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Erzähler mit viel Wissen und großem Herz

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Brauchtumskenner und Naturfotograf: Hans Stanggassinger war vielseitig begabt. Jetzt verstarb der langjährige Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung im Alter von 65 Jahren. (Foto: Donath)

Berchtesgaden – Er verstand es wie kaum ein anderer, den Menschen den Sinn der Weihnachtszeit näherzubringen. Ob bei der »Heiligen Nacht« in St. Bartholomä, bei vorweihnachtlichen Lesungen im Kongresshaus oder beim Weihnachtspreisausschreiben des »Berchtesgadener Anzeigers«: Mit Charme, absoluter Hingabe und exzellentem Fachwissen fesselte Hans Stanggassinger seine Zuhörer wie Leser und öffnete gleichermaßen ihre Herzen. Ausgerechnet in dieser für ihn so wichtigen Jahreszeit wurde Stanggassinger jetzt aus dieser Welt abberufen. Der Brauchtumskenner und langjährige Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung schloss am Sonntag nach mehrmonatiger schwerer Krankheit im Berchtesgadener »Bürgerheim« im Alter von 65 Jahren für immer seine Augen.


Hans Stanggassinger war ein Erzähler der Spitzenklasse. Nicht nur bei der »Heiligen Nacht«, die jedes Jahr Einheimische, Gäste und viele Prominente nach St. Bartholomä zog, überzeugte er mit absoluter Textsicherheit, Ausdrucksstärke und grenzenlosem Engagement. Mit seinem Hang zum Perfektionismus verlangte er nicht nur sich selbst, sondern auch allen Akteuren sehr viel ab. Das Ergebnis waren immer Vorstellungen, die sich tief ins Gedächtnis der Zuschauer und Zuhörer einbrannten. Keine Frage, dass es dem von der Krankheit bereits gezeichneten Hans Stanggassinger im Herbst sehr schwergefallen war, die Leitung seiner geliebten »Heilige Nacht« abzugeben. Doch er wusste, dass sie sich bei Erhard Moldan und Michael Koller in besten Händen befinden würde.

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Auch Verlag und Redaktion des »Berchtesgadener Anzeigers« haben Hans Stanggassinger viel zu verdanken. Fast 30 Jahre lang arbeitete der Berchtesgadener jedes Jahr mit großer Akribie das Weihnachtspreisausschreiben aus. Für Stanggassinger waren die Recherchen für das Preisausschreiben stets ein willkommener Anlass, sein ohnehin schon großes heimatkundliches Wissen zu erweitern. Teilweise über 1 000 »Anzeiger«-Leser nahm Stanggassinger mit auf seine heimatkundliche Reise durch das Berchtesgadener Land.

Sein Perfektionismus nützte ihm auch bei seinen Ausflügen mit der Kamera. Von den Streifzügen durch den Nationalpark brachte er stets wundervolle Aufnahmen von Flora und Fauna mit. Die konnten unter anderem im Nationalparkkalender bewundert werden, den die Nationalparkverwaltung seit vielen Jahren in Zusammenarbeit mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« herausgab. Immer wieder zog es Stanggassinger hinaus in die Bergwelt, zu den Steinböcken und Mankein, zu Almrausch und Edelweiß. Beliebt waren auch seine fotografischen Wanderungen für die Nationalparkverwaltung mit der Leica Akademie.

Einen Großteil seines Lebens hat Hans Stanggassinger ohnehin dem Nationalpark Berchtesgaden gewidmet. Denn schon einen Monat nach der Gründung des »Parks« trat Stanggassinger zum 1. September 1978 seinen Dienst in der Verwaltung an. Von Anfang an galt es, den Spagat zwischen Innen- und Außendienst zu schaffen. Der Berchtesgadener wusste, dass die Bürotätigkeit ebenfalls sein musste, doch am liebsten war er freilich draußen unterwegs. Geführte Wanderungen im Rahmen des Ferienprogramms gehörten genauso zu seinen Aufgaben wie Überwachungstätigkeiten. Und weil er auch rhetorisch so begabt war, entwickelte sich Hans Stanggassinger schnell zum gefragten Interviewpartner der Medien.

Brauchtum und Heimatgeschichte haben ihn darüber hinaus schon immer interessiert. Sein Wissen konnte er als Sprecher der Heimatabende im Kongresshaus oder als Leiter der historischen Führungen durch den Markt an die dankbaren Menschen weitergeben. Darüber hinaus engagierte er sich als Vorstand der Stanggasser Weihnachtsschützen und als 1. Vorsitzender der Musikschule Berchtesgadener Land.

Stolz war Hans Stanggassinger immer auf seine Herkunft. Schließlich war sein Uropa der berühmte Bergsteiger Johann Punz aus der Ramsau, dem mit Ludwig Purtscheller die Zweitdurchsteigung der Watzmann-Ostwand gelang. Sein Spitzname »Preiß« deutete auf die Herkunft aus dem Preisenlehen, wo auch Hans Stanggassinger die ersten sieben Lebensjahre verbrachte. Danach wohnte er im Bischofswieser Färberwinkel und zuletzt viele Jahre mit seiner Frau Hildegard in Maria am Berg in Berchtesgaden.

Obwohl Hans Stanggassinger beim Nationalpark seinen Traumjob gefunden hatte, freute er sich so auf seinen Ruhestand. So viel wollte er noch unternehmen, so viele Ideen noch realisieren. Doch fast pünktlich zum Rentenübertritt ereilte ihn eine heimtückische Krankheit, die er trotz aufopferungsvoller Unterstützung durch seine Frau Hildegard nicht besiegen konnte. Das Berchtesgadener Land verliert mit Hans Stanggassinger einen liebenswerten Charaktermenschen, der kaum zu ersetzen ist. Ulli Kastner