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»Die Gebärdensprache ist wunderschön«

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Freuten sich über ein gelungenes Fest (v.l.) Rudolf Gast, 1.Vorsitzender des Bezirksverbandes der Hörgeschädigten Bayern, dritte Bürgermeisterin der Gemeinde Schönau am Königssee Elisabeth Rasp, Dagmar Lochner, Marie-Therese Roozen und Helmut Fürle.
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Das Münchner Theater »Thow&Show« sorgte zum Auftakt des Festnachmittags für Stimmung. (Fotos: Berwanger)

Schönau am Königssee – Der Gehörlosenverein Berchtesgadener Land e.V. 1936 hat sein 80. Jubiläum am Samstag mit einem bunten Programm gefeiert. Ein Kegelturnier, ein Turnier im Asphaltstockschießen und eine Führung durch den Markt Berchtesgaden standen auf dem Festprogramm. Danach konnte Vereinsvorsitzende Dagmar Lochner zum Festnachmittag im Gasthaus »Unterstein« neben zahlreichen Gehörlosen und ihren Verbänden aus Oberbayern und Österreich auch geladene Ehrengäste begrüßen.


Die Ehrengäste zollten dem Gehörlosenverein höchste Anerkennung für seine Leistungen und Aktivitäten. Zu diesen gehört nicht nur das Engagement für die Gehörlosen im Allgemeinen und die 25 Vereinsmitglieder im Besonderen, sondern durch gemeinsame Aktivitäten auch der Brückenschlag zwischen Gehörlosen und Hörenden. Das wurde auch am Festnachmittag für alle Gäste gut sichtbar: Dagmar Lochner hatte sich vergeblich um Gebärdensprachdolmetscher bemüht, um die Reden der hörenden Festgäste in die mit ihrer Mischung aus Gestik, Mimik, Körperhaltung und auch gesprochenen Wörtern sehr ästhetischen Gebärdensprache zu übersetzen. »Es gibt hier im Landkreis keine Gebärdensprachdolmetscher, sie sind alle in den großen Städten wie München«, bedauerte die Vereinsvorsitzende.

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Sie freute sich umso mehr, dass Peter Glaser, Gemeindereferent und seit zwei Jahren Gehörlosen-Seelsorger der Erzdiözese München und Freising, einsprang und sich als Dolmetscher betätigte. »Die Gebärdensprache ist eine wunderschöne Sprache«, so Glaser, der sie seit zwei Jahren lernt und als Zugang in eine andere Welt, nämlich die der Gehörlosen, erlebt. Dass sie umgekehrt für die Gehörlosen vor allem aber eine Voraussetzung für die Teilnahme an der hörenden Welt um sie herum bedeutet, wurde in den Ansprachen dieses Nachmittags deutlich.

»Laut UN-Behindertenrechtskonvention haben Gehörlose ein Recht auf barrierefreie Kommunikation und dazu gehört auch die Gebärdensprache«, stellte Dagmar Lochner in ihrer Festrede nachdrücklich fest. Sie begrüßte den neuen Gebärdensprachkurs der Kursleiterin Stefanie Eckharter, der seit diesem Frühjahr und auch im Herbst von der Volkshochschule Berchtesgaden angeboten wird. »Von den acht Teilnehmern arbeiten drei im Kindergarten Berchtesgaden, und der Markt Berchtesgaden hat die Kurskosten übernommen«, freute sich die Vereinsvorsitzende. Denn dank dieser Lösung »kann die Inklusion stark gemacht werden«. Es sei der Wunsch des Gehörlosenvereins, dass noch mehr Interessenten diese Kurse besuchen, gerne aus den wichtigen Einrichtungen wie Landratsamt, Krankenhaus oder Polizei, und auch andere, die später Dolmetscher werden möchten, wie Lochner betonte. Sie sprach sich dafür aus, dass in allen Landratsämtern Beratungsdienste für Gehörlose eingerichtet werden und die Mitarbeiter Gebärdensprachkompetenz haben sollten.

Unterstützung bekam Dagmar Lochner vom dritten Landrat Helmut Fürle. »Die Verwirklichung von Inklusion, also die Teilhabe an allen Bildungsgängen für Gehörlose ist nur möglich über die Gebärdensprache oder mithilfe von Gebärdensprachdolmetschern«, sagte er. Dabei gehe es letztlich um den Erhalt der Gebärdensprache, technische Hilfsmittel könnten für diese kein wirklicher Ersatz sein. »Dolmetscher beziehungsweise Lehrer, die die Gebärdensprache beherrschen, sind an öffentlichen Schulen so gut wie nicht vorhanden«, so der Pädagoge. Er verurteilte es, dass »die Arbeit der Vereine Gehörloser noch immer diskriminiert« werde. »Zwar nicht mehr so wie in früheren Zeiten, dafür aber subtiler«, stellte Fürle fest. Er denke dabei an die massive Beeinflussung bis hin fast zur Nötigung von Eltern gehörloser Kinder, einem Cochlea-Implantat – einer speziellen Gehörprothese – zuzustimmen. Nach Ansicht der Gehörlosenvereine sei dies ein »eklatanter Verstoß gegen die Menschenrechte«. Die Leistungen des Deutschen Gehörlosenbundes mit all seinen Ortsvereinen wie dem im Berchtesgadener Land seien von hoher gesellschaftlicher Bedeutung und verdienten höchste Anerkennung. Dafür dankte er allen Vereinsmitgliedern und Dagmar Lochner im Namen des Landkreises.

Jede Menge Dank und ein Präsent hatte auch Elisabeth Rasp, dritte Bürgermeisterin von Schönau am Königssee, im Gepäck. »Ich zolle der Vorstandschaft und allen, die sich einbringen, meine Hochachtung«, sagte sie. »Inklusion wird bei uns in der Gemeinde seit drei Jahren vorbildlich gelebt«, fuhr Rasp fort. Denn das ehemalige Forsthaus Unterstein würde nun als Schullandheim für hörgeschädigte und nicht-hörgeschädigte Kinder und Jugendliche genutzt.

Tief beeindruckt vom Gehörlosenverein Berchtesgadener Land zeigte sich auch Marie-Therese Roozen von der Selbsthilfekontaktstelle Berchtesgadener Land. »Freude und lebendiges Miteinander« würden sowohl Vereine wie auch Selbsthilfegruppen tragen, erklärte sie. Dafür, dass die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden künftig immer besser gelingt, könnten Menschen wie Monique Egger und Belinda Bätzold-Datz beitragen. Die beiden Teilnehmerinnen des Volkshochschul-Gebärdensprachkurses besuchen jetzt schon den zweiten Teil. Egger, weil sie in ihrem Reichenhaller Studio mit Yoga, Pilates und Wellness auch gehörlose Kundinnen verwöhnen will und Bätzold-Datz, weil sie an der Hochschule Landshut Gebärdensprachdolmetschen studieren möchte. Ina Berwanger