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Waginger Alex Diehl lobt gesellschaftspolitischen Weitblick der jungen Komponisten

Für einen Song am Hintersee

Ramsau – Im Frühjahr hatten dem Waginger Alex Diehl Millionen Fernsehzuschauer beim »ESC«-Vorentscheid zugehört. Jetzt kam der pfundige Oberbayer mit 24 Neuntklässlern in die Ramsau. Im CVJM-Aktivzentrum am Hintersee nahm der Künstler mit den Realschülern einen Song auf. Das Ferienseminar mit Alex Diehl war der Lohn für gute Noten und soziales Engagement im letzten Schuljahr.

Songwriter Alex Diehl und seine jungen Komponisten hoben im CVJM-Aktivzentrum am Hintersee gemeinsam einen neuen Song aus der Taufe. (Foto: Tessnow)

»Öffnet eure Augen und Ohren – wir haben unsere Wahrheit verloren«, mahnte die Botschaft der erarbeiteten Komposition und schallte aus den offenen Fenstern hinaus über den Hintersee. Der Musiker war stolz. Die Jugendlichen waren stolz. Das Resultat nach intensiver Texterarbeitung konnte sich hören lassen.

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Schon am frühen Vormittag diskutierten und texteten Schüler intensiv mit dem bekannten Songwriter. Es sollte eine Glanzleistung der Zusammenarbeit werden. Für die Extra-Aufnahme in der Ramsau hatte der Liedermacher ein kleines mobiles Tonstudio in sein Auto gestopft und hingekarrt. Zusammen mit seinem Aufnahmetechniker Andy Mertens wurde im Haus des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) eine passable Räumlichkeit eingerichtet.

In kollektiver Vorarbeit wollte Alex Diehl wissen, wie die Kids aktuell über Politik und Menschlichkeit denken. Das klang anspruchsvoll und kompliziert. Aber er schaffte es, aus vielen Jugendlichen ihre eigene Gesellschaftskritik herauszukitzeln. Von ihrem Engagement, dem umweltpolitischen Interesse und fortgeschrittener Medienkritik zeigte sich der 28-Jährige schwer beeindruckt. Diehl, der vertrauliche »Bär« mit Aussagetiefgang, blieb dabei immer auf der Suche nach verloren gegangener Objektivität. Seine sympathische Ausstrahlung und Leibesfülle bildeten den Typ »Marke Pfundskerl«. Er nahm die Schüler ernst und tat nicht nur so. Das kam an. Sie hörten ihm zu. Das wiederum war der Schlüssel des Poeten, ihre Herzen aufzuschließen.

Der Songwriter hätte auch das Zeug zum perfekten Sozialpsychologen. Nie hatte man bei ihm das Gefühl, sein Gegenüber vollquatschen oder gar manipulieren zu wollen. Der Mann vermittelte an diesem Tag ein riesiges Potenzial an Lebenserfahrung und Ehrlichkeit.

»Die Schüler haben mich selbst überrascht«, freute sich der Musiker. »Manche sind für ihr Alter schon erstaunlich weit«, resümierte Diehl. »Sagte doch glatt einer über die Attentatswelle in Bayern: ›Ich habe bis morgens am Bildschirm gesessen und auch nach Stunden Null Infos gekriegt. Die Politiker waren immer nur zutiefst erschüttert. Ich glaube einige Trauerteilnehmer wollten sich nur selbst darstellen.‹ Wohlgemerkt: Das kam aus dem Mund eines Neuntklässlers«, erzählte der Liedermacher und wirkte dabei sowohl begeistert als auch nachdenklich.

Diehl wollte schon immer politisch hellwach bleiben und vermitteln. Besonders aufgewühlt hatte ihn am 13. November letzten Jahres der Terroranschlag in Paris. Noch in der Nacht griff er spontan zum Kuli und brachte seine Emotionen zu Papier. Heraus kam »Nur ein Lied«. Der nachdenkliche Song wurde innerhalb von 48 Stunden millionenfach auf Facebook angeklickt. Der Durchbruch. Große Major-Label begannen sich für ihn zu interessieren. Schnell bot man dem Newcomer einen Plattenvertrag an. Diehl schlug ein. Mit dem Moment-Titel wurde der 28-Jährige wenige Monate später Zweiter beim Vorentscheid zum »Eurovision Song Contest« und verpasste nur knapp die Finalteilnahme hinter dem Paradiesvogel Jamie-Lee Kriewitz.

Für die Ausnahmeaufnahme am Hintersee hatte der Songwriter bereits ein Songkorsett ausgearbeitet. Die Strophen sang er. Den Refrain die Schüler. Man zog sich stundenlang in den improvisierten Studioraum zurück. Der Songtitel blieb geheim. Nur so viel wurde danach verraten: »Mit diesem Lied wollen wir der Welt sagen, wie schön es wäre, wenn alle zusammenhielten.« So hatten alle Spaß. Trotz der stickigen Sommerluft. Kein Schüler vermisste den Pausengong.

Zum selben Resultat kam auch Claudia Hoffmann. Die Lehrerin und Ministerialbeauftragte für die Realschulen Oberbayern-Ost leitete das Ferienseminar für die 24 Realschüler. Diese hatten sich im abgelaufenen Schuljahr durch gute Noten und besonderes soziales Engagement verdient gemacht. Die Organisation oblag dem Bayerischen Kultusministerium.

Seit April ist Alex Diehls aktuelles Album »Bretter meiner Welt« erhältlich. In vier Wochen geht er damit auf große Deutschland-Tournee. Den Rücken stärkt ihm mittlerweile ein großer Musikverlag. Auch unter Musikerkollegen ist der Waginger sehr gefragt. Der Multiinstrumentalist komponiert für viele Künstler. Mit Größen wie Xavier Naidoo oder Laith Al-Deen stand er bereits auf der Bühne. Diehl startet durch. Vielleicht wird die Komposition vom Hintersee ja ganz nebenbei ein Hit. Jörg Tessnow