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Die ausgeliehene BGLT-Chefin

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Mit der neuen BGLT-Geschäftsführerin Maria Stangassinger sprach »Anzeiger«-Redaktionsleiter Ulli Kastner über ihre berufliche Laufbahn und ihre touristischen Ziele für den Landkreis Berchtesgadener Land. (Foto: Voss)

Berchtesgaden – Eine Einarbeitungszeit braucht Maria Stangassinger nicht mehr. Immerhin ist die neue Geschäftsführerin der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH (BGLT) seit 35 Jahren für die verschiedenen Tourismusorganisationen im Berchtesgadener Land tätig. Doch der Schritt an die Spitze der landkreisweiten Gesellschaft kommt zu einer unruhigen Zeit. Vor allem im Norden des Landkreises regt sich Unzufriedenheit über die touristische Marketingstruktur und die Politiker ringen hinter verschlossenen Türen um Zukunftslösungen. Und ganz nebenbei ging auch noch der BGLT-Umzug vom Bahnhof ins Kongresshaus vonstatten. Mit der neuen BGLT-Chefin sprach »Anzeiger«-Redaktionsleiter Ulli Kastner bei einem »Edelweiß-Kaffee« im gleichnamigen Hotel.


Maria Stangassinger bezeichnet sich selbst als »Quereinsteigerin«, wenngleich sie das Tourismusmarketing bereits einen Großteil ihrer beruflichen Laufbahn begleitet. Die gelernte Steuergehilfin kam als Buchhalterin zur Kurdirektion, übernahm dann nach und nach – zuletzt als stellvertretende Abteilungsleiterin – auch Aufgaben im Gästedienst und damit im Marketingbereich. Als mit Gründung der Berchtesgaden Tourismus Gesellschaft (BGT) der gesamte Marketingbereich zur neuen Gesellschaft verlagert wurde, wechselte auch Maria Stangassinger.

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»Nur ausgeliehen«

»Eigentlich bin ich aber nur ausgeliehen«, ergänzt die 59-Jährige. Denn sie wollte wegen der besseren sozialen Absicherung ihre Anstellung im öffentlichen Dienst nicht verlieren. Den »Verleihstatus« genießt die Bischofswieserin auch heute noch, nur haben sich die entsprechenden Organisationen noch einmal geändert. Angestellt ist Maria Stangassinger heute bei der Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee, ihre Arbeit verrichtet sie für die im Jahr 2005 gegründete Berchtesgadener Land Tourismus Gesellschaft (BGLT), die erstmals den gesamten Landkreis vermarktet. Hier übernahm die 59-Jährige nach und nach größere Verantwortung, in den vergangenen drei Jahren war sie Stellvertreterin von Geschäftsführer Stephan Köhl.

Als ihr der mitteilte, dass er zum 1. Januar zur Tegernsee Tal Tourismus GmbH wechseln würde, rechnete Maria Stangassinger wie viele andere mit einem neuen BGLT-Chef. Umso überraschter war sie, als man ihr vonseiten der Gesellschafter die Übernahme des Geschäftsführerpostens anbot. »Es ist zwar für mich kein neuer Aufgabenbereich, aber es ist schon etwas anderes, wenn man plötzlich die komplette Verantwortung trägt«, sagt die Bischofswieserin. Außerdem nimmt sie nun vor allem Repräsentationsaufgaben wahr, ist viel mehr unterwegs als früher.

Turbulente Zeit

Der Zufall wollte es, dass der Geschäftsführer-Wechsel auch noch in eine turbulente Zeit fällt, denn in den vergangenen Tagen wechselten die rund 14 BGLT-Mitarbeiter vom Bahnhof in die neuen Räumlichkeiten im Kongresshaus. »Aber hier hat mich mein Mitarbeiter Christian Thiel hervorragend unterstützt und das alles bestens vorbereitet«, sagt die Bischofswieserin. Während der Umzug also bereits in »trockenen Tüchern« ist, kann man das von der Zukunft der BGLT nicht behaupten. »Eine neue Struktur« wollen die Gesellschafter der Marketingorganisation geben. Was das heißt, weiß bislang niemand. Tatsache ist, dass viele Politiker im mittleren und nördlichen Landkreis unzufrieden sind mit der bisherigen Organisation und bereits mehrmals mit Ausstieg gedroht haben.

Ein Szenario, das sich Maria Stangassinger gar nicht ausmalen will. »Wir waren vor zehn Jahren deutschlandweit die Ersten, die sich beim Marketing zusammengetan haben und wurden von allen darum beneidet. In dieser Zeit haben wir nun so viel erreicht. Es wäre eine Katastrophe, wenn man das alles aufgeben würde.«

Dass ihr eigenes berufliches Schicksal und das ihrer Mitarbeiter ebenfalls eng mit der künftigen Organisationsstruktur verbunden sind, weiß die Bischofswieserin. Denn ihre Anstellung als BGLT-Geschäftsführerin kann freilich nur solange gelten, wie es die BGLT gibt. »Jetzt sind die Politiker am Zug. Ich hoffe, dass sie möglichst schnell die richtige Entscheidung treffen«, bekräftigt Maria Stangassinger.

Eigene Ideen

Freilich macht sich die neue Geschäftsführerin nicht nur Gedanken über die Zukunft der eigenen Organisation, sondern vor allem auch um die touristische Zukunft des Landkreises Berchtesgadener Land. Hier will sie einerseits den von Stephan Köhl eingeschlagenen Weg des Online-Marketings weitergehen, andererseits hat die 59-Jährige auch eigene Ideen. So strebt sie im Rahmen der Initiative »Reisen für alle« die Zertifizierung von Betrieben an, die Angebote für ältere Personen, für Behinderte und für Familien mit Kindern haben. »Dazu wird es im März einen Workshop geben«, kündigt Stangassinger an.

Und dann gibt es noch Bemühungen um weitere Angebote unter dem Titel »Tourismus und Kirche«. Hier steht sie bereits mit der katholischen und mit der evangelischen Kirche im Gespräch. Möglich wäre die Aufnahme von kirchlichen Angeboten in den Prospekten. Sie denkt dabei an Berggottesdienste, Übernachtungen im Kloster, die »offene Pforte« oder den Emmaus-Rundweg in Berchtesgaden. Auch dem chinesischen Markt will man weiterhin besondere Aufmerksamkeit widmen. Dabei geht es insbesondere darum, die Charaktere und Vorlieben der asiatischen Touristen erst einmal richtig zu verstehen.

»Es geht um Qualität«

Dass es im vergangenen Jahr – an Zahlen gemessen – richtig gut lief für die BGLT, freut Maria Stangassinger natürlich. Doch sie wünscht sich, nicht nur an den Übernachtungs- und Gästezahlen gemessen zu werden. Ihr geht es bei ihrer Arbeit, wie auch ihrem Vorgänger schon, vielmehr um Qualität, um die sogenannte Umsatzrendite. Die Vision der neuen BGLT-Chefin ist es deshalb, dass sich das Berchtesgadener Land in zehn oder 15 Jahren in führender Position befindet, was den Qualitätstourismus betrifft. »Hier müssen aber alle mitziehen: Hoteliers genauso wie Privatvermieter«, lautet ihr Appell. Denn ein neues Hotel am Königssee brauche man genauso dringend wie Investitionen in den kleineren Betrieben. Maria Stangassinger: »Im Grunde wollen wir alle doch nur das Beste für unseren Tourismus. Darum müssen wir zusammenarbeiten.« Ulli Kastner