weather-image
27°

Dokumentation Obersalzberg: Geschichtserzählung durch Schlüsselexponate

3.7
3.7
Bildtext einblenden
Mehr als 350 Exponate und zahlreiche multimediale Elemente sollen in der neuen Ausstellung der Dokumentation die Geschichte des Obersalzbergs neu vermitteln. (Repro: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Unter dem Leitmotiv »Idyll und Verbrechen« hat ein Team des Instituts für Zeitgeschichte am Donnerstag im AlpenCongress die neue, aus fünf Kapiteln bestehende Dauerausstellung der Dokumentation Obersalzberg einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Noch-Dokumentationsleiter Dr. Axel Drecoll kündigte die Eröffnung für Sommer 2020 an. Derzeit wird der Erweiterungsbau im Auftrag des Freistaats Bayern für 20 Millionen Euro errichtet.


Das modulare Ausstellungskonzept will mit mehr als 350 Exponaten und zahlreichen multimedialen Elementen die Geschichte des Obersalzbergs neu vermitteln. Hier, in der Idylle der Berchtesgadener Alpen, unterhielt Hitler seinen zweiten Regierungssitz. Aus dem Führersperrgebiet Obersalzberg wurde die Expansions- und Kriegspolitik des nationalsozialistischen Staates gesteuert, hier fielen zentrale Entscheidungen zu Verfolgung, Massenverbrechen und Völkermord.

Anzeige

Drei Kernaussagen sollen diese Verbindung verdeutlichen. Eine davon ist der Zusammenhang von Entscheidungen am Obersalzberg und den Auswirkungen an den Orten, an denen die Nationalsozialisten ihre Verbrechen in die Tat umsetzten: Das Begriffspaar »Täterort und Tatorte« überschreibt das zentrale Kapitel der Ausstellung. Eine zweite Kernaussage ist die »fast unerträgliche Diskrepanz zwischen dem idyllischen Regierungssitz vor der Alpenkulisse, an den sich die Spitzen des Regimes für ihre Beratungen zurückzogen, und den Verbrechensschauplätzen, an denen überall in Europa und darüber hinaus Millionen von Menschen ihr Leben verloren«, so Axel Drecoll. Kernaussage drei stellt die »Parallelität von schönem Schein, den Verheißungen der Volksgemeinschaft und gelebter Normalität auf der einen Seite, von Diskriminierung, Gewalt und Massenmord auf der anderen« dar, so der Dokumentationsleiter. Die Gleichzeitigkeit von Alltag, Verfolgung und Verbrechen gehöre zur Normalität des NS-Regimes, von den Wohnsitzen der Regimespitzen auf dem Obersalzberg bis hin zu den entlegensten Winkeln des Reiches.

Um diese didaktischen Leitmotive anschaulich vermitteln zu können, arbeitet die neue Ausstellung mit ausgewählten Biografien, deren Handlungen und Schicksale an bestimmten Schauplätzen konkret verortet werden können. Wesentliches Merkmal ist dabei auch die Verknüpfung mit Orten in der Region. Dieser exemplarische Zugriff soll die Folgen der NS-Politik im Einzelschicksal deutlich machen, Fragen nach Handlungsspielräumen im lokalen Kontext aufwerfen und den Besuchern Anknüpfungspunkte an die eigene Lebenswirklichkeit bieten. So werden ausgewählte Schicksale, etwa das eines Reichenhaller Arztes mit jüdischen Wurzeln oder mehrerer Berchtesgadener Bürger, im Detail beleuchtet.

Die Neukonzeption der Dauerausstellung »setzt sich zum Ziel, die enge Verbindung von Hitlers Hausberg mit den Massenverbrechen des NS-Regimes aufzuzeige«, so Axel Drecoll. Inhaltlich gliedert sich die Ausstellung in fünf Kapitel: Sie beschreiben den historischen Ort, seine Topografie und seine Inszenierung, die Gesellschaft im Nationalsozialismus, Expansion und Krieg, die NS-Verbrechen an ausgewählten Tatorten und den Obersalzberg nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes.

Durch die einzelnen Kapitel leiten Erzähleinheiten, die anhand eines Schlüsselexponats verschiedene Themenkomplexe in einem Ausstellungsobjekt verbinden können. So sollen etwa originale Fotoalben gezeigt werden oder Kindergasbettchen. 17 Schlüsselexponate wird es geben.

Der Weg durch die Ausstellung ist modular gestaltet, kann also auf einem »idealen« Weg begangen werden, genauso aber entlang individueller Etappen, die sich die Besucher selbst setzen. Drecoll sagt, dass man »ein ganzes Wochenende einplanen muss, um wirklich alles zu sehen.« Ein durchschnittlicher Besucher werde sich aber nur 75 bis 90 Minuten in der Ausstellung aufhalten. Ergänzt wird die didaktische Ausstattung durch verschiedene Medienstationen, die den Besuchern Gelegenheit geben sollen, die einzelnen Themen, Orte und Biografien individuell zu vertiefen.

Mit der Erweiterung rüstet sich der Lern- und Erinnerungsort auf dem Obersalzberg für den seit Jahren steigenden Besucherzuspruch: Rund 170 000 Menschen drängen Jahr für Jahr in die Ausstellung über die Geschichte des Obersalzbergs und die Zeit des Nationalsozialismus. Mit der auf 800 Quadratmeter deutlich vergrößerten Fläche, die zusätzlich noch rund 230 Quadratmeter für Wechselausstellungen bietet, war es den Verantwortlichen ein Anliegen, auch die Dauerausstellung neu zu konzipieren. Kilian Pfeiffer