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»Die Wehrmacht holt zum Gegenschlag aus«

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So titelte die Heimatzeitung am 1. September 1939, am Tag, an dem der Zweite Weltkrieg ausbrach. Foto: Anzeiger/Kastner

Berchtesgaden – Der Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren (1. September 1939) spiegelte sich freilich auch im »Berchtesgadener Anzeiger« wider. Wie 25 Jahre zuvor während des Ersten Weltkriegs gab es auch während der NS-Zeit keine freie Presse, sondern ausschließlich zensierte Propagandaberichte. Am 1. September 1939, als die Deutsche Wehrmacht das polnische Munitionslager in Danzig beschoss und damit den Zweiten Weltkrieg auslöste, titelte die Heimatzeitung: »Danzigs Heimkehr ins Reich vollzogen.« Siehe zu dem Thema auch die Seiten 14 und 15.


Bereits Tage zuvor bereitete die Propaganda die Bevölkerung auf den zu dieser Zeit nicht mehr vermeidbaren Krieg vor. »Immer neue unmenschliche Grausamkeiten« lasen die Berchtesgadener am 29. August 1939 groß auf Seite 1. Im Text wurde geschildert, wie die Polen angeblich ihre »brutalen Terrormaßnahmen« im Posener und Pomereller Grenzgebiet gegen die »Volksdeutschen« durch Enteignung und Brandstiftung fortsetzten. Weiter ging die Hetze mit Überschriften wie »Schwangere zu Tode gemartert«, »Kind mit dem Kolben erschlagen«, »Sinnlose Zerstörungswut«. und »Seuchen sollen Deutsche dezimieren«. Und freilich forderte die deutsche Militärführung über die Zeitung: »Danzig und Korridor müssen an Deutschland zurück!«

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»Polenterror unvermindert« ging es am 30. August 1939, zwei Tage vor Kriegsausbruch, weiter. Wieder machte die Propaganda mit angeblichen Einzelschicksalen Stimmung. »Mit Stiefelabsätzen bearbeitet«, »Volksdeutsche Flüchtlinge an der Marthe niedergeknallt« und »Ukrainer zu Tode gefoltert«, hieß es.

Modellausstellung im Rathaus

Die großen politischen Nachrichten drängten zu dieser Zeit natürlich die lokalen Geschehnisse in der Berichterstattung zurück. Am 30. August wird aber über eine Plan- und Modellausstellung im Berchtesgadener Rathaus berichtet, in der im kleinen Maßstab auch die damals im Bau befindliche Reichssportschule BDM gezeigt wurde. Sie entstand von 1938 bis 1941 auf dem Gelände der heutigen »Insula«. In einem eigenen kleinen Artikel wird außerdem ganz banal berichtet, dass man die Salzburger Festspiele trotz der brisanten weltpolitischen Lage wie geplant zu Ende führen wolle. Und das alles zwei Tage vor Kriegsausbruch.

Am 31. August 1939 spitzte sich die Lage laut Berichterstattung im »Berchtesgadener Anzeiger« nochmals zu. »Polen provoziert den Krieg!«, brüllte man dem Leser förmlich entgegen. Grund für diese Anschuldigung war die Gesamtmobilmachung in Polen. Aus diesem Grund hatte man laut Heimatzeitung auch einen »Ministerrat für die Reichsverteidigung« unter dem Vorsitz von Hermann Göring gebildet. Zwischen den vielen haarsträubenden Berichten zur weltpolitisch katastrophalen Lage mischten sich gelegentlich kleine Notizen aus dem gesellschaftlichen Leben in Berchtesgaden. Da erfuhr der Leser, dass der TSV Berchtesgaden den FC Laufen mit 11:1 geschlagen hatte und dass in Freilassing eine Bienenzüchterversammlung stattgefunden habe.

»Stunde der Entscheidung«

»Danzigs Heimkehr ins Reich vollzogen«, titelte der »Berchtesgadener Anzeiger« dann am 1. September 1939 – an dem Tag, an dem mit dem Beschuss des polnischen Munitionslagers endgültig der Krieg ausgebrochen war. Unter der Überschrift »Stunde der Entscheidung« schrieb der »Anzeiger«: »Danzig ist heimgekehrt ins Reich, deutsche Menschen, die ein verbrecherisches 'Friedens'-Diktat für immer vom deutschen Staat loslösen wollten, sind wieder eingefügt in die deutsche Staatsgemeinschaft, der seit 20 Jahren ihr Kämpfen und Leiden galt. Das ist eine Tatsache, an der die Welt nichts rütteln kann, die alle Drohungen Polens und der Westmächte nicht mehr rückgängig machen können«.

Die weiteren Schlagzeilen in der Ausgabe vom 1. September 1939 sprechen für sich: »Die Waffen sprechen!«, »Aufruf des Führers an die Wehrmacht«, »Die Wehrmacht hat den aktiven Schutz des Reiches übernommen«, »Friedensvorschlag des Führers abgelehnt«, Polen provozieren Gefecht«. In derselben Ausgabe veröffentlichte der »Berchtesgadener Anzeiger« die Namen von 66 »Blutzeugen«, die angeblich dem »Polenterror« seit Mai 1939 zum Opfer gefallen waren. Einziges lokales Thema in dieser Ausgabe war ein einspaltiger Artikel, in dem der Theaterring Berchtesgaden vorgestellt wurde. Einige wenige Inserate wiesen außerdem darauf hin, dass das gesellschaftliche Leben zumindest in eingeschränktem Maß weiterging. Die KdF-Trachtengruppe D'Watzmanner lud zum Heimatabend in den »Brennerbascht« ein und das Bauerntheater Berchtesgaden spielte den »verkauften Großvater«.

Freilich schaffte es der »Führer« am 2. September wieder auf Seite 1 der Heimatzeitung. »Der Führer ruft die Nation«, titelte der »Anzeiger« und stellte darunter fest: »Danzig war und ist eine deutsche Stadt! Der Korridor war und ist deutsch!« In derselben Ausgabe bemühte sich ein Redakteur des »Berchtesgadener Anzeigers« unter dem Titel »Der 1. September 1939« das Geschehen in der Heimat am Tag des Kriegsausbruchs zu erzählen. An diesem Tag nämlich wurde die Rede Adolf Hitlers im Berliner Reichstag übertragen und auch die Berchtesgadener versammelten sich um die Radiogeräte. Der »Anzeiger« schrieb: »Alles eilte an die Lautsprecher in den Wohnungen, in den Gaststätten, in den Betrieben, auf dem Schloßplatz, wo der Lautsprecherwagen der Kreisleitung die Übertragung vermittelte. Der Führer sprach und es war eine jener unvergesslicher Stunden, da sich die wunderbare Einheit zwischen Adolf Hitler und dem ganzen deutschen Volk herrlich offenbarte. Die Entscheidung war gefallen, die Waffen sprechen, die deutsche Wehrmacht holt zum Gegenschlag aus...«

Verdunkelung angemahnt

Der »Anzeiger«-Berichterstatter erinnerte die Bevölkerung auch daran, dass nun jeder seine Pflichten zu erfüllen habe: »Helft Euch gegenseitig, die Aufgaben bei der Verdunkelung und im Luftschutz zu erfüllen. Gestern abend hat die erstmals durchgeführte Verdunkelung bereits recht gut geklappt; es bedarf wohl auch nur dieses Hinweises, dass auch die Grablampen am Friedhof gelöscht sein müssen«. Jeder wisse, um was es geht. Der 1. September, so der Appell, solle in Berchtesgaden wie in allen deutschen Landen in die Geschichte eingehen. Er tat es. Ulli Kastner