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»Die öffentlichen Belange werden ignoriert«

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Rund 250 Bürger waren am Montag in das Gasthaus »Unterstein« gekommen, um die Meinung der Experten aus Heimatpflege, Naturschutz und Architektur zum Immobilienprojekt Königssee zu hören. Fotos: Anzeiger/Voss
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»Ich würde den Planern die Note Sechs geben«, ärgerte sich Architekt Georg Renoth (l.). Neben ihm Klaus Gerlach, Sprecher der engagierten Initiative.
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Der Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, Martin Wölzmüller, steht hinter den aufgebrachten Bürgern aus Schönau am Königssee.
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Bund-Naturschutz-Vorsitzender Hubert Weiger erinnerte die Lokalpolitiker an ihre Verantwortung gegenüber der einzigartigen Landschaft am Königssee.

Schönau am Königssee – Rund 250 Bürger versammelten sich am Montagabend im Gasthaus »Unterstein«, um über die beiden geplanten Hotels und die Appartement-Häuser am Königssee zu diskutieren. Klaus Gerlach, Sprecher der Bürgerinitiative, hatte zu diesem Anlass drei Experten eingeladen, die den Projekt-Kritikern ihre Unterstützung zusagten: der Vorsitzende vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege, Martin Wölzmüller, der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Prof. Dr. Herbert Weiger, und Architekt Georg Renoth.


»Wir sind uns alle einig, dass am Königssee etwas Vernünftiges geschehen soll«, eröffnete Klaus Gerlach am Montagabend die sehr gut besuchte Informationsveranstaltung. Der Sprecher der Bürgerinitiative hatte alle Interessierten ins Gasthaus »Unterstein« eingeladen, darunter auch Bürgermeister Stefan Kurz, um sich die Meinung dreier renommierter Experten zum Thema Naturschutz, Architektur und Heimatpflege anzuhören.

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Gerlach betonte zunächst deutlich die Ziele der Bürgerinitiative: »Ich bin nicht der Anführer einer Gruppe von Wutbürgern, die gegen jeden Fortschritt sind. Sondern wir sind eine Gruppe von 60 verantwortungsbewussten Bürgern, die der Auffassung sind, dass die Pläne nun an ein Ende gekommen sind und verändert werden müssen.« Wie sich im weiteren Verlauf der Veranstaltung herausstellte, sind die Bürger nicht die einzigen, die die Problematik erkannt haben und die Vorgehensweise kritisieren.

Martin Wölzmüller ging auf »zwei zentrale Probleme« ein: »Zum einen gilt es, dem Rückgang der Bettenbelegung etwas entgegenzusetzen, zum anderen geht es um die Neuordnung der Zustände am Zugang zum Königssee.« Wölzmüller schilderte weiter den idealen Vorgang bei einem Bauvorhaben: »Wer verantwortlich planen will, der nimmt alles in den Blick. Der entwickelt zusammen mit allen, auf die es ankommt, in diesem Fall mit den Schönauer Bürgern, deren Zukunft und deren wirtschaftliches Wohlergehen auch eine Rolle spielen müssen, eine langfristige kultur- und naturverträgliche Planung.« Denn Planung sei keine Reaktion auf Investorenwünsche und kein »unstrukturiertes Drauf-Los-Wurschteln«, gab der Experte zu bedenken.

Klare Worte fand Wölzmüller zum bisherigen Vorgehen in Sachen Hotelprojekt am Königssee: »Nach meiner Meinung kann die Planung nicht nur die Wünsche von Investor und Betreiber widerspiegeln. Die öffentlichen Belange werden offensichtlich ignoriert.« Die Suche nach Lösungen müsse mit Hirn und mit Herz erfolgen und nicht mit dem Ellbogen und »dem offenen Messer in der Hose«, ermahnte er die Anwesenden und erntete für seine Ausführungen tosenden Beifall.

Die längste Rede des Abends hielt der enthusiastische Architekt und Diplomingenieur Georg Renoth. Er zeigte dem Publikum eine Präsentation mit den aktuellen Bauplänen der Investoren und beteiligten Planern, dazu eigene Pläne, und verwies auf viele Fehler und Mängel, die seines Erachtens in den Plänen gemacht worden waren. Neben dem denkmalgeschützten Alten Königsseer Bahnhof, dessen Umgriff bebaut werden soll, zeigte er auch einen geplanten Querbau vor dem See-Zugang an der Ostseite, der nur einen kleinen Durchgang zum Seeufer bieten würde. So würde das Bild des Ufers verdeckt. Auch die Aussage der Zuständigen, man könne die Appartement-Hochhäuser vom See aus nicht sehen, habe jedoch einen Seeblick von den Zimmern aus, sei widersprüchlich.

Während seiner weiteren Ausführungen ließ der Architekt seinem Ärger freien Lauf. Er wundere sich darüber, dass die Gemeinde noch kein Modell in Auftrag gegeben habe, was normalerweise zur Vorgehensweise dazugehört. »Vielleicht haben Sie ja etwas zu verbergen«, lautete sein Kommentar, wofür es Applaus vom Publikum gab.

»Meines Wissens wurden weder Grundlagenpläne über den Naturbestand noch über den wertvollen Baubestand erstellt, was normalerweise auch gemacht werden muss«, merkte Renoth an. Als zentralen Kritikpunkt nannte Georg Renoth die »Konzeptlosigkeit der Planung«. Er selbst habe immer wieder Vorschläge zur Verbesserung gemacht, auch eine beauftragte Städteplanerin habe ihre Bedenken gegenüber der Gemeinde geäußert. Beide seien aber immer wieder vertröstet worden, so Renoth.

Als dritter im Bunde der Referenten ergriff der Vorsitzende des Bundes Naturschutz Bayern, Professor Dr. Herbert Weiger, das Wort. Ihm war besonders wichtig, herauszukristallisieren, dass die Gemeinde hier die Verantwortung für eines der wertvollsten Naturgebiete ganz Europas habe. Man solle mit dieser Verantwortung nicht leichtfertig umgehen, so Professor Weiger: »Es ist Ihr gutes Recht zu entscheiden. Aber Sie entscheiden über eine Landschaft, die es ansonsten nicht mehr gibt. Das, was wir an Plänen kennen, das sprengt alles, was hier zu beachten ist. Es sprengt den Maßstab«, kritisierte Dr. Weiger die Gemeinde.

Sein Augenmerk liegt als Vorsitzender des Bundes Naturschutz auf dem Erhalt der Landschaft. »Wir dürfen das Schicksal unseres Landes nicht einigen Investoren überlassen«, lautete sein deutlicher Appell an die Gemeinde Schönau am Königssee.

In der anschließenden Diskussion gab es fast keine Wortmeldungen. Auch, wenn die Gegenstimmen des Hotelprojekts an diesem Abend dominierten, so ergriff abschließend doch noch Bürgermeister Stefan Kurz das Wort. Er versuchte in seiner Stellungnahme die Bürger an ihre finanziellen Interessen zu erinnern und appellierte: »Wenn dieser Bürgerentscheid für den Antragsteller positiv ausgeht, entsteht der Gemeinde natürlich ein Schaden. Zum einen, weil wir das Grundstück dann nicht verkaufen können, zum anderen, weil der Bahnhof renovierungsbedürftig ist. Das bleibt dann an uns hängen.« Zusätzlich würden der Region dann die hohen Einnahmen aus Kurtaxe und Fremdenverkehrsbeiträgen fehlen, welche sich bei 140 Zimmern und 30 Appartements auf zirka 300 000 Euro pro Jahr belaufen würden. Zustimmung von den Versammlungsteilnehmern gab es für diese Ausführungen nicht. Annabelle Voss