weather-image

Drogenabhängiger klaut Schultasche

5.0
5.0

Berchtesgaden/Laufen – Der 13-Jährige hatte seine Schultasche nur kurz vor dem Second-Hand-Laden im Berchtesgadener Zentrum abgestellt. Und plötzlich war sie weg. Mitgenommen von einem 41-jährigen arbeitslosen Berchtesgadener. Dessen Beteuerung, er habe die Tasche ja bloß aufs Fundamt bringen wollen, glaubte Amtsrichter Dr. Karl Bösenecker nicht und verurteilte den vielfach vorbestraften Mann zu einer weiteren Bewährungsstrafe. Und zu 60 Stunden gemeinnützige Arbeit.


Ein Freund soll den Mann noch davor gewarnt haben, die Tasche mitzunehmen. Vergeblich. Der Arbeitslose nahm sie an diesem 9. März 2015 einfach an sich. Der Schüler erzählte im Zeugenstand, wie er selbst in den Nachbargeschäften nach seiner Tasche gefragt habe, und schließlich rasch zum nahe gelegenen Fundbüro gelaufen war. Ohne Erfolg.

Anzeige

»Es war ein wildes Durcheinander«, schilderte ein 49-jähriger Beamter der Polizeiinspektion Berchtesgaden die Hin- und Herfahrten auf der Suche nach der Tasche und dem Täter. Der konnte aufgrund der Angaben seines Freundes und des Ladenbesitzers rasch ausfindig gemacht werden, war jedoch bei seiner Wohnung nicht anzutreffen. Die Suche nach der Tasche führte die Beamten sogar in den Friedhof, wo diese angeblich entsorgt worden war.

Schließlich dann die Meldung, die Tasche sei zurück beim Second-Hand-Laden, wo sie der Bub wieder in Empfang nehmen konnte. »Ich weiß, der Mann hat Schwierigkeiten«, berichtete der Polizeibeamte über den ihm bekannten Angeklagten, »er hat schlecht ausgeschaut an diesem Tag. Ich vermutete eine Notlage.« Zu seiner nächsten Schicht habe er den 41-Jährigen dann zur Vernehmung geladen, was der Angeklagte jedoch telefonisch wieder abgesagt hatte. Auch eine zweimalige schriftliche Vorladung habe nicht gefruchtet.

Mehrmals musste Richter Bösenecker den Angeklagten verwarnen, und drohte nach wiederholten Einwürfen des Mannes sogar mit einem Ordnungsgeld. Der Schüler aus Schönau widersprach der Darstellung des Angeklagten, die Tasche habe abseits des Geschäftes und der dort vor dem Eingang befindlichen Waren gestanden. »Das Wertvollste darin war mein Taschenrechner«, beschrieb der Bub die etwa fünf Jahre alte Schultasche, aus der letztlich nichts gefehlt habe.

Der Versicherung des arbeitslosen Mannes, er habe die Tasche ins Fundbüro bringen wollen, glaubte Staatsanwältin Julia Fetschele nicht. Davon habe er bei der Polizei nichts erwähnt. Im Übrigen wäre das Fundamt ganz in der Nähe gewesen. Und sein Freund soll ihn ja noch vor einer Mitnahme gewarnt haben. Fetschele verwies auf die vielfachen, auch einschlägigen Vorstrafen des Mannes. Insgesamt 21 Einträge finden sich im Bundeszentralregister, weswegen die Staatsanwältin dem Berchtesgadener keine Bewährung mehr einräumen mochte. Sie plädierte auf vier Monate Haft.

Richter Karl Bösenecker wollte einen gewissen »Suchtdruck« bei dem drogenabhängigen Mann zur Tatzeit nicht ausschließen. Weil der Angeklagte seit April an einem Substitutions-Programm der Caritas teilnimmt, sah Bösenecker jedoch »Anhaltspunkte« dafür, dass der Mann sein Leben in den Griff bekommen könne. »Mit Bedenken und unter Bauchweh« mochte ihm der Strafrichter daher noch einmal eine vierjährige Bewährungszeit zugestehen, entschied ansonsten auf eine dreimonatige Freiheitsstrafe. Nach Anweisung der Marktgemeinde Berchtesgaden hat der Verurteilte 60 Stunden gemeinnützige Arbeit zu leisten.

»Da will man was Gutes tun, und dann wird einem ein Strick draus gedreht«, haderte der Berchtesgadener mit dem Urteil und sprach von »Ideologie« allein deshalb, weil er vorbestraft sei. »Mir fehlen die Worte.« Ob er das Urteil annimmt oder in Berufung geht, ließ der Mann nach der Verhandlung offen. Hannes Höfer