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»Es geht zu wie auf der Wies'n«

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Hat die Verkehrssituation im Talkessel analysiert: Prof. Hubert Job. (Foto: privat)

Berchtesgaden – Prof. Hubert Job von der Universität Würzburg ist seit Jahren immer wieder in Berchtesgaden und Umgebung unterwegs und erforschte dabei die regional-ökonomischen Wirkungen des Nationalparks Berchtesgaden.


Sein Fazit: »Die Anreise in die Region muss künftig ökologisch viel nachhaltiger gestaltet werden, sonst droht ein Verkehrs- und Parkplatz-Chaos, das die Besucher und die Einheimischen gleichermaßen treffen wird. Zumal ab 2018 die Jenner-Bergbahn die dreifache Förderkapazität pro Stunde haben wird.«

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Seit 2002, so Job in seiner Studie, ist die Zahl von Besuchern mit hoher Nationalparkaffinität in der Region stark gestiegen. Das zeige, dass der Stellenwert des Nationalparks als Attraktion innerhalb der Destination Berchtesgadener Land in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen habe. Dementsprechend habe sich auch ein Bedeutungsgewinn des Nationalparktourismus für die regionale Wirtschaft ergeben. Doch irgendwann ist das Limit erreicht. Laut Job ist dieser Zeitpunkt gekommen: »Der Nationalpark braucht keinesfalls noch mehr Besucher. Weder um seine Existenzberechtigung oder seine Rolle als touristischen Attraktionspunkt innerhalb der Destination, noch seine Bedeutung innerhalb der Regionalwirtschaft im Landkreis zu unterstreichen.«

Dass es im Nationalpark zum Teil zugeht »wie auf der Wies'n«, weiß Job aus eigener Erfahrung. So hatte eine Familienwanderung durch die Wimbachklamm Ende Juli, wie er erzählt, für seine Familie nach einer Viertelstunde Parkplatzsuche erst einmal mit einem Stau am Kassenautomaten begonnen. »Keine fremden Köpfe auf den Fotos drauf zu haben, war schier unmöglich. Für Handy-Videos zum Posten, Erklärungen in Richtung der neugierigen Kinder oder gar emotionale Natureindrücke – das Kerngeschäft eines jeden Nationalparks – bleibt dummer Weise keine Zeit.«

Der Pkw ist für all diese Besucher das dominierende Verkehrsmittel um in den Talkessel zu gelangen. Laut Jobs Studie greifen neun von zehn Besucher darauf zurück (89,7 Prozent). Tendenz leicht steigend. Mit der Bahn beziehungsweise dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) waren es nur 6,4 Prozent der von ihm Befragten. Wen wundert da noch, wenn die Straßen im Talkessel überlastet sind?

Hubert Job hat in seiner Studie nicht nur die Tendenzen der vergangenen Jahre zusammengefasst, sondern sich auch Gedanken um die Zukunft gemacht. Ein proaktiver statt reaktiver Einsatz des Marketing-Mixes sei zur Steuerung der Besucherströme nötig: In der Hochsaison sei ein De-Marketing durch Kommunikation negativer Nutzungsfolgen (reduziertes Naturerlebnis durch hohe Besucherzahlen, Verkehrsprobleme bei An- und Abreise, Wartezeiten bei Königsseeschifffahrt) zu betreiben. Die Aussetzung von positiven Marketingmaßnahmen in der Hochsaison sei seiner Meinung nach unabdingbar.

Zudem müsse man durch gezieltes Marketing darauf hinwirken, im nördlichen Teil des Landkreises gelegene Wanderrouten, Ausflugsziele und Übernachtungsmöglichkeiten bekannter und attraktiver zu machen, um den Nationalpark in der Hochsaison zu entlasten. »Denn wenn der Besucher Naturerlebnisse sucht aber vor allem andere Gäste findet, wird die Reisezufriedenheit schwinden.«

Die steigenden Bevölkerungszahlen unter anderem im Bereich München, Rosenheim und Salzburg sowie die schnell wachsende Straßenverkehrsinfrastruktur werde ein Mehr an Tagestouristen zur Folge haben. Diese müssten vor allem verkehrstechnisch besser gelenkt werden. Deshalb ist auch der Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes ein Muss. Denn sonst drohe der Nationalpark sowie die Straßen und Parkplätze nicht nur an schönen Wochenenden und in der Hochsaison durch Tagesgäste überlaufen zu werden.

Deshalb sei die umgehende Erarbeitung eines stabilen Verkehrskonzeptes für den gesamten Landkreis Berchtesgadener Land mit speziellem Fokus auf die fünf Anrainer-Gemeinden des Nationalparks notwendig. Ziel müsse die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs und gleichzeitiger die Steigerung der Übernachtungszahlen in den Nationalparkvorfeldgemeinden sein. ra

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