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Ein Hocker, ein Kreuz und viele fleißige Hände

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Miragha (l.) mit seiner Frau. Gerne würden sie in Deutschland bleiben, den beiden droht aber die Abschiebung – trotz hervorragender Deutschkenntnisse. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Den Stuhl, den Miragha in Händen hält, hat er selbst gebaut. So wie 15 andere Flüchtlinge, die derzeit im Schülerforschungszentrum neben einem Deutschkurs in das Handwerk eingewiesen werden. Jürgen Gasteiger, der das Projekt leitet, ist begeistert von der Arbeitsbereitschaft der Teilnehmer.


Männer und Frauen, viele aus Afghanistan, besuchen derzeit den Deutschkurs, der im Schülerforschungszentrum angeboten wird. Aber wieso nur Deutsch lernen, wenn man auch andere tolle Dinge dort machen kann? Das dachten sich wohl auch die jungen Männer und Frauen: »Die Idee kam von den Flüchtlingen«, sagt Jürgen Gasteiger. »Die waren fasziniert von unserer großen Werkstatt.« Gasteiger überlegte, wie man sie einbinden könnte und hatte die Idee, einen Stuhl zu bauen. Besser gesagt einen Hocker aus Holz und Metall. Die Rohstoffe dafür spendierte Psm protech in Marktschellenberg, ein Fördermitglied des Schülerforschungszentrums. Zusätzlich stellt der Betrieb Auszubildende zur Verfügung, die den Asylbewerbern zur Hand gehen.

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Miragha hat in seiner Heimat Afghanistan als Tischler gearbeitet – bis er gemeinsam mit seiner Frau nach Deutschland floh. Miragha spricht hervorragendes Deutsch. Mit Eifer sei er bei der Sache, er sei wissbegierig und hätte in kürzester Zeit große Fortschritte gemacht, sagen seine Lehrer. Natürlich ist er auch beim Bau des Hockers dabei. Die Hockerbeine hat er bereits vorgebohrt. Die Metallteile gilt es noch zu bearbeiten. Jürgen Gasteiger sagt: »Anreißen, bohren, Gewinde schneiden.« Dann lacht er. Denn seine Schüler, die Asylbewerber, haben alles im Griff. Diese arbeiten an mehreren Stationen in der gut ausgestatteten Werkstatt. Alle möglichen Geräte sind vorhanden, dank staatlicher Fördergelder und vieler heimischer Unternehmen, die oft im Hintergrund arbeiten, sich aber stark engagieren.

Miragha sagt, dass seine Frau und er Deutschland wohl bald verlassen müsse. Die Abschiebung droht. Jürgen Gasteiger sagt, dass das »so unnötig ist.« Richtig gute Leute seien darunter, »die kann man brauchen, die können zudem alle noch gutes Deutsch, verstehen alles, können alles sagen.« In der Tat haben sich die Asylbewerber, die hier zusammengekommen sind, gut integriert, besuchen Vereine, belegen Kurse. Miragha hat gerade Schlitze in das Hockerbein gestemmt. Damit man dieses auf die Metallteile schieben und später verschrauben kann. Die Arbeit macht ihm Spaß, auch, wenn der spontan veranstaltete Hockerbaukurs nur an zwei Vormittagen stattfindet. Er könnte gerne länger dauern.

Auf dem Tisch, wo geschraubt und geschliffen wird, liegen einige Zettel, in vielen Farben. Auf jedem steht der Name eines Werkzeuges. »Damit die Teilnehmer auch fachspezifische Wörter verstehen«, sagt Gasteiger, der sichtlich stolz ist auf seine Mitstreiter. Gasteiger ist Fachlehrer an der Schnitzschule. Ehrenamtlich ist er im Schülerforschungszentrum tätig, hier vor allem in der Werkstatt, die er gemeinsam mit seiner Frau leitet.

Damit die Hocker zu etwas Besonderem werden, hat sich jeder, der mitmacht, einen Wunschtext und ein Symbol aussuchen dürfen, das auf die Sitzfläche des Hockers gelasert wird. »Jede Sitzgelegenheit wird dadurch individuell«, sagt Gasteiger. Sein Blick fällt auf einen Stuhl, der schon so gut wie fertig ist. Auf der Sitzfläche steht folgender Satz, es war der Wunschsatz einer jungen Frau aus Afghanistan: »Ich wünsche mir eine Welt ohne Krieg und Terror.« Ein Kreuz als Zeichen des Friedens prangt in der Mitte des Holzes. Kilian Pfeiffer