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Disziplin der Schüler wichtiger als Sitzplatzrecht

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Der Kampf um Sitzplätze gehört bei der Schülerbeförderung zum Alltag. Im Berchtesgadener Talkessel allerdings ist über die abgelehnte Petition zur Sitzplatzgarantie keine Aufregung entstanden. (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – Wer kennt die Situation nicht? Für viele Kinder beginnt der Einstieg in den Schulbus mit einem Kampf um einen Sitzplatz. Wer keinen der begehrten Polster im Gedrängel ergattern kann, muss im Gang stehen. Vor Kurzem hat der Verkehrsausschuss des bayerischen Landtags eine Petition zur Sitzplatzgarantie abgelehnt. Wie das Ergebnis bei Betroffenen und Verantwortlichgen im Berchtesgadener Talkessel aufgenommen wurde, darüber informierte sich der »Berchtesgadener Anzeiger«.


Auf jahrzehntelange Erfahrung kann Busunternehmer Hermann Färbinger aus der Oberau zurückblicken und zeigt ein sachliches Verständnis für alle Beteiligten. »Wie soll man eine hundertprozentige Lösung denn realistisch in die Tat umsetzen? Stundenplanänderungen oder die Willkür der Schüler, frei über die Wahl der terminierten Busse zu entscheiden, sind immer Störfaktoren in der Kalkulation der Schülerzahlen. Und somit wird die Planung niemals das Optimum erreichen können«, erklärt Färbinger, resümiert aber im Großen und Ganzen einen geordneten Transportablauf.

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Lotte Zuckerer, Rektorin an der Bacheifeldschule, hält die Zustände ebenfalls für geordnet. Zwar gäbe es hin und wieder mal einen kleinen Engpass, aber das ließe sich nicht vermeiden. Als Präventivmaßnahme und Gewährleistung für einen sicheren Einstieg in den Bus sorgen hier und auch an den anderen Schulen im Talkessel der Hausmeister sowie Lehrkräfte.

Andreas Datz von der RVO hat mit dem Beschluss auch keine größeren Probleme, zumal die 42er Linien zum Beispiel in den Linienverkehr integriert sind und dort Stehplätze als vorgeschrieben gelten. »Etwas Fingerspitzengefühl erfordern allerdings die Bergstrecken, zum Beispiel in Richtung Buchenhöhe. Da achten wir schon darauf, dass es zu keiner Überfüllung kommt.«

Auch Schulamtsdirektor Frank Thieser (Landratsamt) bleibt gelassen, argumentiert aber analytisch. »Für die Gymnasien ist der Landkreis zuständig. Für die Schülerbeförderung der Grund- und Mittelschulen ist es die Gemeinde beziehungsweise der Sachaufwandsträger. Bezug nehmend auf die Ablehnung der Petition, sagt Thieser: »Meine persönliche Meinung ist, dass den Grundschülern schon ein Sitzplatzrecht gewährt werden sollte, da diese allein schon physisch im Nachteil sind.«

Und wie beurteilen die Busfahrer die aktuelle Lage? Auch hier hat der »Berchtesgadener Anzeiger« Stimmen eingefangen. Das Ergebnis war relativ aussagegleich und die Fahrer konnten keine dramatische Entwicklung feststellen. Klargestellt wurde aber auch, dass die Sitzplatzpflicht nicht das entscheidende Problem sei. Oftmals, und das hören die Eltern gar nicht gerne, ist es die mangelnde Disziplin der Schüler selbst. Was nützt ein Sitzplatzrecht, wenn Schüler ihren Platz verlassen und während der Fahrt durch den Gang toben?

Manche Eltern und Elternbeiratsvorsitzende wollen sich allerdings nicht mit der Ablehnung der Sitzplatzgarantie abfinden und schon gar nicht resignieren. So hört man Geschichten von Schülern, die teilweise auf dem Boden sitzen müssen. Auch Eltern übernehmen an Tagen mit hohem Beförderungsdruck gelegentlich den Transport mit dem eigenen Pkw. So hörte der »Berchtesgadener Anzeiger« bei seiner Umfrage auch den Vorwurf, dass der Staat wieder einmal die Augen vor Bürgerinteressen verschließe und das Thema auf Busunternehmen, Schüler und Erziehungsberechtigte abwälze.

Und welche Zeugnisnote würden die betroffenen Schüler selbst für die Planungsarbeit der Erwachsenen in Punkto Schulbusbeförderung geben? Die Reaktionen waren eher gelassen: Der eine findet die aktuelle Regelung »ganz okay«, der andere nicht, mancher sogar »cool« oder es kam einfach nur ein »weiß nicht«. Jörg Tessnow