weather-image
24°

Ein »fast vergessenes Verbrechen«

3.3
3.3
Bildtext einblenden
Der US-Flieger Chester Coggeshall wurde vom ehemaligen Freilassinger Bürgermeister August Korbus erschossen, sagt Susanne Meinl.

Berchtesgaden – Über ein bewegendes Thema referierte die freie Historikerin Dr. Susanne Meinl beim jüngsten Obersalzberg-Gespräch im Kongresshaus.


Bis heute sei die genaue Zahl der ermordeten Flieger, die während der NS-Zeit umgebracht wurden, unbekannt. Die Wissenschaftlerin stellte in ihrem Vortrag neueste Forschungen mit dem Schwerpunkt auf Süddeutschland und dem Berchtesgadener Land vor. Zwei Fälle des »Pilotenjagens« sind aus Mühldorf und Freilassing bekannt.

Anzeige

Am 6. Juni 1944, dem Tag der Invasion in der Normandie, diskutierten die NS-Führung und das Oberkommando der Wehrmacht am Obersalzberg auch das weitere Schicksal abgeschossener alliierter Flieger. Die Beratungen endeten mit einer Idee, die perfide ist: »Sonderbehandlung«, das heißt die Ermordung der Kriegsgefangenen in Konzentrationslagern. Bereits im Vorjahr waren in bewusster Verletzung der Genfer Konvention zahlreiche Flieger getötet worden. Martin Bormann, Leiter der Parteikanzlei, und Joseph Goebbels heizten die Lynchstimmung weiter an. Ende Mai 1944 notierte der Propaganda-Minister in sein Tagebuch: »Es wird sicherlich sehr bald in Deutschland das große Pilotenjagen einsetzen.«

US-Flieger kommen auf grausame Weise zu Tode

Wenn Susanne Meinl über diese Morde an alliierten Fliegern spricht, merkt man ihr ihre Anteilnahme an. Die Historikerin beschäftigt sich seit Jahren als eine von wenigen mit diesem Thema. Sie hat mehrfach die Vereinigten Staaten besucht, in zahlreichen Archiven gestöbert, sie hat sich mit Zeitzeugen unterhalten und ihre Ergebnisse akribisch notiert. Herausgekommen ist eine detaillierte Beschreibung mehrerer Ereignisse, in denen alliierte US-Flieger teils auf grausame Weise zu Tode gekommen waren.

Bis heute ist die genaue Zahl der ermordeten Flieger unbekannt. Anhand unzähliger Beispiele lässt sich aber erahnen, wie die Lynchjustiz Programm hatte. Viele Propagandamären kursierten, etwa, dass Flieger für Bombenangriffe auf die deutsche Zivilbevölkerung hoch dotiert wurden. »Mir ist es selbst passiert, dass mir ein damals jugendlicher Flakhelfer die Geschichte von den 50 000 Dollar erzählt hat, die ihm wiederum ein im Sommer 1944 notgelandeter Amerikaner angeblich erzählt hat«, sagt Susanne Meinl. Damit wurde die Wut im Volk geschürt.

Bildtext einblenden
Dr. Susanne Meinl beschäftigt sich seit Jahren mit einem wenig beachteten Thema: dem »großen Pilotenjagen«. (Foto: Pfeiffer)

Angriffe auf die Zivilbevölkerung

In der Tat erreichte die Intensität der Bombenangriffe auf weite Teile des Deutschen Reiches einen neuen Höhepunkt. Von England aus startete die Royal Air Force bei Nacht und flog gezielte Angriffe auch auf die Zivilbevölkerung im Rahmen des »moral bombing«: der Zerstörung der deutschen Kriegsgesellschaft. Bei Tag kamen die US-Bomber der 8. US-Air-Force aus England und führten Präzisionsangriffe vor allem gegen die Rüstungsindustrie, Treibstofflager und Verkehrsknotenpunkte durch.

Verzweifelt habe die Propaganda im Innern versucht, die Menschen mit der Ankündigung von Wunderwaffen bei der Stange zu halten. Denen, die notgelandete alliierte Flieger korrekt behandelten, seien von NS-Führern wie Martin Bormann und Heinrich Himmler mit der Zwangsverpflichtung zum Räumen von Bombenschäden oder – in schweren Fällen – mit der Einweisung in Konzentrationslager gedroht worden. Im Mai 1944 sei dann die nächste Eskalationsstufe erreicht gewesen, sagt Susanne Meinl.

Aus dem Tagebuch von Josef Goebbels habe sie einen Eintrag recherchiert, in dem er sich mit Hitler über einen Artikel zum Luftkrieg abstimmte. Darin sollte er schreiben, dass die Reichsregierung »solche Piloten nicht mehr vor der Wut des Volkes (…) schützen« könne. Der in Printmedien und im Rundfunk verbreitete Text von Goebbels verfolgte mehrere Zwecke: Er sollte die Bevölkerung an der Heimatfront zu weiteren Übergriffen anstacheln. Nach Polizei, Gestapo und SS seien im gleichen Zeitraum die Funktionäre und Mitglieder der NSDAP radikalisiert worden. Ende Mai habe Martin Bormann die Parteiangehörigen indirekt zum Lynchmord aufgefordert.

Lynchmob verprügelt abgestürzte Crew

Mehrere Fälle aus der Region, die Historikerin Meinl zusammengetragen hat, zeigen die Brutalität, mit der alliierte Flieger zu Tode kamen: Im Juni 1944 stürzte in der Nähe von Schloss Kleßheim eine US-amerikanische B-24 ab. Ein Teil der Crew überlebte den Absturz, einer der Flieger sei aus der Salzach gerettet worden, sagt Meinl. Andere seien von einem aufgebrachten Lynchmob aus Einheimischen, Parteigenossen und Wehrmachtsangehörigen in Salzburg verprügelt worden: »Wie in vielen Fällen ging der Aufruf dazu von einer Frau aus«, sagt die Geschichtswissenschaftlerin, die mehrere Fälle notiert hat.

Besonders schlimm sei es einem verletzten Bombenschützen ergangen, der als »Neger« beschimpft wurde, obwohl er ein Weißer war – allerdings mit sonnengebräunter Haut. »Zwei Hitlerjungen hielten ihn fest, damit sich eine Frau an dem verletzten Gefangenen vergreifen konnte«, sagt Susanne Meinl. Sie hat zahlreiche Angriffe im Münchner Umkreis dokumentiert, bei denen Amerikaner verprügelt, missbraucht oder erschossen wurden.

Am 15. und 16. April 1945 seien es zwei abgestürzte Tiefflieger gewesen, die in Mühldorf und in Freilassing in deutsche Hände fielen: Der Bürgermeister von Töging am Inn, Matthias Zierhut, habe in Mühldorf versucht, einen abgeschossenen Jägerpiloten zu lynchen, wurde aber an der Tat gehindert. Anders ging es in Freilassing aus: Der dortige Bürgermeister und Ortsgruppenleiter August Korbus erschießt den US-Amerikaner Chester H. Coggeshall. »Ob auch auf Befehl von oben, nämlich im Auftrag des Kreisleiters von Berchtesgaden-Laufen, versuchten ein US-Militärgericht und die deutsche Spruchkammer über zehn Jahre lang zu klären«, so Susanne Meinl.

Der Kreisleiter war Bernhard Stredele, dessen Fall vor einigen Jahren diskutiert worden war. Im Gerichtsverfahren tischten die Beteiligten damals alle möglichen Versionen des Mordes auf, sagt Meinl. Korbus habe den Befehl des Kreisleiters Stredele erhalten, den Amerikaner zu erschießen. Dessen Sicht war eine ganz andere: »Keine Telefonate mit Korbus, keine Befehle, kein Mitwissen, keine Verantwortung«, sagt Historikerin Meinl. Alles sei nur ein Racheakt eines »untergeordneten, schwierigen Untergebenen« gewesen.

Schuldig oder nicht schuldig? Und überhaupt: Wer war schuldig? Susanne Meinl, die über 2 000 Seiten Verhöre und Zeugenaussagen durchforstet hat, fällt es schwer, ein abschließendes Urteil zu fällen. »Möglich sind alle Szenarien, denn wer sich durch die Hunderte vor Gericht gelandeten Fälle gearbeitet hat, wird alles finden, was menschliches Handeln in sich logisch ausmacht. Zorn und Hass, Mitleid und Mut, Feigheit, Verdrängung und selektive Wahrheit.« Kilian Pfeiffer