion, Auslandsaufenthalte in Boston/USA, 1964 die Habilitation und fast 30 Jahre lang die Leitung der III. Medizinischen Abteilung des Akademischen Lehrkrankenhauses München-Schwabing.

Mehnert berichtete von den ersten Insulinen aus Schweinepankreas bis hin zu Entwicklung immer neuerer synthetischer Insuline. Die Entwicklung oraler Antidiabetika wie Sulfonylharnstoffen, Biguaniden, Acarbose und Gliptinen begleitete er in zahllosen Studien. Dennoch mahnte Mehnert auch an, dass die enorme Zunahme der Zuckerkrankheit, vor allem des Typ-II-Diabetes in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend nicht nur einer genetischen Disposition, sondern vor allem dem Übergewicht bei viel zu kalorienreicher Ernährung zuzuschreiben sei. Der Mangel an Bewegung verschlechtere die Situation weiter.

Weiterentwicklungen im Wandel der Zeit haben die Behandlung des Diabetes optimiert, Mehnert hatte stets entscheidende Impulse gegeben. Mehr als 1 500 Publikationen, national und international, stammen aus seiner Feder, zahllose Auszeichnungen, nicht nur der Diabetesgesellschaften, auch den Bayerischen Verdienstorden und das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse hat er für sein Lebenswerk erhalten und ist dabei kritisch und bescheiden geblieben.

Wissenschaftlich, weise, aber auch witzig schloss er seine Ausführungen: Eine seiner schelmisch inszenierten Aktionen, waren – meist in der Faschingszeit – Verkleidungen, mit denen er seine Mitarbeiter verwirren konnte. Sei es als vermeintlich alkoholisierter »Penner«, der sich in die Notaufnahme ins Schwabinger Krankenhaus bringen ließ und nur in eine Ausnüchterungsecke gelegt wurde. Oder als offensichtlich dementer, verwirrter Patient, der seine Station angeblich nicht mehr fand und Schwester Renate um Hilfe bat: Bevor er sich zu erkennen gab, sagte er: »Schwester, ich bin Ihr Chef, Prof. Mehnert.« Worauf sie nur konterte: »Ja, ja und ich bin die Queen von England.« Das lachende Entsetzen kam natürlich erst mit der Demaskierung. fb