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Ein Weltenbummler am Ziel

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Dr. Hubert Kriss hat viel von der Welt gesehen. Jetzt verstarb der Völkerkundler im Alter von 89 Jahren. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Ein knappes Vierteljahr vor seinem 90. Geburtstag verstarb jetzt Dr. Hubert Kriss. Der Völkerkundler, der beruflich ein Großstück der Welt bereiste, hatte in den letzten Jahrzehnten auf der Koppenleiten seinen Ruhepol gefunden. Geboren als Sohn eines Försters und aufgewachsen mit drei Schwestern, kam er später als Adoptivsohn zu Prof. Dr. Rudolf Kriss, mit dem er auch zahlreiche Forschungsreisen unternahm und mit ihm gemeinsam deren Ergebnisse publizierte. Dr. Hubert Kriss konnte auf ein ereignis- und höhepunktreiches Leben zurückblicken. Zuletzt liebte er die Ruhe und die Geborgenheit, die ihm das Anwesen Koppenleiten vermittelte.


Geboren als Hubert Heinrich, stand seine Wiege in einem abgelegenen Forsthaus im Kleinen Walsertal. Die Familie zog mehrfach um, weil der Vater in neue Reviere versetzt wurde. Über Hohenschwangau kam Hubert Heinrich letztlich nach Schellenberg. Eigentlich, so war sein Wunsch bereits als Kind, wollte er dem Vater beruflich nachfolgen und Förster werden. Den Beginn eines solchen Weges ging er als Waldarbeiter und Holzknecht im Forstamt Berchtesgaden und in einer Forsteinrichtung am Roßfeld. Aber es sollte anders kommen.

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Sein Abitur legte Hubert Heinrich 1947 an der Berchtesgadener Oberschule ab, schrieb sich anschließend in Salzburg sowohl am Mozarteum wie auch am Philosophischen Institut ein und belegte dazu noch Kurse im Modellieren sowie in Akt- und Aquarellmalerei an der Salzburger Gewerbeschule. Die Liebe zur Kunst, speziell zur Musik und den bildenden Künsten, blieb ihm immer erhalten. Die Philosophie war jedoch sein eigentliches Berufsziel. Einer seiner Lehrer war Dr. Rudolf Kriss. Der Berchtesgadener eröffnete zu dieser Zeit gerade sein Institut in Salzburg und bekam Räumlichkeiten für seine über die Kriegswirren gerettete und heute im Besitz des Münchner Nationalmuseums befindliche volkskundliche Sammlung.

Das Studium bei Rudolf Kriss führte zu ersten Mitarbeiten und später gemeinsamen Forschungsreisen, die auch in Publikationen über die Ergebnisse von Feldforschungen und Sammlungen mündeten. Die erste Publikation erschien nach einer Expedition nach Griechenland 1952, weitere folgten. »Pelegrination neohellenica – Wallfahrtswanderungen im heutigen Griechenland war das erste mit Rudolf Kriss herausgegebene Buch, es folgten, nach entsprechenden Forschungsreisen, »Beiträge zum religiösen Volksleben auf der Insel Cypern«.

Das Studium fand Fortsetzung in Wien, die Dissertation schrieb Hubert Kriss über Kulte und Weihegaben der Veneter vor der Romanisierung. Ausgrabungen und kleinere Arbeiten zum Thema folgten. Eigentliches Ziel blieb jedoch die Beschäftigung mit Volksglauben verschiedener Völker. Auf den Forschungsreisen mit Rudolf Kriss war Huberts außergewöhnliche Sprachbegabung sehr oft hilfreich. Konstantinopel, Istanbul, der Vordere Orient und das islamisch dominierte Nordafrika, insbesondere Ägypten und Sudan, waren folgende Forschungspunkte, die ihren Niederschlag im zweibändigen Werk »Volksglaube im Bereich des Islam« fanden. Ausgelöst durch die Beschäftigung mit Geisterglauben und Besessenheitskulten, war nächstes Forschungsziel Äthiopien, dem zweimal Forschungsreisen gewidmet wurden. Politische Entwicklungen brachten allerdings ein abruptes Ende. Das gemeinsam begonnene Buch über Kult und Legende äthiopischer Heiliger musste Dr. Hubert Kriss allein zu Ende bringen, da sein Adoptivvater Prof. Dr. Rudolf Kriss im Jahre 1973 verstarb.

Zwischen den Studien fand Hubert Kriss auch immer wieder kleine Zeitfenster für Dinge, die ihm Freude machten. Die Musik natürlich und die Kunst, aber auch für Bergtouren, die ihn beispielsweise zum Badilegrat im Bergell oder zum Montblanc über die Aiguille de Peuteret führten. Auch zwei Erstbesteigungen, gemeinsam mit Jürgen Wellenkamp, gelangen ihm.

Hubert Kriss war zweimal verheiratet. Mit der 1989 verstorbenen Ehefrau Anni hatte er zwei Kinder: Tochter Afra und Sohn Georg. Veronika Kriss wurde in der Ehe mit Maria Kriss-Molnár geboren. Insgesamt hatte Hubert Kriss vier Enkel. Der Tod von Dr. Rudolf Kriss veränderte auch den Alltag von Dr. Hubert Kriss, der 25 Jahre in Wien gelebt hatte, Mitarbeiter verschiedener Museen war, Vorträge hielt und sogar Vortragsreisen unternommen hatte, die ihn bis Kairo und Amman führten. Mit seiner Frau Maria und Tochter Veronika kehrte er »zum Ausgangspunkt« auf die Koppenleiten in der Au zurück. Von der Ehefrau, einer ungarisch-stämmigen Bildhauerin, inspiriert, kehrte er zur »alten Liebe«, der Kunst, zurück. Nicht zuletzt durch die von Maria Kriss-Molnár initiierten Symposien auf der Koppenleiten mit internationalen Künstlern, die er mittrug. Noch im Oktober letzten Jahres war es ihm gelungen, den künstlerischen Nachlass der zehn Jahre zuvor verstorbenen Maria Kriss-Molnár auf der Koppenleiten in einer viel beachteten Ausstellung zu präsentieren. Das war ihm sehr wichtig.

Zuletzt lebte Hubert Kriss still auf dem Lehen, in dem ihn vieles an sein früheres und überhaupt langes und bewegtes Leben erinnerte. Was er durchaus genießen konnte. Dieter Meister