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Erschreckende Vorhersagen: Im Nationalpark Berchtesgaden wird es wärmer und feuchter

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Prof. Dr. Harald Kunstmann präsentierte im »Haus der Berge« hinsichtlich der Temperaturentwicklung erschreckende Zahlen. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Erschreckend sind die Vorhersagen von Prof. Dr. Harald Kunstmann vom Lehrstuhl für Regionales Klima und Hydrologie für den Nationalpark Berchtesgaden.


Kunstmann, der unter anderem an der Universität Augsburg lehrt, hat am Donnerstag im »Haus der Berge« die Ergebnisse der Klimaforschung im Nationalpark präsentiert. In den vergangenen zehn Jahren seien die Temperaturen deutlich gestiegen, etwa am Blaueis oder auf Kühroint – um bis zu 3,7 Grad Celsius. Am stärksten betroffen seien Höhenlagen zwischen 800 und 1 200 Metern. Kunstmann sagt zur Klimaentwicklung: »Wir steuern, global gesehen, oberhalb des Worst-case-Szenarios entlang«.

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Harald Kunstmann zählt zu den Koryphäen der Klimaforschung. Der Physiker ist weltweit unterwegs, leitet Klimaprojekte im Iran, nimmt an den großen Klimakonferenzen dieser Welt teil. Allerdings sei die Forschung in den Regionen am spannendsten, sagt er. Vor allem Berchtesgaden mit seinem Nationalpark biete hier dank der großen Höhenunterschiede zahlreiche Möglichkeiten.

Kunstmann sagt, dass für Klimaforscher aktuell schwierige Zeiten angebrochen seien. »Wir müssen uns erklären.« In Zeiten, in denen zum einen Höchst-, aber auch Tiefsttemperaturen gemessen werden, herrsche große Ratlosigkeit, wie sich das Klima weiterentwickelt. So sei allein die Temperatur in den letzten 30 Jahren deutschlandweit um 1,2 Grad Celsius angestiegen. 9 Prozent mehr Niederschlag, dafür aber auch 10 Prozent mehr Sonnenschein. Kunstmann sagt, dass man für die Klimaforschung langjährige Zeitreihen benötige. Fakt sei, dass »die Kurven nach oben zeigen.« 2014, 2015 und 2016 gehörten zu den heißesten Jahren seit 1880, seitdem es Aufzeichnungen gibt.

Treibhausgase und Kohlendioxid

Das größte Übel für das Klima seien die Treibhausgase, Kohlendioxid etwa oder Methan. Die Sonneneinstrahlung werde dadurch beeinflusst, die Treibhausgase seien mitverantwortlich, wie viel davon in die Atmosphäre eintritt und wieder hinausgeht. Dass es Klimaänderungen schon immer gab, bestreitet Kunstmann auch gar nicht. Die Eiszeit vor 20 000 Jahren »hat es zugelassen, von Garmisch-Partenkirchen bis nach München mit den Skiern abzufahren«, sagt er. Allerdings seien die heutigen Probleme vor allem menschengemacht. Das Verbrennen fossiler Rohstoffe stehe hier im Vordergrund. Bis zum Jahr 2100 könnten die Temperaturen um 5 bis 6 Grad Celsius steigen. »Wir werden in Temperaturbereiche kommen, wie es sie zuvor noch nie gab«, prognostiziert der Experte, der seit vielen Jahren auch im Nationalpark Berchtesgaden forscht.

Je wärmer es werde, desto mehr Wasser könne verdunsten und gasförmig in die Atmosphäre treten. Weil im Wasserdampf Energie stecke, befinde sich diese dann in der Luft. »Pro Ereignis kann also mehr Wasser herabregnen«, sagt er. Allein in den letzten zehn Jahren habe sich die globale Temperatur um 0,39 Grad Celsius erhöht. »Viel heftiger sind die Anstiege aber im Berchtesgadener Raum.« Allein auf der Kühroint auf 1 420 Metern sind die Temperaturen um 2,3 Grad Celsius gestiegen, auf dem Blaueis (1 650 Meter) um 3,7 Grad Celsius und selbst auf dem Watzmanngrat, wo eine Klimastation betrieben wird, wurden über plus 3 Grad Celsius gemessen.

14 Stationen im Nationalpark

»Die Regionen sind generell viel stärker betroffen«, sagt Kunstmann, der auch in Sachen Niederschläge und Wind gemessen hat. Beobachtungsstationen in den Alpen zu betreiben sei kostenintensiv, die Herausforderung sei es, die Klimaänderungen auch tatsächlich beschreiben zu können. Allein der Nationalpark Berchtesgaden betreibt 14 Stationen, zudem kommen weitere Forschungsstationen, die unzählige Parameter messen, aufzeichnen und dann in Berechnungen für mögliche Szenarien einspeisen.

Als »Computerschlacht« bezeichnet Kunstmann die Berechnungen der Klimaforscher, die teilweise 100 Jahre in die Zukunft reichen. »Wir simulieren alle atmosphärischen Vorgänge bis in 40 Kilometer Höhe.« Die Datenmengen, die da zusammenlaufen, seien enorm. »Klimaforschung ist mehr als bloßes Tabellenauslesen«, so der Experte, der die Situation kritisch betrachtet. Denn Öl und Kohle würden noch immer weltweit in Massen verfeuert werden, selbst Deutschland hinkt den eigenen Zielen wegen des Einsatzes von Braunkohle deutlich hinterher. »Massivste Anstrengungen werden notwendig sein, um nicht zu scheitern«, sagt er.

In 30 Jahren deutlich weniger Schnee

Für den Nationalpark Berchtesgaden bedeuten die Berechnungen, die Kunstmann und sein Wissenschaftler-Team angeregt haben, weitere Temperaturerhöhungen. Bis 2050 soll etwa die Temperatur auf der Kühroint um rund 1,5 Grad Celsius ansteigen. In 30 Jahren, so prognostiziert Kunstmann, wird die Schneebedeckung in der Region zwei bis drei Wochen geringer ausfallen. Vor allem betroffen sollen die Höhenlagen zwischen 800 und 1 200 Metern sein. Mithilfe von 42 Snow-Monitoring-Stationen und elf Intervallkameras soll zudem die Schneedynamik und Schneebedeckung in der Region gemessen werden, etwa im Schapbachtal oder dem Klausbachtal

Künftig werden auch kleine Drohnen, sogenannte Copter, im Nationalpark ihre Runden drehen und Temperaturverteilungen analysieren. »Für die Klimaforschung ist die Region eine einzigartige Infrastruktur«, sagt Kunstmann. Denn das hiesige System sei größtenteils »ungestört«, anders etwa als in Garmisch-Partenkirchen, wo der Mensch deutlich mehr Einfluss auf den Bergen ausübt.

Haus dämmen und weniger Fleisch essen

Seine Klimaforschungen im Nationalpark will Harald Kunstmann auch weiterhin fortführen, »lokal und regional.« Was der Mensch dazu beitragen könne, so lautet eine Frage aus dem Auditorium. Kunstmann sagt, dass er von der Elektromobilität bislang wenig überzeugt sei, zu viel Energie werde in die Produktion der Batterien gesteckt. »Weniger Autofahren, das eigene Haus dämmen – und weniger Fleisch essen«, sagt der Lehrstuhlinhaber. Vegetarier seien, wegen des enormen Methanausstoßes von Kühen, die besseren Klimaschützer.

Generell gelte aber, dass alle Nationen einen gemeinsamen Nenner finden müssten. »Ansonsten kann man die Treibhausgase, die sich sehr schnell weltweit verteilen, nicht bekämpfen«, sagt der Experte. Nur, wenn alle an einem Strang zögen, könne man die Temperaturerhöhungen und den daraus resultierenden Klimawandel eindämmen. Kilian Pfeiffer