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Ein Feiertag ohne religiöse Bedeutung

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Gemeinsam mit den Asylbewerbern von der »Waldluft« feierten die Asylanten von der Königsseer Straße ihre erste gemeinsame Weihnachtsfeier. Organisiert wurde das Fest von Flora Kurz im Café »Waldluft«. Foto: Anzeiger/Wechslinger
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Eine Welle der Hilfsbereitschaft: Zahlreiche Berchtesgadener Bürger unterstützen die Asylbewerber in der Königsseer Straße mit Sachspenden. Hier packen gerade alle gemeinsam an, um einen Spind in den Gemeinschaftsraum zu schleppen.
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Muhammad (l.) und Akhtar freuen sich auf das Weihnachtsfest, auch wenn es für die beiden Muslime keine religiöse Bedeutung hat. Fotos: Anzeiger/Schüssler

Berchtesgaden – Weihnachten ist das Fest der Familie. Die jungen Asylbewerber aber, die seit vier Monaten zusammen in der Königsseer Straße in Berchtesgaden wohnen, müssen den heutigen Heiligabend fern von ihren Familien verbringen. Die jungen Männer, die sich bis zu ihrer Ankunft in Berchtesgaden untereinander nicht kannten, setzen dem Heimweh eine gute Gemeinschaft entgegen. Telefonischen Kontakt mit den Familien zu Hause gibt es nur spärlich. »Wir sind unsere Familie«, bringt Muhammad das Klima im Haus auf den Punkt.


Der junge Pakistani ist der inoffizielle Pressesprecher der Gruppe. In seiner Heimat hat er eine gute Privatschule besucht und spricht daher hervorragend Englisch. Gelegentlich muss Muhammad, der einen Bachelor in Wirtschaft erworben hat, auch als Übersetzer helfen, denn Englisch dient auch als Hilfssprache der Gruppe mit ihren verschiedenen Muttersprachen sowie beim Deutschunterricht. Akhtar, dem ältesten Mitbewohner, räumt die Gruppe das letzte Wort bei Konflikten ein. »Man könnte sagen, Akhtar ist der Präsident und ich bin der Minister«, meint Muhammad schmunzelnd. Die Rolle als Kommunikator macht ihm sichtlich Freude, nur über seine Familie zu Hause spricht er verständlicherweise nicht gerne – dafür vermisst er sie einfach zu sehr.

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Das gute Klima, von dem Muhammad spricht, kann man als Besucher in der Königsseer Straße am eigenen Leib erleben. Obwohl hier viele Leute auf wenig Raum zusammenwohnen, fühlt man sich von Anfang an als willkommener Gast, nicht als Eindringling. Während des Gesprächs geben sich die Besucher die Klinke in die Hand: Nach dem Deutschunterricht schaut der Nachbar vorbei, der den Asylbewerbern seit ihrem Einzug mit Rat und Tat zur Seite steht, und kurz darauf kommt eine Frau aus Berchtesgaden, die einen Tisch und Stühle anzubieten hat – ein Geschenk, das die Asylbewerber aus Platzgründen gar nicht annehmen können. Ein wenig später werden zwei ausrangierte Spinde für den Gemeinschaftsraum angeliefert, und alle packen mit an, um die schweren Schränke über die Außentreppe zur Terrassentür zu befördern.

Wie Muhammad erzählt, hat der jüngste Bericht aus der Königsseer Straße eine Welle der Hilfsbereitschaft in der Berchtesgadener Bevölkerung ausgelöst. Statt wie bisher zwei Einheiten pro Woche gibt es nun vier- bis fünfmal Deutschunterricht, und die Flüchtlinge können in Gruppen unterteilt werden, die ihren unterschiedlichen Voraussetzungen gerecht werden: Manche sind geübte Fremdsprachenlerner wie Muhammad, andere müssen erst lesen und schreiben lernen. Sachspenden wie ein Fernseher, ein Radio und nicht zuletzt dringend benötigte Winterkleidung fanden den Weg in die Asylbewerberunterkunft. »Keiner von uns hatte Winterkleidung«, sagt Muhammad, »jetzt haben wir alle welche.« Es ist ihm ein Anliegen, der Dankbarkeit, die in der Gruppe Staat und Bevölkerung gegenüber herrscht, Ausdruck zu verleihen. Die Unterstützung, die sie von verschiedenen Seiten erfahren, ist für sie keine Selbstverständlichkeit. Ihr Ziel sei es, so Muhammad, sich als gute Repräsentanten ihrer Heimatländer in die Gesellschaft zu integrieren, und so habe es von Anfang an keinerlei Probleme mit den Nachbarn gegeben.

Es ist ihr erster Winter in Berchtesgaden, aber von Schnee und Kälte lassen sie sich nicht die Laune verderben; »cold, white and beautiful« sei es jetzt, sagt Muhammad mit einem Blick aus dem Fenster. Er selbst träumt sogar davon, es einmal mit dem Wintersport zu versuchen, den er bisher nur aus dem Fernsehen kennt. Skifahren sei sicher zu teuer, meint er, aber er könne sich auch einen gemeinsamen Ausflug zur Eisbahn am Königssee vorstellen. Ansonsten geht er gerne laufen und macht Kraftsport, sein Landsmann Shahbaz und einige andere spielen Fußball in einer Berchtesgadener Halle.

Bis es mit dem Ausflug zur Kunsteisbahn etwas wird, lernen die Asylbewerber die vorweihnachtlichen Bräuche in ihrer neuen Heimat kennen. So haben sie sich sehr darüber gefreut, als der Nikolaus den jungen Männern seinen Besuch abstattete, auch wenn zwei von ihnen dabei schmerzhafte Bekanntschaft mit der Rute machen mussten. Dazu bekamen die Flüchtlinge eine Aufklärung über den Ursprung dieses alten Brauches.

Ein Stück Heimat schaffen sie sich beim gemeinsamen Kochen von traditionellen Gerichten. Wie hierzulande Glühwein und Punsch, Plätzchen und Stollen für viele untrennbar zu Weihnachten gehören, so sind verschiedene Gaumenfreuden auch beim Feiern muslimischer Feste essenzieller Bestandteil. Während Rabi' Al-Awwal – das Fest der Geburt des Propheten – so etwas wie das religiöse Gegenstück zu dem Weihnachtsfest ist, könnte man Eid-Ul-Fitr als dessen kulinarisches Äquivalent bezeichnen. Am Ende des Ramadans kommt die ganze Familie zu einem großen Festessen zusammen, erzählt Muhammad, und »alles ist süß«.

Wie sie den heutigen Heiligabend feiern, darüber haben sich die Asylbewerber noch keine Gedanken gemacht. Religiöse Bedeutung hat der Tag für die Muslime nicht, aber es sei schließlich ein Feiertag, meint Muhammad, ein wenig zusammen feiern wolle man schon, vielleicht einen Film anschauen und etwas trinken. »It's a holiday«, sagt er und lächelt.