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Franz Kurz sieht rot, wieder einer tot

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Hallo? Zefix! Hallo?! Herrschaftszeiten! Hallo!! Hat die Zustl am Telefon wirklich »Hallo« gesagt? Franz Kurz ist fassungslos. In Schönramsgaden begrüßt man sich mit Griaßde, mit Servas oder mit Griaßgod. Hin und wieder auch mit »Glück auf«. Und manchmal mit »Ski Heil«. Wobei »Ski Heil« einer anderen Begrüßung ziemlich ähnlich ist. Man sollte halt bei diesem Ausruf nicht gleichzeitig den rechten Arm heben. Stimmt, »Ski Heil« ist gerade in Schönramsgaden eine fragwürdige Begrüßung. Aber immer noch besser als »Hallo«.


Wurscht. Die Theaterchefin ist halt nicht von hier. Schönramsgaden ist halt nicht überall. Und die Theaterfrau kommt schließlich von weit weg her. Von ganz weit weg. Extrem weit weg. Und in Waging am See reden die Leute halt nicht gescheit. Doch über kleine Makel sieht der Kurz-Franz schon mal hinweg. Auch wenn dieses Weiberleit seit 30 Jahren in Schönramsgaden wohnt.

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Hätte er Nein sagen sollen? Nein, das geht nicht. So ein Rollenangebot konnte er nicht ablehnen. In der schönen Schönramsgadener Tracht auf der Theaterbühne stehen, bedeutungsschwangere Worte in der schönsten Schönramsgadener Mundart sprechen und dann den handgefertigten Handböller abfeuern. So ähnlich muss es im Paradies sein, denkt sich der Kurz-Franz.

Montagabend im Landwirtetheater: »So – san alle do? Oans, zwoa, drei, via, fünf ... der Herr Hamberger kimmt a bisserl später, der is auf der Autobahn im Stau.« Die Theaterchefin, Luzia Reichl-Ferrari, steht auf der Bühne vor ihren Schauspielern. »Des is der Herr Mattek aus Köln, der hod si jetz a paar Vorstellungen vo uns ogschaugt und mecht a Stückl über Schönramsgaden und die Krampei schreiben und dann a die Regie übernehma. Er stört uns net, er sitzt oafach bei der Probe da unten und schaut zua und nachher in der Vorstellung is er a do.«

Und schon klatscht Luzia Reichl-Ferrari in die Hände. »Auf die Plätze. Ich hoff, ihr könnt’s euren Text noch oder habt’s ihn angschaut, der Franz hod eh nur den oana Satz.« Franz Kurz seufzt und trottet hinterm Pfnür-Wawerl und Heitauer-Simmerl zur Garderobe, weil er erst in der letzten Szene des dritten Aktes dran ist. Warten ist angesagt. Franz muss nur »Wennst ma grod gehst« sagen und mit seinem Böller schießen.

Aber natürlich nicht richtig schießen. Er steht am vorderen Bühnenrand, richtet seinen Blick in die Ferne, sagt seinen Satz, hebt den Arm und schießt dahin, wo er sich den Pennergipfel vorstellt. Ungefähr in die Richtung, wo das grün-weiße Notausgangsschild leuchtet. In dem Moment, wo sein Arm oben ist und er zielt, zählt er bis drei und drückt ab. Der Herr Reichl-Ferrari sitzt hinter der Bühne am Mischpult und lässt bei »Drei« den Schuss krachen.

»Der Böllerer« von Heinrich Wollny, 3. Akt, 12. Szene: Der Landwirtetheaterschauspieler Franz Kurz steht am Bühnenrand und schaut zum illuminierten Pennergipfel, der da grün-weiß im Dunkel des Theatersaals leuchtet. »Wenn«, sagt er. Da fällt ihm sein Satz nicht mehr ein. »Wenn«, sagt er wieder. Frau Reichl-Ferrari zischt leise: »Wennst ma grod gehst!«.

Er sieht sie an der Seite am roten Vorhang stehen, sieht ihre roten Haare, ihr immer noch schnittiges Fahrgestell. Und wie sie so da steht, da sieht der Franz nur noch rot. »De is echt wia a rouda Ferrari«, schießt es ihm durch den Kopf. Und dann kommt sein Satz wie ein tiefer Seufzer ganz zuunterst aus ihm raus. »Wennst ma grod gehst«, sagt er langsam. Seine rechte Hand zielt gestreckt zum Notausgangsschild. »Oans, zwoa, drei«, zählt er leise und drückt ab. Der Schuss kracht. Vorhang. Beifall brandet auf. Franz geht schnell hinter dem Vorhang ab, weil zuerst die beiden Hauptdarsteller mit dem Verbeugen dran sind und ganz zuletzt ist er dran, weil er ja die kleinste Rolle spielt.

Nach dem letzten Vorhang und Franz Kurz’ letzter Verbeugung leert sich der Saal. Keiner achtet auf den Herrn, der in der ersten Reihe in der Mitte sitzt. Sein Kopf hängt ein wenig nach vorne. »Mei, do is oana eingschlafn«, sagt Herr Reichl-Ferrari, der die herumliegenden Programmzettel einsammelt. »He? He Sie! Mia mechtn zuasperrn! Ja, des is doch der Herr Mattek! Ja, um Godswuin! Do is ja Bluat!« Robert Reichl-Ferrari richtet den Mann auf. Herr Mattek schläft nicht. Herr Mattek ist tot. Zwischen seinen Augen steckt ein zapfenförmiges Stück Holz.

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