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»Die Bundeswehr gehört abgeschafft«

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Die Friedensradler protestieren in Schönau am Königssee. Foto: privat

Berchtesgaden – Eine Pappmaschee-Drohne, rechts daneben eine Friedensaktivistin, die in der Rolle als Mutter um ihren von der Drohne getöteten Sohn trauert: Die Fahrradfriedensaktivisten setzen sich für den Frieden ein, teils in krassen Bildern – und radeln dabei durch ganz Bayern. Einer von ihnen ist Willi Rester, der die Beweggründe für den Friedenseinsatz im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« darlegt.


Derzeit sind Sie mit dem Fahrrad unterwegs. Für Frieden und Abrüstung. Ist das auf diesem Weg zu erreichen?

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Willi Rester: Es ist nur ein Teil der Friedensarbeit, wenn auch ein ganz angenehmer. Mit dem Fahrrad kommen wir zwar nahe an die Menschen ran. Aber wir machen während der Friedensfahrradtour auch Infostände, Antikriegsperformances, Aktionen vor Kasernen und Rüstungsbetrieben. Auch schulen sich die Friedensradler, wenn sie eine Woche intensiv an einem Thema arbeiten. Und zum Dritten verbinden wir die einzelnen Friedensgruppen vor Ort. Wann sich ein Erfolg einstellt, lässt sich nicht sagen. Aber die jahrzehntelange Forderung nach Abschaffung der Wehrpflicht haben wir ja auch aus unserem Programm streichen können.

Als Friedensradler besuchten Sie unter anderen Bischofswiesen und Schönau am Königssee. Was stand dort auf dem Programm?

Rester: In Bischofswiesen wurde lediglich die Kaserne besucht und über die Rolle der Gebirgsjäger informiert. In Schönau am Königssee informierte der Landessprecher, Thomas Rödl, die Teilnehmer über die Kritik der Friedensbewegung am Galileo-Projekt (europäisches Navigationssatellitensystem; d. Red.). Das dortige Service-Büro macht ja die Tests von den Bergen aus rund um Berchtesgaden. Mit Galileo kann nichts anders gemacht werden als jetzt mit dem US-System GPS. Man wäre nur von den USA unabhängig. Dass es diese Unabhängigkeit der zivilen Wirtschaft nicht wert war, wurde deutlich, als sie aus der Finanzierung ausstieg. Was will ich aber mit einer zweiten, parallelen und identischen Infrastruktur, wenn nicht Drohnen lenken?

Welche Missstände gibt es? An wen richten Sie Ihre Kritik?

Rester: Allgemeine Frage, allgemeine Antwort. Die Bundeswehr wird unter dem Deckmantel »Friedenssicherung« entsandt, um sich bei der internationalen Verteilung der Rohstoffe das entsprechende Kuchenstück für Deutschland zu sichern. Nachhaltige Konfliktbearbeitung und -lösung schauen anders aus. Die Bundeswehr ist im Kosovo deshalb halbwegs erfolgreich, weil sie fast ausschließlich Polizeiaufgaben wahrnimmt. Sie ist in Afghanistan gescheitert, weil sie dort militärisch gearbeitet hat. Sie hat mit Tausenden Soldaten und Milliarden Euros nicht mal annähernd so nachhaltige Stabilität erreicht wie die Familie Erös mit ihrer Kinderhilfe Afghanistan.

Die Gebirgsjägereinheiten befinden sich, Ihrer Meinung nach, in einer Traditionslinie mit den Reichswehreinheiten. Inwiefern?

Rester: Den deutlichsten Ausdruck hatte diese Traditionslinie mit der Benennung von Kasernen nach Wehrmachtsgenerälen. Die Kasernen sind jetzt umbenannt, aber das ist erst einmal Kosmetik. Die Gebirgsjäger verstehen sich als Eliteeinheiten, als die sie in der Wehrmacht gegründet worden waren. Die vor ein paar Jahren bekannt gewordenen Aufnahmerituale kommen aus derselben Ecke. Es ist kaum möglich, diese Traditionslinie durch Schriften oder Videomitschnitte zu belegen, da solche von Offizieren verantwortet sind, die auf die Wirkung in der Öffentlichkeit achten. Aber ich weiß aus meiner Zeit bei der Bundeswehr auch, wie sich offizielle Darstellungen und das Gespräch im Mannschaftsheim unterscheiden.

»Die Bundeswehr gehört abgeschafft« – sagen Sie. Geht das so einfach?

Rester: Der politische Beschluss ist relativ einfach, die administrative Umsetzung wäre es auch. Die dafür zuständigen Beamten des Verteidigungsministeriums haben bei verschiedenen, oft urplötzlich und rational nicht nachvollziehbaren Strukturreformen in den letzten Jahren genug Erfahrungen sammeln können. Aber es würde dann eine Institution fehlen, die schnell in internationale Krisengebiete entsandt werden könnte, um dort zu helfen. Dass geholfen wird, wollen wir als Friedensbewegung ja ausdrücklich, aber ohne jede militärische Komponente. Ein solches »Amt für Konflikthilfe« bräuchte ebenfalls Personal, Gebäude, Ausrüstung und Übungsgelände, für die jetzigen Standorte der Bundeswehr würde sich also gar nicht so viel ändern. Allerdings alles für die Hersteller von Panzern, Drohnen und Sturmgewehren. Kilian Pfeiffer