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Flüchtlinge für Marktschellenberg

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Bürgermeister Franz Halmich: »Wir schaffen das.«
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Rund 20 Asylbewerber sollen ab April in das ehemalige Schnitzhofheim nach Marktschellenberg. (Fotos: Pfeiffer)

Marktschellenberg – Bis zu 20 Asylbewerber sollen Anfang April in das ehemalige Schnitzhofheim nach Marktschellenberg kommen. Das kündigte Johannes Gruber vom Landratsamt bei einer Informationsveranstaltung im Feuerwehrhaus an. Die gut besuchte Veranstaltung nutzten viele Marktschellenberger, um Fragen und Bedenken zu äußern: »Ich wurde zu keinem Zeitpunkt darüber informiert, dass in das Haus, in dem ich wohne, Flüchtlinge kommen«, sagte eine Frau. Weil das Haus keinen Schallschutz besitze, müsse sie gemeinsam mit ihrer Familie jetzt ausziehen. »Diese Vorgehensweise ist erschreckend.«


In die neu geschaffene dezentrale Unterkunft sollen bis Mitte des Jahres maximal 35 Personen einziehen, informierte Johannes Gruber. Bürgermeister Franz Halmich sagte, dass Marktschellenberg »nun auch dran ist mit der Aufnahme. Bei uns gab es bislang einfach keine Unterbringungsmöglichkeiten.« Nachbargemeinden wie Berchtesgaden und Bischofswiesen hätten aktuell jeweils rund 140 Asylbewerber aufgenommen und lägen deutlich über dem Zuteilungsschlüssel.

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Im Schnitzhofheim wird ein sogenannter »Kümmerer« als Hausverwalter arbeiten und dafür sorgen, dass die Flüchtlinge einen Ansprechpartner in ihrem neuen Zuhause haben. »Es gilt, diejenigen, die eine hohe Chance haben, dauerhaft zu bleiben, in der Bevölkerung, im Alltag, zu integrieren.« Wichtig sei es, auch in Marktschellenberg einen Helferkreis aufzubauen, der sich etwa um Deutschunterricht bemüht und einspringt, wenn Hilfe benötigt wird. »Klar ist, dass es ohne die Leute im Ort nicht funktionieren wird«, sagte Landratsamt-Mitarbeiter Johannes Gruber.

Keine Kosten für die Gemeinde

Der Fachbereichsleiter für Soziales und Senioren, Siegfried Zuhra, informierte darüber, was den Asylbewerbern zusteht: So bekommt jede Person 330 Euro im Monat, darin enthalten ist das sogenannte »Taschengeld«, aber auch jene finanziellen Leistungen, mit denen der Alltag, wie der Einkauf von Essen, bestritten werden muss. Darüber hinaus stünden ihnen Leistungen auf Bildung und Teilhabe zu, etwa dann, wenn in der Schule eine Klassenfahrt ansteht, das Mittagessen gezahlt oder Vereinsbeiträge beglichen werden müssen. »Welche Kosten kommen auf die Gemeinde zu?«, wollte ein Marktschellenberger wissen. »Keine«, antwortete Bürgermeister Franz Halmich. Das Geld fließe von anderer Stelle, lediglich der bürokratische Aufwand erhöhe sich in der Gemeindeverwaltung im Einzelfall. »Wird es Dolmetscher geben?«, wollte einer wissen. Mit Englisch komme man sehr weit, hieß es von Behördenseite. Im Hintergrund gebe es aber Leute, die professionelle Hilfe anbieten können.

Siegfried Zuhra klärte auf, dass jeder Asylbewerber freie Arztwahl bei akuten Erkrankungen und Schmerzen habe, dass der Krankenschein beim Landratsamt angefordert werden müsse und die Kosten für Arztbesuche aus Landkreismitteln vorgestreckt würden. Für Lebensmitteleinkäufe seien die neuen Marktschellenberg-Bewohner selbst zuständig. »Wo sollen sie bei uns einkaufen?«, fragte eine Veranstaltungsbesucherin erstaunt. Marktschellenberg hat seit längerer Zeit keinen Einkaufsladen, die nächste Möglichkeit gibt es im Nachbarort Berchtesgaden, den man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht. Auf österreichischer Seite sei es für Flüchtlinge nicht möglich, einzukaufen, so Johannes Gruber, da diese die Grenze nicht übertreten dürften.

Mehrere Marktschellenberger äußerten ihren Wunsch, dass Familien im Schnitzhofheim wohnen sollen. Auch Halmich sieht das so. »Wir wissen es zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht«, machte Johannes Gruber deutlich. Jede Woche melde das Landratsamt die freien Kapazitäten an die Regierung von Oberbayern. Man äußere für einzelne Objekte auch einen Wunsch, allerdings sei es nicht garantiert, dass diesem auch nachgekommen werde.

Das Schnitzhofheim, das viele Jahre als schwer vermietbar galt, müsse nun vom Eigentümer »in einem guten Zustand« an das Landratsamt, dem neuen Mieter, übergeben werden. Bedenken, dass das Objekt keinen ausreichenden Brandschutz aufweise, keine Fluchttreppen am Haus vorhanden seien, erstickte Johannes Gruber im Keim. »Sie können sicher sein, dass nach den Geschehnissen von Schneizlreuth jeder dreimal schaut, dass alles passt«, so Gruber. 15 weitere, also bis zu 35 Asylbewerber insgesamt, sollen bis Mitte des Jahres nach Marktschellenberg kommen, wohin, das steht noch nicht fest.

Kein Schallschutz, daher Auszug

Eine Bewohnerin des Schnitzhofheims zeigte sich erbost über die Vorgehensweise. »Ich bin Mieter und habe erst kürzlich erfahren, dass zu mir ins Haus Asylbewerber einziehen sollen«, sagte sie. Nicht mal die Möglichkeit sei ihr eingeräumt worden, sich rechtzeitig nach einem anderen Mietobjekt umsehen zu können. Zumal der erste Stock seit Jahren leer stehe, da sich das Haus in einem schlechten Zustand befinde, ein Schallschutz fehle. Sie bat darum, den Einzug der Asylbewerber »um zwei Monate nach hinten zu verschieben«, um sich und ihre Familie »retten« zu können.

Wenig einverstanden zeigte sich Johannes Gruber mit der Ausdrucksweise der Marktschellenbergerin: »Mir gefällt nicht, dass Sie sagen, sie müssten sich retten. Es gibt viele Beispiele, wo Deutsche und Asylbewerber gut nebeneinander leben«, sagte er. Eine Zusage, dass der Einzug verschoben wird, konnte er zudem nicht geben. Darüber hinaus solle die Dame als Mieterin den Asylbewerbern klarmachen, welche Regeln in Deutschland zu beachten seien. »Halten Sie die Leute zur Ruhe an«, sagte Gruber, stieß mit seiner Äußerung aber auf Gelächter. Bei Konflikten stehe das Landratsamt zur Verfügung, schob er nach. Eine ältere Dame sprang der Schnitzhofheim-Mieterin zur Seite, bat darum, den zeitlichen Aufschub zu gewähren: »Es kann doch nicht sein, dass plötzlich Flüchtlinge vor unseren Einheimischen Vorrang haben«, sagte die Frau.

Das reichte Gemeinderat Peter Hüttinger: »Es kann doch nicht sein, dass sich einige so anstellen«, ließ er die Versammlung wissen. »Gemeinsam können wir sie doch einbinden. Wenn wir zusammenhalten, ist das doch kein Problem«, sagte er. Das selbstbewusste Auftreten des Marktschellenbergers irritierte den einen oder anderen, der Applaus, der dann folgte, war aber groß. Bürgermeister Franz Halmich: »Wir haben vor über 20 Jahren schon deutlich mehr Asylbewerber bei uns aufgenommen, dann schaffen wir das heute ohne Weiteres.« Kilian Pfeiffer