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Die Sinne für das Schöne schärfen

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Interessiert folgten die Berchtesgadener Gästeführer den Ausführungen von Diplomingenieur Thomas Lauer. (Foto: Meister)

Berchtesgaden – Der Münchner Diplomingenieur Thomas Lauer sprach bei einer Veranstaltung für die Gästeführer Berchtesgaden und die Stadtführer aus Bad Reichenhall im katholischen Pfarrheim St. Andreas über bäuerliche Baukultur.


Ein Thema, das sich die Gäste- und Stadtführer selbst ausgesucht hatten. Sind sie doch auch ihren jeweiligen Gästen Vermittler heimischer Kultur in vielfacher Hinsicht.

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Im Hochgebirgsklima bleiben Bauten der Natur unterworfen, sagte Thomas Lauer und zeigte dazu Beispiele, vorwiegend in den Freilichtmuseen in Groß-gmain und auf der Glentleitn aufgenommen. Im Mittelpunkt bäuerlicher Baukultur stand der sogenannte Zwiehof, also eine gewachsene, aus über Jahrhunderte gereifter Erfahrung heraus entstandene Bauform, die sich als ideal erwiesen hat. Eine, die das architektonische Bild in Oberbayern prägte.

Das bäuerliche Anwesen mit in der Regel zweigeschossigem Haupthaus und Nebengebäuden wie Stall und Scheune konnte natürlich auch als Hinweis auf Reichtum und Kultur des Bauherrn und seiner Familie gelten. Ganz Wohlhabende setzten auf ihr Haus gelegentlich ein drittes Geschoss, das auch als Unterkunft für Knechte und Mägde diente.

Holz war bis zum 17. Jahrhundert das ursprüngliche Baumaterial. Ein Stoff, der richtig behandelt eine lange Lebensdauer haben kann. Später baute man aus Stein, zunächst nur Teile der Häuser, dann das Erdgeschoss, auf das ein Holzgeschoss gesetzt wurde. Die Bauherren wussten die Vorgaben der Natur zu nutzen und in die Praxis umzusetzen. Überhaupt, so der Referent, sei Holz ein Baustoff, der nicht nur Vergangenheit, sondern auch Zukunft habe.

Umfangreich war der Vortrag von Thomas Lauer, unterstützt von eindrücklichem Bildmaterial, das großteils öffentlich zugänglich ist. Es muss nur gesehen werden. Die Teilnehmer der Fortbildung für zertifizierte Markt- und Gemeindeführer und Stadtführer Bad Reichenhall haben den Blick etwas freigelegt bekommen für die über einen langen Zeitraum gewachsene Baukultur.

Deren Geschichte im ländlichen Raum hat ja kein eigentliches Ende, denn gebaut wird immer. Und so setzt Thomas Lauer, Jahrzehnte als Bauberater für die bayerische Heimatpflege tätig, auch Qualität als Maßstab für gegenwärtiges Bauen ein. Es freue ihn beispielsweise, dass die ersten Fassungen für den Neubau des Hotels »Edelweiß« nicht umgesetzt, sondern überarbeitet wurden. »Das wäre ein furchtbarer Klotz geworden, der das Bild des ganzen Ortes versaut hätte.«

Im Ausklang seines Vortrags stellte der Referent den eigenen, von seiner Familie bewohnten Zwiehof vor. Die Bilder zeigten: Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie »modernes« Wohnen möglich ist, ohne das Überlieferte grundsätzlich zu zerstören.

Am Ende gab es einen Gedankenaustausch über mit und ohne Sensibilität ausgestattete Beamte in den Denkmalschutzbehörden. Thomas Lauer reicherte diesen mit Beispielen an, in denen erhaltenswerte Baukultur durch fehlende Weitsicht zerstört werde. Ein Beispiel sei die Dachdeckung, die von der traditionellen Schindel irgendwann zu grün gestrichenem Blech überging. Dies könnte laut dem Referenten möglicherweise »Hochstapelei« sein. Der Grund: Der Alterungsprozess des Kupferdaches, wie in Salzburg verbreitet, mündet im Grünspan, was hier mit Pinsel und Farbe imitiert werde.

Eine Gästeführerin sagte den gewichtigen Schlusssatz, dessen Realisierung aber schwierig sein dürfte: »Man muss die Sinne für das Schöne bei den Menschen mehr stärken.« Dieter Meister