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Don Quichote am Königssee

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Wo gibt's denn so was? Pfefferspray, Spielzeug und eine fragwürdige Deutschlandfahne: Das alles hat Franz Schoen sonntags in Rothenburg ob der Tauber gekauft. Die Kassenbelege beweisen es. (Foto: Fischer)

Schönau am Königssee – Sie fühlen sich im Stich gelassen. Und irgendwie veräppelt. Dabei wollen sie nur, dass alle Geschäftsleute in Bayern gleich behandelt werden. Doch während Ladenbesitzer in Füssen oder Lindau munter jeden Sonntag aufsperren, obwohl das laut bayerischem Ladenschlussgesetz verboten ist, müssen bei vielen Kollegen am Königssee die Kunden draußen bleiben. Wenn nicht, drohen drakonische Strafen des Landratsamts. Deshalb haben die Ladeninhaber Franz Schoen und Markus Zeitz erneut sämtliche bayerische Landratsämter angeschrieben.


Seit vier Jahren haben die Geschäftsleute am Königssee die Misere. Denn seitdem greifen die Kontrolleure des Landratsamts bei Verstößen gegen das Ladenschlussgesetz, das aus dem Jahr 1956 stammt, gnadenlos durch (wie mehrmals berichtet). Denn verkauft werden dürfen an Sonn- und Feiertagen nur touristische bzw. ortsbezogene Waren. Von den 33 Gewerbebetrieben an der Seestraße müssen etwa 20 an Sonn- und Feiertagen einen Teil des Sortiments verhüllen oder wegsperren. Sechs weitere Läden haben erst gar nicht geöffnet.

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Bisher konnte oder wollte den Seestraßen-Geschäftsleuten niemand helfen. Landrat Georg Grabner (CSU) scheiterte, Bürgermeister Hannes Rasp (CSU) sah keine Handhabe. Zeitz und Schoen sind verzweifelt. Unzählige Briefe, Telefonate, Besprechungen und Plakate blieben bisher erfolglos. Einmal stellte Franz Schoen sogar einen Sarg vor sein Geschäft, um gegen das Zu-Grabe-Tragen der Geschäfte zu demonstrieren. Das sorgte zwar für einen großen Medienrummel. Doch das Uralt-Gesetz gibt es immer noch.

»Die Politiker wollen uns einfach nicht ernst nehmen«, ärgert sich Schoen. »Wir sind von der Staatsregierung enttäuscht«, stellt auch Markus Zeitz klar. Aus Gründen, über die man nur spekulieren könne, wolle die CSU-dominierte Staatsregierung am Ladenschlussgesetz festhalten.

Warum dessen Einhaltung aber nicht überall so hartnäckig wie am Königssee kontrolliert wird, können die Geschäftsleute von der Seestraße nicht nachvollziehen. Und wollen das auch nicht länger hinnehmen. Schon seit Jahren suchen Zeitz und Schoen regelmäßig andere Tourismus-Hochburgen wie Rothenburg ob der Tauber oder Füssen auf. »Dort haben die Geschäfte sonntags immer auf«, weiß Schoen. Allerlei Testkäufe belegen auch, dass dort ein breites Warensortiment – vom Pfefferspray bis zum »Sexbarometer« aus Holz – im Angebot ist. »Einen Kassenbeleg gibt es aber oft nur auf Nachfrage. Damit man das Kaufdatum nicht nachvollziehen kann«, ärgert sich Schoen.

Und während woanders munter sonntags Umsatz gemacht wird, stöhnen die Ladeninhaber am Königssee. Müssen sich von Kunden beschimpfen und von anderen Geschäftsleuten auslachen lassen. Franz Schoen, der im Geschäftsgebäude auch wohnt, erinnert sich an einen Mann, dem an einem Sonntag die Sohle seines Wanderschuhs brach. »Der hat Sturm bei mir geklingelt. Aber ich durfte ihm keine Schuhe verkaufen. Der ist dann todtraurig nach Hause gefahren«, erzählt Schoen. »Und kommt wohl nicht wieder.« Genauso wie die Tagesausflügler, die früher ausschließlich zum Shoppen an den Königssee gefahren sind.

»Die Seestraße lebt nicht mehr«, ärgert sich Markus Zeitz. Was zu Umsatzeinbrüchen zwischen 20 und 30 Prozent im Jahr führt. »Die Sonntage in der Saison haben das Geld gebracht«, weiß Zeitz. Fachkräfte müssen durch ungelernte Teilzeitkräfte ersetzt werden, Investitionen nach unten geschraubt.

In dem Schreiben an die bayerischen Landratsämter und Regierungsvertreter eine Gleichbehandlung der Geschäftsleute beim Ladenschlussgesetz. »Es darf nicht mehr mit zweierlei Maß gemessen werden«, stellt Franz Schoen klar. Im Härtefall sei auch eine Untätigkeitsklage oder eine Klage wegen Rechtsbeugung denkbar. »Die Landratsämter schauen weg«, sind sich die beiden einig. Christian Fischer

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