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»Die Besteuerung von Essen ist ein Wettbewerbsnachteil«

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Holten sich ihre Urkunden persönlich ab: Gerhard Landvogt aus Bad Reichenhall (l.) und Wolfgang Bartels aus Ramsau wurden für jeweils 40 Jahre HOGA-Mitgliedschaft geehrt. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Die derzeitige Arbeitsmarktlage, die Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes und ein persönliches Gespräch mit Finanzminister Markus Söder waren die Hauptthemen während der Jahreshauptversammlung des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes im Berchtesgadener Land. Kreisvorsitzender Johannes Hofmann begrüßte die Teilnehmer im Gasthaus »Goldener Bär«.


Laut Hofmann sei das Gastgewerbe im Landkreis »wachstumsstark und dynamisch.« Dennoch sei die Branche noch immer unterschätzt. »Das muss sich ändern«, forderte Hofmann. Denn immerhin sei das Gastgewerbe »Jobmotor und Branche der Chancen«. In dünn besiedelten Gegenden sei es besonders wichtig, da es dort »überdurchschnittlich zur Beschäftigung beiträgt«. Vor allem hinsichtlich der Ausbildung befinde man sich unangefochten auf Platz eins im Landkreis: »Jeder 17. Arbeitsplatz in Deutschland hängt direkt oder indirekt mit dem Gastgewerbe zusammen«, sagte Hofmann. Die Entwicklung verlaufe dynamischer als jene der Gesamtwirtschaft. 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Gastgewerbe im Landkreis seien Fachkräfte.

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Johannes Hofmann sagte, dass man zwar Erfolge in der Branche feiere, »um manche Chancen ergreifen zu können, brauchen wir aber Unterstützung«. Deshalb hatte er während des Gastgebertages in Bad Kissingen die Chance genutzt, sich mit Finanzminister Söder zu unterhalten. »Er verwaltet als Minister das Geld, das auch mit unseren Betrieben erwirtschaftet wird«, sagte Hofmann. Die Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes sei für die Branche das wichtigste Thema. »Wir müssen dafür kämpfen, dass wir von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umstellen können«, sagte der Kreisvorsitzende. Von aktuell zehn Stunden pro Tag auf 48 Stunden pro Woche. Nur auf diese Weise sei man flexibel genug, um besondere Veranstaltungen, die länger dauerten, zu betreuen. Auf eine tarifliche Lösung setzt Hofmann indes nicht: »Die Gewerkschaft hat uns bereits im Vorfeld gesagt, dass sie unsere Vorstellungen nicht unterstützen wird.«

Er warnte zudem vor einer »bürokratischen Überbelastung«. Ein vorstellbarer Lösungsansatz ist in Hofmanns Augen ein Schwellenwert von 20 Mitarbeitern: »Unter diesem Schwellenwert könnte grundsätzlich auf zeitraubende Bürokratie verzichtet werden.« Für Kleinbetriebe wäre dies die einzige Chance, nachhaltig bestehen zu können. Hofmann verwies auf die stark ansteigenden Arbeitskosten, die seit 2012 »schneller gestiegen sind als die Produktivität.« Diese liege mit 22,80 Euro pro Stunde »deutlich niedriger als in der Gesamtwirtschaft mit 50,20 Euro pro Stunde«. Hofmann informierte darüber, dass in keiner anderen Branche so viele ausländische Mitbürger arbeiteten wie im Gastgewerbe. Mit 30,2 Prozent ist beinahe jeder Dritte Beschäftigte kein Deutscher. »Auch im Berchtesgadener Land integrieren wir branchenübergreifend die meisten Flüchtlinge.«

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, wünscht sich Hofmann für die Zukunft gleiche Steuern auf Essen: »Es geht darum, ob wir wirklich weiterhin frisch gekochte Speisen steuerlich gegenüber industriell gefertigten Türensuppen und Salaten aus Plastikkübeln benachteiligen«, sagte er. Wer bislang in einem Restaurant bezahlt, zahlt 19 Prozent Mehrwertsteuer, wer sich einen Döner um die Ecke holt, 7 Prozent. »Essen im Sitzen wird steuerlich gegenüber Essen im Gehen bestraft«, schlussfolgert der Kreisvorsitzende. Die Steuerentlastung käme branchenübergreifend zum Tragen, da mit 7 Prozent Mehrwertsteuer Spielräume für Investitionen und für zusätzliche Arbeitsplätze entstünden. »Wenn die Politik nicht mitzieht, werden wir einen Strukturwandel erleben, der vor allem kleine Betriebe betrifft, aus denen unsere Branche zu 90 Prozent besteht.«

Nicht konform mit Johannes Hofmann geht der stellvertretende Landrat Helmut Fürle. Die Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes empfindet er als keinen gelungenen Schachzug: »Das Gastgewerbe muss sich auf regionale Stärken und Angebote besinnen, um sich abzugrenzen.« Zulasten der Arbeitnehmer dürfe eine Flexibilisierung nicht gehen. Das Grundproblem liege im Nachwuchskräftemangel. Laut Hofmann geht es nicht darum, »dass unsere Leute mehr arbeiten sollen, sondern dass wir flexibler reagieren können. Es kann ja nicht sein, dass sich eine Bedienung auf einer Hochzeit schon um 22 Uhr verabschiedet, wenn es das Trinkgeld aber erst um Mitternacht gibt.

Für Jahrzehnte der Mitgliedschaft des eigenen Betriebs im Hotel- und Gaststättenverband wurden unter anderen geehrt: Johann Sommerer aus Freilassing (20 Jahre), Wolfgang Bartels aus Ramsau (40 Jahre), Gerhard Landvogt aus Bad Reichenhall (40 Jahre), die Berchtesgadener Watzmann Therme (20 Jahre), Tilbert Ganahl vom »Waldhauserbräu« in Schönau am Königssee (20 Jahre), der Schlossberghof Marzoll (40 Jahre), das Bischofswieser Hundsreitlehen (40 Jahre) sowie das Hotel »Krone« in Berchtesgaden (40 Jahre). Kilian Pfeiffer

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