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»Erfolgreich ist, wer die Extra-Meile geht«

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Landrat Georg Grabner (l.) begrüßte jeden seiner geladenen Gäste persönlich und per Handschlag – hier den Berchtesgadener Lederhosenmacher Franz Stangassinger. Fotos: Anzeiger/Thoma-Bregar
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Langes Anstehen am Buffet nahmen die Gäste mit Gelassenheit.
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Festredner Ernst Wyrsch fesselte mit einem 45-minütigen Vortrag das Publikum.

Bad Reichenhall – Vor dem Eingang des Alten Königlichen Kurhauses von Bad Reichenhall bildete sich am Montagabend wieder mal eine lange Schlange. Landrat Georg Grabner hatte bereits zum achten Mal Unternehmer und Geschäftsleute aus dem Landkreis zum Wirtschaftsempfang geladen. Jeden seiner über 600 Gäste begrüßte Grabner persönlich. Als Festredner hielt der Schweizer Hotelier und Dozent der St. Gallen Business School, Ernst Wyrsch, dem Publikum den Spiegel vor.


Der Wirtschaftsempfang sei für ihn stets eine willkommene Gelegenheit, danke zu sagen, empfing Landrat Grabner nach dem Händeschüttel-Marathon die versammelte Gästeschar im großen Saal des Königlichen Kurhauses. Betriebe, Firmen und Geschäftsleute würden nicht nur Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Region erhalten, sondern sich in Form von Spenden- und Sponsorenbeiträgen häufig auch noch gesellschaftlich engagieren. Große Solidarität zeigte sich zuletzt bei der Hochwasserkatastrophe. Viele Bürger hätten ihr Hab und Gut verloren, auch Unternehmer stünden plötzlich vor dem Nichts. Dass in der Not alle zusammenhelfen und beim Putzen, Pumpen und Aufräumen mitanpacken, mache ihn stolz, so Grabner. »Das ist ein gutes Zeichen für eine Gesellschaft.« Noch im Juli will er alle Ehrenamtlichen als Zeichen der Anerkennung zu einem Empfang einladen.

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Naturkatastrophen wie solche Jahrhunderthochwasser nehmen weiter zu, da ist sich der Landrat sicher. Im Kampf gegen den Klimawandel habe das Berchtesgadener Land deshalb erst vor ein paar Wochen ein eigenes Klimaschutzkonzept erlassen, das auf die drei Säulen Energieeinsparung, Energieeffizienz und den Einsatz von erneuerbaren Energien setzt. Weiterer Schwerpunkt des Landkreises ist und bleibt die Bildung. »Wir sind gut beraten hier nicht nachzulassen, auch im Interesse unserer heimischen Betriebe«, sagte Grabner und sprach damit auch den allgegenwärtigen Fachkräftemangel an. Bildung sei das Schlüsselthema für Wettbewerbsfähigkeit.

Auch auf eine erneute Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 kam Georg Grabner in seiner Begrüßungsrede zu sprechen. »Unsere letzte Bewerbung kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Aber es zeichnet sich ab, dass sich München erneut bewerben wird – und zwar mit einem neuen Konzept, das auf bestehende Anlagen setzt. Ich denke wir haben gute Chancen.« Am 11. November sollen die Bürger des Landkreises über eine erneute Bewerbung abstimmen.

Zeit für Ich-Zeit nehmen

Der Schweizer Festredner und Hotelier Ernst Wyrsch hat in seiner Heimat Davos einst aus einer maroden Bruchbude ein Vorzeigehotel gemacht. Er ist Verbandspräsident der Hotelleriesuisse Graubünden und Dozent an der St. Gallen Business School. Das Thema seines Vortrages lautete: »Mit weniger Aufwand mehr Ertrag – Raus aus dem Hamsterrad«. Dabei ging es um ein leichtes Leben, ums Glücklichsein, um Freundlichkeit und Effektivität und um die Ich-Zeit. Für sein 45-minütiges Programm nutzte Ernst Wyrsch die gesamte Bühne und hielt dem Publikum im wahrsten Sinne des Wortes den Spiegel vor die Nase. »Ich spiele Ihnen Bälle zu, entscheiden Sie selbst, was Sie damit machen«, erklärte er gleich eingangs.

70 Prozent der Menschen hätten in den letzten fünf Jahren mindestens einmal Rückenschmerzen gehabt, weiß der Schweizer. Es seien Lasten und vor allem sinnlose Arbeiten wie etwa das Lesen von CC-Emails, die einen am unbeschwerten Leben hindern würden. Wer erfolgreich sein will, braucht Zeit für sich selbst, er braucht Ich-Zeit. »Nehmen Sie sich solche Zeit und rechtfertigen Sie sich nicht dafür.« Dass das nicht immer leicht ist, weiß Wyrsch sehr wohl. »Erst wenn der Leidensdruck groß ist, öffnet man sich plötzlich und dann findet man es gar nicht mehr so schwierig. Aber die meisten sind so in der Prägung drin, dass sie Veränderungen gar nicht mehr zulassen wollen und können.«

Auf Unternehmer kämen zunehmend schwierige Zeiten zu, schon allein weil Anforderungen stetig mehr werden, prognostiziert der Schweizer. Wer da nicht aus dem Hamsterrad aussteigt, kollabiert. »Die Sehnsucht muss sein, leichter durchs Leben zu gehen und sich die richtigen Fragen zu stellen.« Solche Fragen können sein: Bin ich glücklich? Bin ich zufrieden? Ist der Aufwand zu rechtfertigen?

Ja-Sager machen glücklich

Als Hotelier und Unternehmer sei es nicht nur die Aufgabe, Menschen glücklich zu machen, sich die Namen der Gäste zu merken und gut zuzuhören, genauso wichtig sei die Mitarbeiterführung, betonte Wyrsch. Gerade im Berufsleben brauche es mehr Ja-Sager, wobei der Schweizer unter Ja-Philosophie nicht versteht, zu allem immer nur ja zu sagen. Er spricht stattdessen von der »Extra-Meile«, die man bereit sein muss zu gehen, als Unternehmer, als Hotelier, als Leistungserbringer. »Im Dienstleistungsbereich ist es ein entscheidendes Segment bereit dazu zu sein, dem Kunden jeden Wunsch zu erfüllen. Zu schnell sagt der innere Schweinehund nein.«

Nur wer sich selbst richtig lenkt, kann auch Mitarbeiter optimal führen, glaubt Wyrsch. »Menschen wollen geführt werden, aber mit der richtigen Ansprache und den richtigen Werten. Ich als Vorgesetzter habe mich hineinzuversetzen in das, was der Andere braucht. Wenn sein oberster Wert die Familie ist, dann ermögliche ich es ihm, das auch zu leben. Dann ist er nämlich auch freiwillig bereit, die Extra-Meile für mich zu gehen.«

Seine Erkenntnisse zieht Ernst Wyrsch aus selbst gemachten Erfahrungen. »Mir ist das alles zugeflogen. In meinem Leben ist mir immer das richtige Buch, die richtige Erkenntnis zum richtigen Moment untergekommen. Ich habe auch schlechte Vorgesetzte gehabt und mir vorgenommen, es anders zu machen.«

Bis weit in den Abend hinein genossen die Gäste die lockere Atmosphäre auf dem Wirtschaftsempfang, standen in Gruppen zusammen, tauschten sich aus und bedienten sich am bayerischen Buffet. Voll des Lobes war man für die musikalische Umrahmung, die diesmal von der »Grünstoaner Klarinettenmusi« kam.

Bilder vom Wirtschaftsempfang gibt es auch im Internet unter www.berchtesgadener-anzeiger.de in der Rubrik »Fotos«. Kathrin Thoma-Bregar