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Die unglaubliche Leichtigkeit des Schweren

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Vorhang auf für Rudy Horn (v.l.): Sohn Dr. Michael Horn, Helga und Rudy Horn sowie Angela Horn. Foto: Anzeiger/Meister

Berchtesgaden - Die Eröffnung der Ausstellung im Museum Schloss Adelsheim Berchtesgaden war gewissermaßen das Ende einer geheimen Mission, denn der hier Geehrte, der vor Wochen seinen 80. Geburtstag feiern konnte, sollte von der Familie und anderen Beteiligten im Unklaren gelassen werden, warum Bilder und andere im Haus von der ruhmreichen Artistenkarriere kündigenden Dinge überraschend für Rudy Horn verschwanden. Nun sind sie allerdings wieder da, wenn auch nicht am gewohnten Platz. Aber in imponierender Reihung, die abzuschreiten versprochen Erlebnis sein kann.


Die ganze, inzwischen umfangreich gewordene Familie hat am Projekt »Rudy Horn« im Verborgenen gearbeitet: Ehefrau Helga, die damals als reizende Assistentin Bälle und Teller mit Eleganz zuwarf und charmant lächelte dabei. Sohn und Kinderarzt mit Ehefrau Angela, die einschließlich der drei Kinder die Lust und das Talent zu Ausdauer und Bewegung ererbt beziehungsweise übernommen haben. Aber das ist eine andere Geschichte für den Sportteil. Museumschefin Friedl Reinbold schilderte das Zustandekommen der ungewöhnlichen Ausstellung, die einen Mann ehrt, der einst die Welt mit Jongleurkünsten eroberte und sie über Jahre in Atem hielt. Zumindest den Teil der Welt, der die Bereitschaft zum Staunen mitbrachte und den Willen, sich zu erfreuen an fliegenden Tassen und einem Mann, der auf wenigen Quadratzentimetern Bodenkontakt und in zwei Meter Höhe die Gesetze der Schwerkraft zu überlisten und zu Dingen fähig ist, die der Normalbürger nicht einmal im sicheren Sessel sitzend zustande brächte.

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In Berchtesgaden seit den frühen 1960er Jahren ist er sesshafter geworden. Der in Bewegung Geübte hat hier Ungelenken das Tennisspiel beigebracht und vielen kleinen Mädchen auf das Einrad geholfen. Letzteres unentgeltlich und das auch noch sehr gern, wie Rudy Horn im Nebensatz später sagt. Das alles unter anderem. Denn wie soll man ein 80 Jahre währendes, im Wortsinn bewegtes Leben in wenigen Zeilen zusammenfassen.

Der Kommunalpolitiker als Artist. Das ist eine schöne Vorstellung. Marktbürgermeister Franz Rasp drückte nicht nur seine Achtung vor den Leistungen Rudy Horns aus, sondern verriet seinen Nachahmungsdrang, nachdem er den einstigen Spitzenartisten mit Trommel und sieben Bällen jonglierend erlebte. Drei hat er auch geschafft, zu Hause, bevor die Resignation kam und die Erkenntnis, dass der Weg zum vierten Ball ein langer und schwerer sein würde. Also ist er doch lieber Ingenieur geworden und kümmert sich heute um die Belange der Gemeinde. Jonglierend?

»Mit 8 ein Wunderkind - mit 18 der beste Jongleur der Welt - Jetzt lebt er in Berchtesgaden«, so überschrieb eine Münchner Zeitung vor Jahrzehnten einen langen Artikel über Rudy Horn. In seiner Zeit als Artist hat er das große Publikum verzaubert, hat Zeitungsredakteure gezwungen, nach immer neuen Superlativen zu suchen und hat, so jedenfalls ist der Eindruck heute, wohl stets die Balance gesucht zwischen Ruhm und Bescheidenheit.

Beim Eintritt in den Ausstellungsraum im ersten Stock des Nebengebäudes von Schloss Adelsheim öffnet sich dem Besucher der Vorhang. Er ist in der Welt des Varietés angekommen, eingeladen in die besondere Welt des Rudy Horn, einst bester Jongleur der Welt, auch gekürter Weltmeister auf diesem Gebiet. Zumindest steht dies in den vielen Zeitungsartikeln und in einigen Urkunden, die in üppiger Reihung betrachtet werden können. Rudy Horn, der am Eröffnungstag »seiner« Ausstellung geduldig auf jede Frage antwortet, Bruchstücke aus der Erinnerung kramt, sagt dies eher nicht.

Mit Marlene Dietrich steht er posierend vor dem Fotografen, die Diva hat ihm eine persönliche Widmung geschrieben, Catharina Valente, Nadja Tiller (beneidenswert) und viele andere Prominente, Stars, Diven, gekrönte Häupter und politische Größen sind auf Bildern mit Rudy Horn abgelichtet. Die Queen hat ihm eine Urkunde verliehen und auf den »alten« Plakaten steht der Name Rudy Horn meist ganz oben und groß und viel kleiner darunter erst die 13 Hiller-Girls und noch kleiner Friedel Hensch und die drei Cypris, für deren Gesang sich damals die begeisterte Welt um die Radios scharte. Ein Guttenberg trat im Programm mit drei Hunden auf einem Pony auf, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Rudy Horn hat das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen, weil er das deutsche Nachkriegsbild in der Welt um sympathische Nuancen verbessert hat. Er hat auch die Rastelli-Trophäe erhalten, was wohl so etwas wie der Nobelpreis oder zumindest der Oscar für Artisten ist. Und nun führt er das Publikum lächelnd an seinen Lebensstationen (im Ausschnitt) vorbei, unaufdringlich und mit leisem Genuss.

In einem abgetrennten Eck sind Rudy und Helga Horn in Bewegung, ihre die Welt begeisternde Auftritte können nacherlebt werden, auf dem Bildschirm. Rudy Horn auf dem hohen Einrad fängt Unterteller und Tassen, schichtet sie im gezielten Wurf auf dem Kopf übereinander. Ein sechsstöckiger Turm wächst langsam in die Höhe. (Ohne Rad, sagt Rudy Horn, hat er sogar zehn geschafft.) Was leicht aussieht, ist schwer erarbeitet, haben sinngemäß die Redner zur Eröffnung gesagt. Es sieht sogar federleicht aus.

Museumschefin Friedl Reinbold hat wohl als Erste die Idee zur Ausstellung gehabt, als die Familie anfragte, die Museumsräume für eine kleine Feier zu nutzen. Es war eine gute Idee jedenfalls.

Und der Zeitungsberichterstatter, langjährig trainiert bei Theaterpremieren oder Kunstausstellungen, hat auch etwas dazugelernt. Die Welt der Artistik war bisher ein ihm fernes Feld. Bisher. Dieter Meister