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Durch Grönland mit Hubert von Goisern

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Rund 150 Besucher lauschten dem Vortrag des Berchtesgadeners Alexander Huber (l.), wie er etwa die Göll-Ostwand in einem spektakulären Versuch meisterte. Im Gespräch danach gab es nützliche Tipps. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Paul Preuß ist Alexander Hubers Vorbild. Daraus macht der Extremkletterer während seines neuen Vortrags anlässlich des Festivals »BERGinale« im AlpenCongress keinen Hehl.


Preuß gilt als der geistige Vater des Freikletterns, der die Verwendung von Hilfsmitteln ablehnte. Auch, wenn Huber darauf nicht ganz verzichten mag: Seine Expeditionen in die Matterhorn-Nordwand, nach Grönland und eine Erstbegehung der Göll-Ostwand im unteren elften Grad in seiner Heimat sind für die Zuhörer spektakulär genug.

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Alexander Huber hängt an einem mächtigen Überhang in der Zmuttnase in der Matterhorn-Nordwand. Filmaufnahmen davon sind gerade im Hintergrund zu sehen, dazu erklärt Huber im AlpenCongress: »Das ist wahrscheinlich die exponierteste Stelle der gesamten Alpen.« Huber wagte sich damit an ein Extrem, das ihn schon vor 20 Jahren gereizt hatte, als er das erste Mal in der Matterhorn-Nordwand unterwegs war.

»Respekt hatte ich damals vor dem Überhang«, sagt er. Deshalb umging er ihn. »Ich hätte keine Chance gehabt.« Gemeinsam mit dem Schweizer Dani Arnold als Seilpartner, »einer der besten Eiskletterer überhaupt«, wagte er es schließlich. Die Zmuttnase ist ein rund 40 Meter auskragender Überhang, sagt Huber, »eine echte Herausforderung«, bislang von niemandem begangen. Der Überhang ist vergleichbar mit dem großen Dach an der westlichen Zinne, nur mit einer anderen Exponiertheit, in der Nordwand-Atmosphäre eines Viertausenders, so der Extremkletterer. Für Huber ist es »abgefahrenes Gelände«.

In technischer Hinsicht müsse man gewappnet sein, nur die Stärken des Einzelnen führen zum gemeinsamen Erfolg. Man sollte das extreme Klettern im Überhang genauso beherrschen wie das Klettern im kombinierten Gelände aus Fels und Eis. Weil das Unterfangen an einem Tag nicht möglich ist, entschieden sich Huber und Arnold dafür, ein Biwak in der Wand aufzuschlagen: »Wenig Platz, die Temperaturen waren eisig kalt.« Erreicht hat er sein Ziel am Ende. »Da steht man dann ganz oben, schaut nach unten und weiß, dass einem gerade etwas Einzigartiges gelungen ist. Der exklusive Blick von oben belohnt einen dann im besonderen Maße«, sagt er. Auf dem Matterhorn-Gipfel herrsche große Leere rundherum. Huber geht sogar soweit zu sagen, dass das Matterhorn der zweitschönste Gipfel der Erde ist – nach dem des Watzmanns.

Klettern ist für Alexander Huber sein Lebenselixier. Den Körper an den Rand der eigenen Leistungsfähigkeit zu bringen, sei herausfordernd. »Konzentration ist das A und O, weil man immer weiß, dass ein falscher Griff der letzte sein kann.« Und vielleicht ist es gerade dieses Wissen, dass den Extremkletterer so anspornt, es seinem Vorbild Paul Preuß gleich zu tun und oft auf Hilfsmittel zu verzichten. Dessen Philosophie beeindruckt Huber. Preuß habe große Spuren im Alpinismus hinterlassen, wie er mehrfach erwähnt.

Das Gute am Klettern sei, dass es immer wieder Ziele gebe, die man erreichen könne. »Der eine will gemütlich auf einen Berg hochspazieren, der andere möchte auf den höchsten Gipfeln stehen, andere wollen free solo durch die Wände gehen.« Überzeugt ist Huber davon, dass man nie alle Ziele schaffen könne. »Deshalb wird der Alpinismus für die Menschheit auch immer interessant bleiben.«

Auf Tour durch Grönland mit Hubert von Goisern

Interessant war für Huber auch seine Grönland-Erfahrung mit Hubert von Goisern. Mit dem bekannten Musiker und Sänger brach er nach Ostgrönland auf eine Skitour auf. »Hubert wollte in der Abgeschiedenheit ein Konzert geben, ich wollte eine Erstbesteigung machen«, sagt Huber. Begleitet wurden sie von einem Fotografen- und Filmteam.

Huber traf auf einen erfahrenen heimischen Fischer, der die eisige Umgebung, fernab der Zivilisation, gut kennt. Dieser sollte ihn begleiten. Mit einem Hundegespann ging es auf eine mehrtägige Reise durch das Eis, in Richtung eines Berges, den der Berchtesgadener auserkoren hatte. Vier Robben, »Kraftstoff für die Hunde«, hatten sie dabei. Eine Robbe reicht für rund 25 Kilometer. 50 Kilometer Wegstrecke auf dem Eis des Meeres waren zurückzulegen.

»Die Landschaft ist gewaltig«, sagt Alexander Huber. »Wahnsinnig zapfig« sei es gewesen, immer voran die »schwer zu bändigende Meute Hunde«. Weil sein Begleiter nur Ostgrönländisch und Dänisch sprach, hatte sich Huber einen Zettel mit 50 Wörtern vorbereitet, die zur Verständigung dienten. »Es war nicht einfach, aber von Tag zu Tag haben wir uns besser verstanden«, sagt Huber. Das Wetter bereitete große Schwierigkeiten. Die Kälte war erdrückend der Aufstieg zum Gletscher mit dem angrenzenden »Ritterknecht«, den Huber zum Erstbesteigen gewählt hatte, war mit dem Hundeschlittengespann nicht möglich. Zumal die Zeit drängte, denn die Robben als Futter für die Hunde waren knapp bemessen. »Ich musste einen anderen Berg wählen«, sagt er. In der Tat fand er diesen bei seinem nächsten Ostgrönland-Besuch. Zwei Wochen Zeit nahm er sich. »Das Gebiet dort ist riesig«, sagt Huber. Als »Energieleistung« bezeichnet er den Weg, um zum Berg zu kommen. Der Aufstieg: mühsam. 18 Stunden war Alexander Huber am Ende unterwegs.

Ganz so lange brauchte er für seine Erstbegehung in der Göll-Ostwand in seiner Heimat nicht. Das Gebiet gilt als gefährlich. Allein der Weg hin zum Berg ist ein Unterfangen, auf das sich viele nicht einlassen würden.

Wasserstreifen als Orientierung

»Hochabsturzgefährdetes Gelände«, sagt Huber, steile Wiesenflächen, mächtige Senkrechten. »Es hat mich brutal gereizt.« Huber wollte eine Wand erstbesteigen, seine Orientierung war ein zentraler Wasserstreifen. Dessen Ziel war ein Alleingang, eine »sturzfreie Begehung« in einer Wand, die für den Außenstehenden so glatt erscheint, dass man als Zuschauer feuchte Hände allein vom Zuschauen bekommt. Von oben galt es für Huber auf Skiern abzufahren, in einem Gebiet, das bis zu 50 Grad Gefälle aufweist. Ein Sturz kann tödliche Folgen haben. »Ich war wirklich nervös«, sagt Huber rückblickend. Immerhin beinhaltet die Wand neun Seillängen, kleine Leisten, wenige Griffmöglichkeiten. Ein erster Versuch scheiterte, Huber stürzte, blieb im Seil hängen. »Damit hatte ich zu kämpfen«, sagt der ambitionierte Kletterer. Versuch Nummer zwei, ein paar Wochen später, brachte den gewünschten Erfolg: »Meter für Meter habe ich mich nach oben gearbeitet, Kletterzug für Kletterzug.« Ein Video zeigt, wie er auf Skiern nach unten fährt. Die Zuschauer spendetem Alexander Huber hierfür lang anhaltenden Applaus.

Alexander Huber sagt, dass er sich draußen zuhause fühle. Es müsse nicht unbedingt ein elfter Schwierigkeitsgrad sein, um persönliche Zufriedenheit zu erlangen. »Jeder kann sein Bergsteigen so erleben, wie er es sich vorstellt.« Für Huber werden es die Extreme bleiben. »Diesen Weg habe ich eingeschlagen, das macht mich zufrieden.« Kilian Pfeiffer