weather-image
18°

Es war ein »Überlebenskampf«

4.0
4.0
Bildtext einblenden
Foto: Symbolbild

Teisendorf – An beiden Abenden war der 32-jährige Teisendorfer betrunken, in beiden Fällen gab es keinen Anlass für die Gewalt. Im ersten Fall würgte er einen anderen Teisendorfer derart, dass dieser von einem »Überlebenskampf« sprach.


Ein anderes Mal boxte er in Traunstein einen Ausländer und drohte ihm, ihn umzubringen. Trotz zweifachen Widerrufs einer Bewährung erhielt der Mann am Laufener Amtsgericht noch einmal eine Chance. Sowohl die Freiheitsstrafe als auch die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Anzeige

Man habe an diesem Juliabend 2016 in dem Teisendorfer Pub zusammen Dart gespielt, hatte das erste Opfer bei der Polizei ausgesagt. Am Vorplatz des Lokals sei der Angeklagte dann absichtlich mit dem Kopf an eine Schranke gerannt und habe sich bewusstlos gestellt. Auf den Vorhalt der »Schauspielerei« sei er ausgerastet und habe ihn minutenlang gewürgt. Das Opfer sprach von einem »Überlebenskampf«, bis ihm schließlich zwei Frauen zu Hilfe kamen. Zwei Tage lang war der Mann deswegen in einer Traunsteiner Klinik.

Im Mai 2017 bedrohte der Angeklagte an der Traunsteiner Bahnhofsstraße einen unbekannten Ausländer mit Umbringen und versetzte ihm einen Faustschlag in die Rippen. »Er kann sich an die Sachen nur noch schwach erinnern«, erklärte Rechtsanwalt Jürgen Tegtmeyer, »aber er bestreitet nichts.« Aufgrund des angekündigten Geständnisses hatte Richter Martin Forster auf die Ladung der acht Zeugen verzichtet.

Der 32-Jährige trinkt seit seinem 14. Lebensjahr. »Schon mal 20 Halbe an einem Tag«, wie Dr. med. Stefan Gerl berichtete. Sieben Aufenthalte in Gabersee und zwei in der Klinik Freilassing hat er bereits hinter sich. Nüchtern sei der Angeklagte ruhig, gutmütig und angepasst, Alkohol aber mache ihn aggressiv und impulsiv. Gerl empfahl die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Eine ambulante Therapie erachtete er als »schwierig.« Jetzt in der Haft sei eine Abstinenz möglich, »draußen aber schaut es vermutlich wieder anders aus.«

Der Teisendorfer verbüßt seit Juli eine 13-monatige Haftstrafe in der JVA Bernau, weil zwei Bewährungen widerrufen wurden. Vier Einträge finden sich im Bundeszentralregister wegen Körperverletzung, Beleidigung, Widerstand und fahrlässigen Vollrauschs. Zuletzt hatte es eine Geldstrafe wegen Beleidigung – »du Rindviech, du glotscherts« – und einen Faustschlag ins Gesicht gegeben. Sein Pegel dabei: 2,5 Promille. Diese Strafe wurde in das jetzige Urteil einbezogen. Er habe Schulden aus »Altlasten«, räumte der Angeklagte ein, worauf sein Verteidiger ergänzte: »Ein Problem sind die Forderungen der Krankenkassen.«

Massive Gewalt vollkommen grundlos, hielt Staatsanwältin Veronika Ritz dem »mehrfach einschlägig vorbestraften« Teisendorfer vor. Sie plädierte auf eine Gesamtstrafe von einem Jahr und zehn Monaten und tat, was sie nach eigenen Worten noch nie getan habe, nämlich bei zweifachem Bewährungsversagen erneut eine Bewährung zuzugestehen. Die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt allerdings mochte sie nicht zur Bewährung aussetzen.

Dem Antrag der Staatsanwältin stimmte Tegtmeyer zu, bis auf die Unterbringung. »Mein Mandant würde Wohnung und Arbeit verlieren, wäre entwurzelt und stigmatisiert«, sagt der Verteidiger, »und ohne Chance, den Schaden wieder gut zu machen.« Weshalb er dafür plädiere, auch die Unterbringung zur Bewährung auszusetzen.

Martin Forster entschied auf ein Jahr und fünf Monate Haft und Unterbringung. »Aber ich meine, man kann beides zur Bewährung aussetzen.« Dafür aber sei ein enges Netz nötig. So darf der Teisendorfer keinen Alkohol mehr trinken, er steht unter Führung eines Bewährungshelfers und hat eine ambulante Therapie zu absolvieren. »Einmal Alkohol und es wäre sofort der Bewährungswiderruf da«, warnte der Richter den 32-Jährigen und riet ihm: »Nutzen sie die Chance, es könnte die letzte sein.«

»Wir nehmen das Urteil mit großem Dank an«, erklärte der Verteidiger. Für die derzeit verbüßte Haft habe man bereits einen Zwei-Drittel-Antrag gestellt. Wird dem stattgegeben, so könnten die 13 Monate aus den widerrufenen Bewährungen auf rund neun Monate verkürzt werden. Eine baldige Entlassung wäre möglich. höf