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Ein viel zu kurzes Künstlerleben

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Mit 16 Jahren musste Kurt Rittig seinem Vater Modell sitzen. Jetzt ist der Sohn mitsamt Bild wieder nach Berchtesgaden zurückgekehrt. Fotos: Anzeiger/Merker
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Neben Porträts waren es hauptsächlich Landschaften, die Kurt Rittig malte.

Berchtesgaden – Betrachtet man rückblickend das Werk von Kurt Rittig, so ist es seine Vielfältigkeit, die ins Auge fällt. Bilder, Buchillustrationen, Bühnen- und Szenenbilder schuf der begnadete Künstler. Am heutigen 4. September wäre er 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Grund zeigt das Museum Schloss Adelsheim ab 20. September in der Sonderausstellung »Begegnung mit Berchtesgaden« Werke des mit nur 49 Jahren verstorbenen Rittig.


Es scheint fast, als hätte er seinen frühen Tod geahnt. Denn seine künstlerische Entwicklung in den knapp 20 Jahren, die er nach dem Krieg in Bischofswiesen verbracht hatte, ist enorm. Deutlich wird das in den Besprechungen der Ausstellungen des Berchtesgadener Künstlerbundes, dessen Schriftführer er zeitweise war. Vom Ringen des Künstlers wird berichtet und von der virtuosen Beherrschung der Farbe. »Man weiß es: Rittig hat es sich nicht leicht gemacht. Aber – es war gut so, heftige, harte Entwicklungen formen, läutern, biegen und strecken«, schrieb der »Berchtesgadener Anzeiger« im Juni 1956.

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Ausgangspunkt für den 1914 in Pyhanken bei Teplitz-Schönau geborenen Sohn eines Bühnenmalers war der Impressionismus. Zunächst besuchte er die Staatsfachschule für Keramik und Kunstgewerbe in Teplitz und studierte anschließend beim Impressionisten Professor Alfred Böhm. Als Grafiker wurde er in jungen Jahren Reklamechef einer großen Firma. Doch der Zweite Weltkrieg unterbrach seine künstlerische Laufbahn. Er wurde eingezogen und geriet 1945 in russische Gefangenschaft. Selbst im Feldzug, wie ein Foto beweist, hat er seinen Sinn für Schönheit der Landschaft nicht verloren und man sieht ihn vor einer provisorischen Staffelei sitzend ein Bild malen.

Ein eigenes Haus in Bischofswiesen gebaut

Die Wirren des Krieges und die Heimatvertreibung hatten seine Frau Gretl und seinen Sohn Kurt nach Bischofswiesen verschlagen. Mit einem kleinen Kredit und den eigenen Händen baute er der jungen Familie ein Haus in der Moossiedlung. Allein von der Kunst konnte er die Familie nicht ernähren. Darum wurde er unter anderem Berichterstatter beim »Berchtesgadener Anzeiger«. Als Allroundgenie wusste er sich immer zu helfen. So verdiente er sich sein Studium als Mitglied von »The Golden Band«, in der er Klavier spielte. Diese Vielseitigkeit, verbunden mit einer tiefen Menschlichkeit, die in allen Nachrufen besonders herausgestellt wird, zeichneten Rittig aus. Mit seiner einfachen, uneitlen Art gewann er die Menschen für sich.

Beständig wuchs sein Ruf und er fertigte Bühnenbilder unter anderen für Elisabeth Flickenschild und Ewald Balser. Rittig illustrierte ebenfalls Bücher, so eines von Marianne Koch und Ditta Gertler. Plakate, Monotypien und Linolschnitte fertigte der praktisch veranlagte Künstler ebenso an wie Fernsehdekorationen. Sein Christus an der Grundschule in Bischofswiesen ist immer noch zu sehen. Im Schulgebäude hatte er ländliche Szenen angebracht und über den Klassenräumen anstatt Zimmernummern geschützte Alpenblumen gemalt, was damals als pädagogisch sehr fortschrittlich angesehen wurde. Sogar der Salzburger Rundfunk berichtete darüber.

Leider ist seine Ausmalung der Kapelle zum Thema »Sieben Schmerzen der Maria« in der Bischofswieser Kirche, die der kunstinteressierte Pfarrer Josef Ametsbichler bei dem heimatvertriebenen Maler in Auftrag gegeben hatte, heute zerstört. In einem Zeitungsartikel von 1950 heißt es dazu: »Den Namen des Künstlers wird man sich merken müssen, er wird seinen Weg gehen und wir werden den Namen Kurt Rittig noch oft vernehmen. Seine begnadete Kunst wird nicht nur den Bischofswiesern, sondern allen Menschen, die in Andacht und Demut die Kapelle von Bischofswiesen betreten, die Herzen öffnen.«

Das Erlebte in der Kunst verarbeitet

Bei all den unterschiedlichen Tätigkeiten, wirklich ganz bei sich war er allerdings nur in seiner Kunst. Da alle Werke vor 1946 verloren gegangen waren, fing er im wahrsten Sinne des Wortes bei Null an. Es galt, die Kriegserlebnisse und den Verlust der Heimat künstlerisch zu verarbeiten. Das Elend und Grauen nimmt weiten Raum ein, die impressionistische Leichtigkeit hatte der Krieg unmöglich gemacht. Expressiv und aussagestark sind die Bilder jener Zeit, in der er das Erlebte verarbeitete.

Langsam überwand Rittig jene schicksalsschwere Zeit und durch eine intensive Suche nach einer eigenen Ausdrucksform fand er sie in farbintensiven Bildern, die Anfänge von Abstraktion erahnen lassen. Es ist zu vermuten, dass seine fünf Italienreisen ihn stark beeinflusst hatten. Zahlreiche Bilder von Positano zeigen sich in einer wesentlich helleren Stimmung. Die Landschaft ist ein durchgängiges Thema bei Kurt Rittig, allerdings sind es seine Porträts, die sein besonderes psychologisches Gespür für Menschen offensichtlich machen. Stark beeinflusste ihn die Freundschaft zu Oskar Kokoschka, der ihn unterstützte und förderte, manchmal allein durch ein paar Malpinsel. Denn das Geld für Material war in den Nachkriegsjahren knapp, einmal band sich Rittig aus einem alten Rasierpinsel eigene Malpinsel. Auch sind viele Bilder auf beiden Seiten bemalt, um zu sparen.

In den frühen Sechzigerjahren hat Rittig einen vielversprechenden Weg eingeschlagen, der künstlerisch auf der Höhe der Zeit war. Doch ein völlig unerwarteter Herzschlag riss 1964 den Künstler aus seinem regen Schaffen.

Der Sohn organisiert eine Ausstellung

Nun hat sein Sohn, Professor Kurt Rittig, eine Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstages seines Vaters zusammengestellt. Sohn Kurt Rittig wuchs in Bischofswiesen auf, studierte dann in München und Hamburg. Als Redakteur und Produzent arbeitete er zunächst für die Bavaria Filmstudios, später als stellvertretender Hauptabteilungsleiter »Unterhaltung« für den Südwestfunk. Beim Sender Freies Berlin wurde er Fernsehdirektor, eine Position, die er anschließend auch beim SWF innehatte. Daneben verfasste er zahlreiche Drehbücher, darunter die preisgekrönte Franz-Werfel-Adaptation »Eine blassblaue Frauenschrift«. Sein Wissen, wie man gute Drehbücher schreibt, gab er an Studenten der Filmhochschule Hamburg weiter.

Hervorzuheben ist Professor Rittigs Beitrag bei der Gründung des Fernsehsenders Arte, bei der er federführend im Bereich der Programmgestaltung beteiligt war. Die Auseinandersetzung mit dem »Dritten Reich« war ihm immer ein wichtiges Anliegen, was die Verfilmungen der Tagebücher von Victor Klemperer und des Lebens von Dietrich Bonhoeffer zeigen. Für seinen Einsatz gegen Rassismus und Radikalismus wurde er 2003 mit dem Bundesverdienstorden am Bande geehrt. Nach dem Namen des Hofes, in dem die Rittigs in Bischofswiesen nach dem Krieg wohnten, hat er seine Filmproduktionsfirma benannt – Rosspoint-Film. Genau 50 Jahre später kehrte er nun mit seiner Frau Dorle nach Berchtesgaden zurück. Statt Drehbüchern hat sich Rittig auf Romane verlegt, sein Erstlingswerk »Der Spendensammler« erschien letztes Jahr und an weiteren arbeitet der Autor gerade.

Den 100. Geburtstag seines Vaters nimmt Kurt Rittig zum Anlass, zahlreiche Werke für die geplante Sonderausstellung zusammenzutragen, um einen Überblick über das ungewöhnlich weite Schaffensfeld des begabten, aber zu früh verstorbenen Künstlers zu geben. Christoph Merker