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Im Talkessel wird der Platz knapp – Ludwig Römhild informiert über den fortschreitenden Bodenverbrauch

Forcierter Flächenfraß?

Bischofswiesen – Das Beispiel ist aktueller denn je: Die Fläche des Gewerbegebiets Pfaffenfeld könnte sich laut Flächennutzungsplan verdoppeln. Auch andernorts sollen neue Wohngebiete verwirklicht werden. Für Dr. Ludwig Römhild ein Gedanke, der ihm Sorge bereitet. Mit dem sogenannten »Bodenradar« (www.watzmannwacht.de) möchte er mit einigen Mitstreitern festhalten, »wann, wo und wie viel unberührte Berchtesgadener Kulturlandschaft für Baumaßnahmen oder sonstige Landschaftsbebauung verbraucht wird«.

In den letzten 40 Jahren liegt der Flächenverbrauch allein in Berchtesgaden bei 173 000 Quadratmetern. Repro: Anzeiger/Pfeiffer
Auf dem Ludlerfeld unweit des Gewerbegebietes »Gartenau« sollen sich künftig neue Betriebe ansiedeln dürfen, wenn es nach dem Flächennutzungsplan des Marktes Berchtesgaden geht. Foto: Anzeiger/Wechslinger

»Die freien Flächen werden nach und nach schleichend zugebaut«, sagt Ludwig Römhild. Die Naturbelassenheit, die den Berchtesgadener Talkessel eigentlich auszeichne, verschwinde. Was droht, ist eine »Versiegelung des Tals«. »Ich möchte den Prozess, der sich seit dem Zweiten Weltkrieg enorm verstärkt hat, greifbar und begreifbar machen«, sagt er im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«.

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Historische Siedlungskarten

Bislang wurden 657 000 Quadratmeter Fläche erfasst, »und das ist nur ein Bruchteil dessen, was seit Mitte des letzten Jahrhunderts bebaut wurde«, sagt Dr. Römhild. Das Interessante dabei: Aktuelle Karten des Talkessels lassen sich mit historischen Karten auf Knopfdruck miteinander vergleichen. Auf Römhilds Internetauftritt lassen sich mithilfe des Münchner Vermessungsamtes Siedlungskarten einsehen, die zeigen, wie das Berchtesgadener Tal früher besiedelt war – vor 200 Jahren.

Die Navigation auf der Seite ist einfach: Mit wenigen Klicks können Interessierte etwa ihren Wohnort auf einer historischen Karte heraussuchen und mit wenigen Klicks eine aktuelle Karte mit der heutigen Bebauung drüberlegen. »Was sich im Verlauf der Jahrzehnte alles geändert hat, ist kaum zu glauben«, meint Römhild. Und der Landverbrauch schreitet ständig fort. »Wir müssen dafür eine Sensibilität erzeugen und das Bewusstsein schärfen, dass hier etwas Kostbares für Generationen verloren geht.« Wenn dieses Tempo so weitergeht, seien die freien Flächen des Berchtesgadener Tals in 100 Jahren weitgehend aufgebraucht, so der Bischofswieser.

Über das Bodenradar kann man Bebauungen innerhalb der einzelnen Gemeinden der letzten Jahre einsehen, aber auch Geplantes begutachten. Beispiel Triftplatz: Dort entstanden ab 2009 Gewerbeflächen. Der Flächenverbrauch: 16 000 Quadratmeter. Ein weiteres Beispiel aus dem Jahr 2000 aus der Ramsau: Knapp 37 000 Quadratmeter naturbelassene Fläche musste damals für das Reichlfeld weichen.

Dutzende Beispiele auf der Homepage

110 000 Quadratmeter umfasst der Flächenverbrauch des Gewerbegebiets Stangenwald, 55 000 Quadratmeter die Datzmann-Siedlung in Bischofswiesen. Auf dem Anzenbachfeld, wo Berchtesgadens Gymnasium steht, gingen 12 000 Quadratmeter grüne Wiese verloren. Dutzende Beispiele listet Römhild auf seiner Seite auf. Wenn das so weitergehe, werde der Talkessel immer unattraktiver – vor allem für Urlauber, die für einen erfolgreichen Tourismus unerlässlich sind, von dem wiederum ein Großteil der Einheimischen lebt.

Römhilds Anliegen ist es, das Bodenradar zu komplettieren. Natürlich braucht der in Salzburg praktizierende Zahnarzt noch weitere Mitstreiter, um die bislang überschaubare Mannschaft zu vergrößern. So gibt es bereits Ideen, Umweltprojekte mit der Jugend zu initiieren. »Die könnten wir etwa gemeinsam mit Schulen verwirklichen«, plant Römhild.

Denn der Flächenverbrauch geht unvermindert weiter. In den Flächennutzungsplänen, die derzeit von den Gemeinden ausgearbeitet werden und die die Richtung vorgeben sollen, wie sich die Orte in den nächsten 25 Jahren entwickeln werden, existieren weitere mögliche Flächen für Wohnungs- und Gewerbebebauung.

So könnten etwa ab 2015 allein in Bischofswiesen, Schulstraße, 10 600 Quadratmeter Fläche für Einfamilienhäuser wegfallen, eine riesige Erweiterung könnte das Gewerbegebiet Pfaffenfeld erfahren – und womöglich langfristig auf das Doppelte anwachsen. Auch in Berchtesgaden soll gebaut werden. Möglich wäre das auf dem Ludlerfeld, nur unweit entfernt vom Gewerbegebiet Gartenau. 11 000 Quadratmeter stehen dort zur Verfügung.

Für den Verlust der Landschaft sei es völlig gleichgültig, so Römhild, welche »noch so wichtigen Gründe für den weiteren Verbrauch angeführt werden«. Wenn der Boden einmal weg sei, »dann ist er einfach nicht mehr da, so wie ein Stück Kuchen, das man gegessen hat. Der Mensch ist dann zwar kurzfristig gesättigt, aber der Hunger auf mehr kommt immer wieder«, ist sich Römhild sicher.

Hunderttausende Quadratmeter Fläche sind in den letzten Jahrzehnten bereits verbaut worden. »Was sind schon ein paar Jahrzehnte«, fragt Ludwig Römhild. Berchtesgaden in 200 Jahren: Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass mit gemeinschaftlichen Kräften eine nachhaltige Nutzung der Natur im Tal möglich sein wird. Kilian Pfeiffer

Weitere Informationen unter www.watzmannwacht.de