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»Flüchtlinge für den heimischen Arbeitsmarkt«

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Flüchtlinge, die eine Aufenthaltsgenehmigung haben, wünscht sich IHK-Gremiumsvorsitzende Irene Wagner aus Marktschellenberg für den heimischen Arbeitsmarkt. Die Ausbildungssituation ist besorgniserregend. (Foto: Pfeiffer)

Marktschellenberg – Die Bewerberlücke in der regionalen Wirtschaft verharrt auf hohem Niveau: Viele Unternehmen finden keine Arbeitskräfte für ihre Ausbildungsplätze. Ein Grund sei die zunehmende »Akademisierung« junger Leute, so Irene Wagner, IHK-Gremiumsvorsitzende, gegenüber dem »Berchtesgadener Anzeiger«. Ihr Wunsch: Flüchtlinge mit Recht auf Asyl in den Arbeitsmarkt einzugliedern.


Zu Beginn des Ausbildungsjahres sind in den Betrieben im Berchtesgadener Land noch mehr als 200 von über 800 angebotenen Lehrstellen frei, so die aktuelle Statistik der Arbeitsagentur. Damit bleibt fast jeder vierte Ausbildungsplatz unbesetzt.

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»Vor allem kleine und mittlere Unternehmen müssen um jeden Azubi kämpfen. Aufgrund der guten Konjunktur und des absehbaren Fachkräftemangels bieten sie reichlich Lehrstellen an, sie bekommen aber immer weniger Bewerbungen«, sagt Irene Wagner. Insgesamt treten im Berchtesgadener Land mit Beginn des Ausbildungsjahres 316 Jugendliche eine Lehre bei IHK-zugehörigen Unternehmen an, wie aus der vorläufigen Zwischenbilanz hervorgeht.

Dies ist ein Plus von 14,9 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Damals begannen 275 Jugendliche eine Ausbildung. »Die endgültige Bilanz am Ausbildungsmarkt wird erst zum Jahresende gezogen – nachdem wir 2014 ein Minus von 8 Prozent hatten, wäre dies ein willkommener Ausgleich«, kommentiert Wagner die Zahlen. »Die Betriebe könnten aber noch viel mehr Lehrstellen besetzen, wenn es genügend Bewerber gäbe«, so die IHK-Gremiumsvorsitzende.

Die gibt es aber nicht. Zudem ist der prognostizierte »demografische Wandel« nun deutlich spürbar. Freie Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, immer mehr Jugendliche orientieren sich anderweitig: Die IHK-Gremiumsvorsitzende führt den Bewerberengpass auf stagnierende Schulabgängerzahlen sowie den Trend zur Akademisierung zurück. Die Zahl der Absolventen der Mittelschulen ist in Oberbayern seit 2005 um 27 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Abiturienten um 54 Prozent. »In der Berufsorientierung müssen die hervorragenden Karrierechancen durch eine Ausbildung wieder mehr Stellenwert bekommen, wir brauchen nicht noch mehr Studienabbrecher«, so Wagner. Mit Schulpatenschaften, der Teilnahme an Bildungsmessen oder Ausbildungstagen im Unternehmen könnten Betriebe den Schülern bei der Berufsorientierung helfen, sagt Wagner, selbst Inhaberin eines großen Betriebes in Marktschellenberg.

Besonders groß ist der Azubimangel im Einzelhandel und in der Gastronomie. Wagner unterstreicht jedoch, dass das Problem quer durch alle Branchen gehe. »Es sind auch noch etliche Lehrstellen in den Bereichen Holzverarbeitung, Energietechnik und Metallbau frei«, so die IHK-Vorsitzende. Der Mangel an Ausbildungsbewerbern werde für die heimische Wirtschaft immer mehr zum Dauerzustand, beklagt Wagner. »Die fehlenden Azubis von heute sind aber der Fachkräftemangel von morgen. Die Wirtschaft braucht dringend Unterstützung, um die Ausbildung für mehr Jugendliche attraktiv zu machen«, fordert Wagner.

Chancen erkennt Wagner bei jenen Flüchtlingen, die in Deutschland Asyl finden: »Das sind meist junge Menschen, die arbeiten wollen.« Das Potenzial sei groß, nur müsse ihnen möglichst schnell die Chance eingeräumt werden, arbeiten zu dürfen. »Das Wichtigste ist, dass sie Deutsch lernen, das ist die Grundlage.«

Ohne Einbindung der Zuwanderer sei der Ausbildungsmarkt auf längere Sicht nicht ausreichend zu bedienen. Kilian Pfeiffer

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