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26°

Durchblutungsfest beim Kältetest

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Ulli Kastner ist trotz der klirrenden Kälte noch gut drauf. Er und 29 andere Eiswasser-Schwimmer haben sich am Samstag in die Fluten des Königssees gewagt. (Fotos: B. Stanggassinger)
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Tief Luft holen: Gleich geht es rein ins eisige »Vergnügen«. Der Redaktionsleiter blickt skeptisch auf das, was ihn erwartet. Mehr Bilder gibt es online unter www.berchtesgadener-anzeiger.de.
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So ist es richtig: Trotz der Eiseskälte haben Dr. Karen Lagler (r.) und ihre mutigen Eisschwimmer noch gut Lachen.
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Die knallharten Kerle lassen sich – fast – nichts anmerken. Wobei der Blick Ulli Kastners (l.) Bände spricht.
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Ein paar Mal kräftig Kraulen war sogar bei drei Grad Wassertemperatur drin. Die Kälte macht sich dennoch langsam bemerkbar.
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Die Zuschauer backen köstliches Stockbrot, während die Schwimmer im Königssee planschen.

Schönau am Königssee – Minus 16 Grad Celsius Außentemperatur zeigt das Thermometer an diesem Samstagmorgen, am Nachmittag sind es dann »nur« noch minus acht Grad. Der Königssee friert bereits zu, das Wasser ist ganze drei Grad Celsius kalt. Nicht gerade prickelnde Bedingungen für die Winterbadeaktion im Rahmen von Dr. Caren Laglers Gesundheitswochen »Fit durch unser Gmoa« in Schönau am Königssee. So sah es jedenfalls »Anzeiger«-Redaktionsleiter Ulli Kastner, der aus leicht nachvollziehbaren Gründen am Samstagmorgen kurz davor war, den für heuer geplanten Selbstversuch im eisigen Nass abzublasen. Aber als »Weichei« wollte er keinesfalls gelten. Und so tat der Journalist, als sei er ein ganz harter Hund und sprang mit rund 30 Kälteunempfindlichen ins Eiswasser. Ein Erfahrungsbericht über eine haarsträubende Aktion, die auch noch gesund sein soll.


Die Hoffnungen, dass die Lufttemperatur am Königssee zum Badetermin um 14 Uhr wenigstens die Null-Grad-Marke erreichen könnte, zerschlagen sich schnell. Fast verzweifelt muss ich feststellen, dass die Sonne längst hinter dem Watzmann verschwunden ist und rund um das »Echostüberl« die klirrende Kälte zurückgekehrt ist. Auf der Kunsteisbahn wird gerodelt, der Königssee ist fast bis zum »Echo-stüberl« vereist – und ich Trottel habe Badesachen zum Schwimmen dabei. »Fehlen nur noch Sonnenöl und Flossen«, denke ich mir. Aber wenigstens ist mir momentan nicht kalt. Ich bin in meine dickste Daune gehüllt und habe für alle Fälle sogar eine warme Überhose im Rucksack. Ich habe keine Ahnung, was mich erwarten wird. Ich weiß nur eins: Jetzt muss ich auch ins Wasser, denn als Sportler will man sich natürlich nicht blamieren. Und Redakteurskollege Christian Fischer würde mir ein Kneifen nie verzeihen. »Solche Geschichten lesen die Leute«, hat er mir noch zugerufen, als er sich ins Wochenende verabschiedete. Ich stelle mir vor, wie er gerade zu Hause in der warmen Badewanne liegt.

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Rund 100 Zuschauer

Auf dem Weg zum »Echostüberl« betrachte ich die geschlossene Eisdecke vor der Seeklause und zweifle erneut, ob ein Mensch solche Wassertemperaturen überhaupt aushalten kann. Gleich hinter der Eisfläche sehe ich schon die Menschenmassen und zwei Zelte. Rund 100 Zuschauer sind gekommen, um kopfschüttelnd das Treiben zu betrachten. Die Feuerwehr ist da, die Wasserwacht passt auf, dass nichts passiert. Dr. Caren Lagler, Initiatorin der Gesundheitswochen, und Tourist-Info-Leiterin Teresa Hallinger regeln die letzten organisatorischen Dinge. Die Ärztin selbst war bereits im Wasser und legt als Beweis Fotos vor. »Da hat die Sonne noch gescheint«, sagt sie lächelnd. »Super«, denke ich mir und werde ins angenehm erwärmte Umkleidezelt geschickt. Männer links – Frauen rechts. Zehn harte Kerle sind wir in unserem Zelt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich der einzige Winterbade-Neuling unter lauter Experten bin. Vorsichtig stelle ich ein paar Fragen und bekomme prompt einige wichtige Tipps. »Echo-stüberl«-Wirt Andreas Massury empfiehlt, unbedingt Badeschuhe oder Ähnliches zu tragen. Weil ich nur warme Winterschuhe dabei habe, leiht er mir ohne zu zögern seine Turnschuhe. Fand ich echt nett. Gemeinderat Stefan Lochner ist als Maschkera gekommen und war schon letztes Jahr dabei. Er macht mir Mut. »Das ist eigentlich gar kein Problem. Wenn Du raus kommst, wird Dir richtig warm«, sagt er. »Bestimmt«, antworte ich. Stefan hat wie die meisten Teilnehmer am Winterbadespektakel bei der Leberfastenkur von Dr. Caren Lagler mitgemacht. Von den Gemeinderäten ist auch noch Rudi Schwaiger, Busunternehmer aus der Schönau, dabei. Er war vorher bereits mit Dr. Caren Lagler im Wasser und wird jetzt noch mal baden gehen. Immerhin sind ja jetzt auch mehr Zuschauer da.

Eisbaden statt Schlittschuhlaufen

Kurz vor dem »Anpfiff« kommen noch zwei Männer ins Zelt, die keiner kennt. Die beiden Landshuter wollten eigentlich zum Schlittschuhlaufen an den Königssee. Sie waren fest davon überzeugt, dass der See komplett zugefroren ist. Kurzerhand tauschen sie die Schlittschuhe gegen Badehose und haben so doch noch etwas vom Königssee. Als ich gerade mit dem Umziehen fertig bin und in Badehose und Turnschuhen dastehe, geht’s auch schon los. Beim Verlassen des Zeltes warte ich auf den Kälteschock, doch der kommt nicht. Dabei brauche ich mindestens zwei Minuten, ehe ich mich durch die Zuschauermassen zum Seeufer durchgekämpft habe. Und dann blockieren auch noch die Badedamen den Zugang zum Wasser. Ich erkenne auf die Schnelle nur Katja Springl und Theresa Bründl vom Organisationsteam. Immerhin kann ich durch die kurze Wartezeit den Applaus der Zuschauer noch ein wenig genießen. So ein Star-Dasein hat schon was. Jetzt gibt’s definitiv kein Zurück mehr. Als ich das Wasser an den Füßen spüre, gebe ich Gas. Zwei Sekunden später steht mir das eisige Wasser bis zum Hals. Zwei, drei Sekunden ist es einigermaßen auszuhalten, dann beginnt der Schmerz. Doch ich will wenigstens ein paar Schwimmzüge machen und bleibe noch zehn Sekunden. Dann pressiert's. »Schnell raus«, denke ich mir. Doch daraus wird nichts. Jetzt ist der Ausgang blockiert und mir frieren die Füße ein. Und dann beschwert sich auch noch »Anzeiger«-Fotograf Bernhard Stanggassinger, der von mir noch kein Bild im Wasser gemacht hat. Heldenhaft steige ich noch einmal zurück ins arktische Gewässer und flehe Bernhard an, endlich abzudrücken. Doch zwei Damen versperren die Sicht. Dann endlich, zwei Sekunden hat Bernhard Zeit, dann eile ich ins Trockene und warte auf das Prickeln, das mir Stefan Lochner prognostiziert hat. Es kommt tatsächlich. Doch ich denke an meinen hartnäckigen Husten und eile ins erwärmte Zelt. Es ist geschafft. Der Körper wird schnell wieder warm, ich gönne mir eine Tasse Glühwein und einen Kaffee im »Echostüberl«. »Ich bin froh, dass nichts passiert ist«, sagt mir Dr. Caren Lagler über die Schulter. Und ich erst. Ulli Kastner