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»Es ist schön, gebraucht zu werden«

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Neben Gespräche führen mögen einige Senioren auch Gesellschaftsspiele. Dann holt Christoph Göbel das Spielbrett und spielt eine Runde »Mensch ärgere Dich nicht« mit ihnen. Foto: privat

Bischofswiesen (jc) – Anna strahlt. Die kleine, fast zierliche 74-Jährige mag große, starke Männer. Und Christoph Göbel ist so einer, ein richtiger Bär: 1,95 Meter und stämmig gebaut. Kaum betritt er den Wohnbereich des Caritas-Altenheims St. Felicitas in Bischofswiesen, auf der Anna seit gut einem Jahr lebt, läuft sie auf ihn zu, hakt sich bei ihm unter und weicht ihm während seines ganzen Arbeitstages nicht mehr von der Seite.


Auch die anderen Bewohner mögen den 48-Jährigen sehr, denn sein Job ist es, sich für sie Zeit zu nehmen. Er macht all' das, wofür im Pflegealltag keine Zeit bleibt: Mit Bewohnern spazieren gehen, Gesellschaftsspiele spielen, sie in den Markt begleiten oder ihnen einfach nur zuhören. »Herr Göbel ist für die Bewohner das Tüpfelchen auf dem i«, freut sich Heimleiterin Cornelia Geistanger und erwähnt in gleichem Atemzug stolz Unternehmungen wie Garten- oder Kunstprojekte, die der 48-Jährige tatkräftig umsetzt.

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Seit Juli vergangenen Jahres arbeitet er als Bürgerarbeiter im Wohnbereich »Sonnenblume«. Dort, im beschützenden Bereich, werden 15 Männer und Frauen mit Demenz betreut. Keine leichte Aufgabe, doch Göbel möchte sich keine andere Arbeit vorstellen. » Für andere Menschen da zu sein und gebraucht zu werden, gibt mir ein gutes Selbstwertgefühl«, sagt er. Und genau das hat ihm in den letzten Jahren gefehlt. Als Langzeitarbeitsloser war er selber auf Hilfe angewiesen. Doch die benötigt er vorläufig nicht mehr.

Vor einem Jahr nahm ihn das Jobcenter Berchtesgadener Land in das Projekt Bürgerarbeit auf. Mit diesem Konzept will Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen Langzeitarbeitslosen zu einem neuen Job verhelfen und aus der staatlichen Unterstützung herausholen. Sie sollen, wenn Arbeitsvermittlungsversuche und Weiterbildungen nicht erfolgreich verlaufen, gemeinnützige Arbeit leisten. »Im Landkreis gibt es insgesamt 50 Bürgerarbeitsplätze«, erklärt Christoph Werner vom hiesigen Jobcenter, der das Projekt betreut. Die Palette der Beschäftigungsmöglichkeiten reicht von Helfertätigkeiten im sozialen Bereich wie Altenheim oder Kindergarten bis hin zur Mitarbeit in der Schulbücherei. Die Arbeiten, die ausgeübt werden, müssen im öffentlichen Interesse liegen und zusätzlich sein. Es darf also keine reguläre Arbeit verdrängt werden. Sie ist auf drei Jahre beschränkt und im Gegensatz zum Ein-Euro-Job erhalten die Teilnehmer für ihre Arbeit ein Gehalt. Diese Beschäftigung ist sozialversicherungspflichtig mit Ausnahme der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Finanziert wird das Projekt aus dem Bundestopf zur Eingliederung von Langzeitarbeitslosen sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.

Die Vorteile des Projekts liegen laut Werner in der beruflichen sowie sozialen Integration: »Der bisher Arbeitslose hat wieder Kollegen und hält seine Fachkenntnisse auf dem Laufenden.« Aber auch volkswirtschaftlich sei es sinnvoll, da Arbeitslosengeld II eingespart und Geld in die Lohnkosten investiert werde. Zusätzlich werden Kosten für die Unterkunft eingespart, die sonst für den Landkreis anfallen.

Göbel pflichtet Werner bei: »Das Entscheidende ist nicht das Geld, sondern das Gefühl, wieder gebraucht zu werden und einen geregelten Tagesablauf zu haben.« Und warum ein Altenheim? Der Bischofswieser antwortet prompt: Er hat privat Erfahrung sammeln können, als seine Großeltern zehn Jahre zu Hause gepflegt wurden und als Zivildienstleistender fuhr er zweieinhalb Jahre Rettungswagen für das Rote Kreuz. »Diese Qualifikationen sprachen für ihn«, erklärt Heimleiterin Geistanger, die ihren zusätzlichen Mitarbeiter nicht mehr missen möchte und seine Grundhaltung und Wertschätzung sowie sein Interesse an den älteren Bewohnern lobt. Anna, die Heimbewohnerin, nickt. Sie ist gehörlos, doch das Lob hat sie verstanden und schon strahlt sie wieder. »Überhaupt verstehen wir uns ganz ohne Worte«, sagt Göbel und muss nun auch lachen.