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Die Wurzeln seines Lebens

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»Hubsi« ist immer für einen Spaß zu haben. (Repro: Pfeiffer)
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Den Beruf des Bergbrenners hat er im Dezember an den Nagel gehängt, demnächst startet Hubert Ilsanker als Zimmerer durch. (Foto: Pfeiffer)

Schönau am Königssee – Hunderte Bilder liegen vor »Hubsi« auf dem großen Tisch in seinem Arbeitszimmer. Sie dokumentieren ein ganzes Leben. Hubert Ilsanker, besser bekannt als der Bergbrenner vom Funtensee, hat viel zu erzählen. Nach über 25 Jahren hört er auf und widmet sich seinem erlernten Beruf Zimmerer. »Es war eine schöne Zeit, aber irgendwann muss man abschließen können«, sagt er. Der Verlust wiegt schwer: Als Aushängeschild für Berchtesgaden und die Region wird Hubsi kaum zu ersetzen sein.


Ein paar Jahre ist es erst her, da war ein Team der ARD zu Besuch am Funtensee, wo Hubsi viele seiner Sommer verbracht hat. Gedreht wurde für einen Beitrag, der zur Hauptsendezeit laufen sollte. »Primetime« nennt man das auf Hochdeutsch, das weiß der Hubsi. Millionen schalteten damals ein und sahen zu, wie er nach Wurzeln grub – für den ganz besonderen Schnaps. Kein Wunder, dass Hubsi beliebt ist, so gut wie jeder kennt ihn. Wenn nicht persönlich, dann zumindest aus einem der unzähligen TV-Beiträge, die über ihn gedreht wurden.

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Oder seine Musik: Der Hubsi spielt schon sein halbes Leben lang beim Oxn-Aug'n Trio mit. Und wenn selbst das noch nicht reicht, hat man vielleicht sein Buch gelesen, das er vor einigen Jahren veröffentlicht hat und das sofort ein Renner wurde. Fünfstellig hat es sich verkauft. »Ich und ein Buch – am Anfang hätte ich laut gelacht, wenn man mir das erzählt hätte«, sagt Hubsi, während er seinen Tee trinkt, auf der Eckbank in seinem Arbeitszimmer. Das Feuer im Ofen bullert vor sich hin, draußen schneit es.

In Hubsis Gegenwart fühlt sich keiner fremd. Zeitgenossen schätzen die offene und ungezwungene Art Hubert Ilsankers, des gelernten Zimmerers. Mitte der 80er-Jahre machte er die Lehre. Dann ging es für den Hubsi zur Bundeswehr. »Das war eine Zeit«, sagt er. »Besonders ernst haben wir sie ja nicht genommen.« Dann lacht er. Im Hochgebirgszug war er damals untergebracht, das war schon gut, denn sportlich war er sowieso immer unterwegs. Aber besonders viel verdient hat er damals nicht, deshalb arbeitete er nebenbei.

Graben nach dem »Gold der Berge«

Als 15-Jähriger hatte er schon mal am Priesberg Enzianwurzeln gegraben. Das Gold der Berge. »Mei, war das anstrengend«, sagt Hubsi. Mit der Spitzhacke und ohne Technik stand er damals am Hang. Weil er nach der Bundeswehr einen Job brauchte, und weil auf der Priesbergalm Hartl Rasp gesundheitsbedingt ausgefallen war, sprang Hubsi einfach als neuer Bergbrenner ein. Über ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her. »Wie die Zeit verrinnt«, sagt Hubsi und stöbert durch den Stapel der vielen Bilder, die vor ihm auf dem Tisch liegen. Auf fast jedem ist er drauf. Hubsi beim Arbeiten, Hubsi beim Musizieren, Hubsi beim Lachen, beim Geschichtenerzählen, Hubsi beim Wurzelgraben, beim Essen, Trinken und Schlafen. Hubsis Leben. »Alle Bilder sind von Gästen, die mich besucht haben«, sagt er. Gesammelt über viele Jahre in einem großen Karton. Er bastelt daraus ein großes Fotoalbum, die Zeit dazu hat er ja jetzt. Im Dezember hat er den Beruf des Bergbrenners an den Nagel gehängt.

»Es war einfach Zeit«, sagt er und bleibt vage. Natürlich erinnert er sich gerne zurück an die Anfangstage 1990, als er bei der Enzianbrennerei Grassl angeheuert hatte. Dort erhielt er zunächst Einblicke in alle Arbeitsbereiche, das Schnapsbrennen und das Abfüllen – er arbeitete als Springer. »Abwechslungsreich« sei es gewesen. Gern erinnert er sich an die Zeit, als er im Frühling und im Herbst immer in der Enzian-Brennhütte Eckerleiten war, in 1 200 Metern Höhe direkt an der Roßfeld-Panoramastraße. Wenn die anderen Brennhütten wegen Schnees nicht erreichbar sind, war Ilsanker dort, um Enzian, Meisterwurz oder Bärwurz zu brennen.

Meist von Juni bis Oktober war er auf der Priesbergalm, der wohl bekanntesten Brennhütte. 1997 fing Hubsi an, am Funtensee zu brennen, der höchstgelegenen Brennhütte auf 1 600 Metern. »Ein brutaler Zeitaufwand« sei das alles. Der Schnaps, der dort hergestellt wird, muss mit dem Hubschrauber runter ins Tal geflogen werden. Zu den anderen Brennhütten kommt man mit dem »Almfahrzeug«, so nennt es der ehemalige Bergbrenner.

Viel Gaudi auf der Hütte und das erste Buch

»Ich war viele Sommer beim Brennen«, sagt der Schönauer, denn es sei die wichtigste Zeit, um den Schnaps herzustellen. Seine Familie, seine Frau und die beiden Kinder, mittlerweile 22 und 18 Jahre alt, sind in den Sommermonaten mit dabei gewesen und auf den Brennhütten aufgewachsen. »Eine schöne Zeit war das.« Oft aber auch eine einsame, wenn die Familie im Tal war, der Bergbrenner aber seiner Arbeit nachgehen musste. »Natürlich kamen immer viele Leute vorbei. Die wollten sehen, was ich da oben mache«, sagt er. Mit ihnen hatte er viel Gaudi und das Musizieren nahm einen großen Teil der Zeit ein. Etliche Bilder erinnern daran, wie er mit Gästen das Alphorn blies oder Gitarre spielte.

Hubsi ist nicht nur im Arbeitsleben ein Alleskönner, sondern auch, was das Musikalische angeht. Etliche Instrumente stehen und hängen in seinem Arbeitszimmer. Mit dem Oxn-Aug'n Trio feiert er bis heute über die Grenzen der Region hinaus Erfolge. »In der Musik wird es weitergehen«, verspricht der 47-Jährige, während er in alten Zeitungsausschnitten herumblättert: »Das waren Zeiten, als das ZDF auf den Berg kam. Anfangs waren es 20 Leute, die mit dabei waren.« Heutzutage bestehe das klassische Fernsehteam aus drei Mann. Der Bergbrenner war im Laufe der Jahre immer wieder Thema in Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen. Er spielte in Quizshows mit, gab Radiointerviews und war das Aushängeschild des Berchtesgadener Landes. Spätestens dann, als er begann, seine Erlebnisse aufzuschreiben, um daraus ein Buch zu machen – natürlich in bayerischer Mundart. »In der Schule habe ich mich immer weggeduckt, von Rechtschreibung hatte ich sowieso noch nie Ahnung«, sagt Hubsi in seiner ehrlich-lockeren Art. Er machte einen Computerkurs: »Ich wusste ja nicht mal, wie man mit so einem Ding umgeht.« Er begann Romane zu lesen, »damit ich den Klang kriege«. Und dann, dann passierte das, was sich Hubsi nie ausgemalt hatte.

Hubsi, der Vorleser

Er saß an einem Tisch, im Rathaus in Schönau am Königssee, und hielt eine Lesung. »Ich und eine Lesung«, wiederholt er. Dann lacht der Hubsi laut auf. Bis nach Berlin und Südtirol verschlug es ihn, um aus seinem Buch vorzutragen, immer wieder begleitet von Musik. »Das war ein super Erlebnis«, sagt er. Zumal das Buch »Der Bergbrenner – Ein Langsamlesebuch« sehr erfolgreich war.

Ein paar Jahre ist das mittlerweile her. Natürlich hat Hubert Ilsanker noch viel mehr Anekdoten auf Lager, sein Hängeschrank ist voll mit kleinen Büchlein samt Notizen. Ein zweites Buch? Auf die Antwort muss man nicht lange warten: »Irgendwann schreibe ich schon wieder was«, sagt Hubsi mit einem Schmunzeln.

Ab sofort wird er sich aber auf neue Aufgaben konzentrieren: Er geht zurück in seinen Beruf als Zimmerer. »Darauf freue ich mich.« Dass er es bereuen wird, als Bergbrenner aufgehört zu haben, das glaubt der Hubsi nicht. »Am Berg hatte ich nie frei«, sagt er. Im Tal soll sich das nun ändern. Kilian Pfeiffer