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Drei Kreiskliniken hängen am politischen Tropf

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Karl Vetter und Lothar Seissiger, beide Mediziner und Politiker, warnen vor einem akuten Ärztemangel in der Region. Foto: Anzeiger/Hudelist

Berchtesgaden – Das Defizit der »Kliniken Südostbayern AG« beläuft sich nicht auf kolportierte 5,8 Millionen Euro, »»sondern wenn man die Abschreibungen mitrechnet, sind es eigentlich knapp 8 Millionen Euro«, weiß Lothar Seissiger, FWG-Direktkandidat für den Landkreis Traunstein und im Aufsichtsrat der Kliniken Aktiengesellschaft. So schreibe nur eines der sechs Häuser schwarze Zahlen, und zwar das Krankenhaus in Trostberg. »Leider werden aus wahltaktischen Gründen unwirtschaftliche Häuser weiter gehalten und produzieren damit Defizite.«


Aus wirtschaftlicher und ärztlicher Sicht seien nicht sechs Häuser erforderlich, so Seissiger im Rahmen einer FWG-Veranstaltung. »Krankenhäuser in Freilassing, Berchtesgaden und Ruhpolding aufrecht zu erhalten, ist eine rein politische Entscheidung.« Heute Nachmittag wird übrigens die Kliniken AG in einer Pressekonferenz mögliche Einsparpläne präsentieren (Bericht folgt).

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Die ärztliche Versorgung in den Kreisen Traunstein und Berchtesgadener Land war das Thema einer schwach besuchten Veranstaltung der Freien Wähler. Dabei wurde schnell klar, dass es im Bereich der Hausärzte und Fachärzte schon einen akuten Engpass gibt. Während Landratsstellvertreter Rudi Schaupp aus Berchtesgaden der Meinung ist, dass der Landkreis Berchtesgadener Land »noch gut versorgt ist«, widerspricht ihm Michael Jochum, Internist und Hausarzt in Piding. »Ein Arzt in Ainring hat aus gesundheitlichen Gründen aufgehört und keinen Nachfolger gefunden. 1 000 Patienten waren plötzlich ohne Hausarzt.« Auch in Bad Reichenhall und anderen Orten hätten Ärzte ihre Praxen geschlossen. »Wir steuern auf eine Katastrophe zu.« Auch der ärztliche Notdienst sei so nicht mehr sicherzustellen, »wahrscheinlich werden Bereitschaftspraxen in den Krankenhäusern kommen, wo die Patienten hinkommen müssen, wenn sie gehfähig sind«, so Jochum.

FWG-Kreisrat Lothar Seissiger, selbst Facharzt in Siegsdorf, bestätigt, dass sich die ärztliche Versorgung verschlechtert. So würden im Landkreis Traunstein drei Notarzt-Gruppen in Grassau, Reit im Winkl und Schleching aufgelöst, weil nicht mehr genug Ärzte zur Verfügung stehen. »Das heißt, am Wochenende müssen die Notfallpatienten nach Traunstein fahren oder mit der Rettung gebracht werden, was wiederum neue Kosten verursachen wird.«

Ärzte keine Spitzenverdiener

Auch der in den Medien gestreute, »sehr gute Verdienst der Ärzte« ärgert die Mediziner. »Mit rund 800 Scheinen pro Quartal ist ein Umsatz von 50 000 bis 60 000 Euro zu erzielen, in drei Monaten«, erklärt Seissiger. Davon müssten allerdings Kosten für das Personal, die Miete und Kosten für teure, medizinische Geräte abgezogen werden. Vom »Gewinn« seien dann noch Steuer und Altersvorsorge zu bezahlen, »sodass am Ende ein Nettogehalt von 3 500 Euro pro Monat übrig bleibt, was angesichts von 80 bis 90 Stunden pro Woche nicht zu viel ist«.« Ein angestellter Oberarzt mit geregelten Dienstzeiten würde auf rund 12 500 Euro pro Monat kommen.

Betriebswirtschaftler regieren Kliniken

Der gesundheitspolitische Sprecher der Freien Wähler im Bayerischen Landtag, Karl Vetter, kritisierte, dass in Kliniken nur mehr Betriebswirte das Sagen hätten. Es würden zu viele Operationen durchgeführt, nur damit die Häuser ausgelastet seien. Michael Hudelist

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