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Die rote Hölle von Bischofswiesen

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Stillleben: Dermaßen entschleunigt präsentiert sich der Verkehr in Bischofswiesen noch bis mindestens Freitag. (Foto: Pfeiffer)

Bischofswiesen – Rien ne va plus, nichts geht mehr: Seit Montagnachmittag steht Bischofswiesen still. Zumindest, was den Verkehr betrifft.


Eine Baustelle am Ortseingang nach Winkl und die damit verbundene Ampelregelung sorgen für den täglichen Verkehrsinfarkt. Eine geschlagene Stunde dauert es im Feierabendverkehr derzeit, um von Berchtesgaden aus durch den Ort zu gelangen. Ein unfreiwilliger Selbstversuch.

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18.20 Uhr: Hurra, die Zeitung ist fertig. Ab ins Auto, ab nach Hause. Der Hunger ist groß, die Hitze auch, die Müdigkeit auch. Über den Kreisel am »Haus der Berge« geht es über die Stanggaß auf die B 20 nach Bischofswiesen. Öha. Doch nicht. Bereits 50 Meter vorher steht alles. Alles.

Notgedrungen im Stau bleiben

Was ist da los? Ah, bestimmt wieder ein Unfall. Wahrscheinlich ein Urlauber. Wird gleich weitergehen. Tut es aber nicht. Draußen hat es 28 Grad. Der Klimakompressor schaltet einen Gang hoch. Wenigstens einer. Ein paar Feiglinge wenden und drehen um. Aber wohin, frage ich mich. Wie soll man sonst zur Autobahn kommen? Von hier aus über das Wachterl ist ein kaum zu rechtfertigender Umweg. Noch dazu gibt es vor dem Felsentor ebenfalls eine Ampelregelung. Und vor allem: Beim Wachterl weiß man nie, ob es nicht gerade gesperrt ist. Über Marktschellenberg auf die Autobahn? Nein. Erstens: Baustelle am Ortsausgang. Zweitens: Grenzkontrollen. Also: Im Stau bleiben. Ist bestimmt gleich vorbei. Bestimmt.

Nach 15 Minuten bewegt sich die Kolonne immerhin ein paar Meter weiter. Gleich ist die B 20 erreicht. Kühne Motorradfahrer und leichtsinnige Radler zwängen sich durch die Stahlberge. Möge ihnen der heilige Christophorus beistehen. Viel Segen auf allen euren Wegen. Auch, wenn sie nur 20 Meter lang sind.

Megastau erfüllt politische Ziele

Hach, eigentlich ist so ein Stau doch was Feines. Gerade in Bischofswiesen. Sinnieren bei Stop-and-go. Mit der Betonung auf Stopp, natürlich. Der Megastau dieser Tage erfüllt quasi zwei politische Ziele des Gemeinderats. Schließlich will Bürgermeister Thomas Weber nicht, dass Bischofswiesen ein reiner Durchgangsort ist. Passt. Geht ja nix durch. Zweitens soll der neue Fahrbahnteiler den Ort entschleunigen. Das hat er geschafft, noch bevor er fertig ist. Denn entschleunigter als mit 0 km/h kann es nicht vorwärts gehen. Und endlich hat Bischofswiesen Berchtesgaden von Platz eins des talkesselinternen Staurankings vertrieben. Bischofswiesen blüht auf.

Die Zeit streicht dahin, die Gedanken schweifen. Memento mori. Auch Stauzeit ist Lebenszeit. Zeit, die nie mehr wieder kommt. Naja, spätestens morgen Abend halt. Der Durst wird größer, die Wasserflasche leerer. Verdurstet im Stau in Bischofswiesen. Ein schöner Tod. Macht sich gut auf dem Grabstein. Überhaupt: ein schöner Tag zum Sterben. Carpe diem. Ruf endlich mal wieder deine Oma an, sprich dich mit deinem Bruder aus, schreib ein Sonett. All das geht im Stau.

Ah, das ehemalige »Anzeiger«-Gebäude. Auch im Wort Tageszeitung steckt die Zeit. Wieder zehn Minuten futsch. Das Gasthaus »Brenner Bräu« kommt in Sichtweite. Man könnte jetzt locker ein schönes Schnitzel essen, sich danach noch ein Eis gönnen und sich anschließend nur drei Autos weiter hinten wieder einreihen.

Eine banale, armselige Schlampampel

Inzwischen sind 45 Minuten vergangen. Das Feuerwehrhaus rückt näher. Soso, alle Einsatzfahrzeuge da. Ein Unfall als Stauverursacher scheidet also aus. Aber was funkelt da vorne blassrot am Wegesrand. Es ist eine Ampel. Eine banale, armselige Schlampampel.

Wie in den meisten Fällen hat nicht das Fatum, eine höhere Gewalt oder ein unvorhergesehener Unfall den Stillstand auf der Straße verursacht, sondern eine Baustelle. Und ist es nicht paradox? Eine Baustelle, deren Ziel es ist, den Verkehrsfluss zu verbessern, erreicht immer das Gegenteil. Vor allem in der Hauptsaison. Auf der Hauptstraße. von Christian Fischer