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Geistersuche mit der Filmkamera

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Besprechung am Set (v.l.): Anna Glossner, Assistentin Julie Hössle und Regisseur Walter Steffen. (Fotos: Meister)
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Der wohl bekannteste bayerische Dokumentarfilmer Walter Steffen begann die Dreharbeiten für seine zwölfte Arbeit im Berchtesgadener Land.

Berchtesgaden – Im Berchtesgadener Land sollen Erdgeister, Feen und Zauberer leben und vor allem ist es die »unterirdische« Heimat von Karl dem Großen, der tief im Untersberg auf seine Auferstehung wartet. Es gibt viele Legenden im Alpenraum, Mythen und Mysterien entlang der Alpenkette zwischen Berchtesgaden und Garmisch-Partenkirchen, die den Filmemacher Walter Steffen anregten, einen abendfüllenden Dokumentarfilm zu diesem Thema zu drehen.


In Berchtesgaden, ganz nahe am sagenumwobenen Untersberg, startete er den Dreh.

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Die oben erwähnten Feen und Zauberer fanden er und sein fünfköpfiges Team sicherlich nicht, aber dafür Anna Glossner, deren Nachtwächter-Führung das Sextett verfolgte und die dann im Interview mit Walter Steffen auch noch ihr mit fantastischen Geschichten prall gefülltes Schatzkästlein ein kleines Stückchen öffnete.

»Alpgeister« wird der Film von Walter Steffen heißen und »ein moderner Heimatfilm über die Mythen und Mysterien der Bayerischen Alpen« lässt er als Erläuterung über seine Absichten folgen. Es wird der zehnte Dokumentarfilm sein, den der am Starnberger See lebende Autor und Regisseur in die Kinos bringen will. Und alle Vorgängerstreifen waren, das ist leicht nachprüfbar, erfolgreich. Manche sehr.

Steffen, der wohl zu den bekanntesten seines Faches in Deutschland, mindestens aber in Bayern zählt, wollte, wie wahrscheinlich die meisten seiner Berufskollegen, Spielfilme machen. Hat er auch und vor allem als Drehbuchautor für Kino und Fernsehen gearbeitet. Bücher für Fernsehserien schrieb er – Edel & Stark, Rosenheim Cops oder Alles Klara seien als Beispiel genannt, die Reihe ist sehr lang. Irgendwann aber verdünnten sich die Aufträge für Drehbücher, es wurde gespart, woran auch immer. Das war, sehr verknappt gesagt, für Walter Steffen gewissermaßen der Moment zum Neustart. Als Dokumentarfilmer. Heimatdokumentarfilme nennt der im Gespräch sehr unkomplizierte und auskunftsfreudige Filmemacher viele seiner Arbeiten. Die Isarflößer hat er auf die Leinwand gebracht, Geschichten vom Starnberger See erzählt, ist der »deutschen Willkommenskultur« nachgegangen oder ist den »Clowns ohne Grenzen bis in den Iran gefolgt.

Am Beginn seines nun schon zwölften Dokumentarfilms zieht Walter Steffen noch lange nicht Bilanz. Die Heimat, sagt er, das Regionale sei für ihn immer die wichtigste Orientierung, wobei er den Begriff Heimat übergreifend, als nicht fanatischen Angrenzungsdrang sieht. Die regionale Nähe, das sei am Rande vermerkt, hat im Nebeneffekt auch einen angenehmen wirtschaftlichen Faktor, denn Kino-Dokumentarfilme sind schwer an den Mann und auf die Leinwände zu bringen. Der erwähnte Isarflößerfilm brachte es in Bad Tölz (an der Isar) zum erfolgreichsten Kinofilm seit vielen Jahren.

»Ich mag und mache Filme über Themen, die die Menschen interessieren, berühren im guten Sinne, wenn ich ihnen Neues aus ihrem unmittelbaren Lebensraum erzählen kann.« Und eines Nachts, sagt Walter Steffen lächelnd, sei er aufgewacht und habe sein neues Thema gehabt, erinnert habe er sich, wie er als vier-, fünfjähriger Bub auf dem Schoß der Pflegeoma saß und ihren Geschichten, Sagen und Legenden von Oberstdorf gelauscht hat. Und sie habe viele davon gekannt. Das habe sein Leben auch ein wenig geprägt.

Und so war das Film-Thema »Welt der Mythen und Mysterien der bayerischen Alpen« geboren, wenn es sich auch selbst ein wenig mystisch anfühlt. »Was waren Mythen, an was glaubten die Alten, welchen Überzeugungen folgten sie?« Das waren nun einige der Fragen, die den Filmemacher umtrieben. Mit der Kamera alten Überlieferungen nachzuspüren, das einige tausend Jahre andauernde Zusammenleben der Menschen mit der Natur und die Mythen, die entstanden. An uralte Rätsel erinnern und sie vielleicht ein Stückchen zu entschlüsseln.

Warum aber die Berchtesgadenerin Anna Glossner? Von ihrem Nachtwächter-Dasein habe er gehört, sie kennenlernen wollen. »Sie hat etwas Spüriges«, sagt Walter Steffen. Etwas Spirituelles, wenn sie erzähle, würden alte und neue Welten miteinander verbunden, so jedenfalls sein Eindruck, sagt der Filmemacher und genau diesen Typ von Mensch brauche er für seinen Film. In den kommenden Wochen werde er entlang der Alpenkette noch einige Menschen treffen, die sich mit der Vergangenheit und Gegenwart ihrer Region auseinandersetzen, verbunden fühlen. Darauf freue er sich sehr, sagt Steffen.

Datenschutz ist in unserer nüchternen Gegenwartswelt oberstes Gebot. Kaiser Barbarossa und den anderen »unheimlichen Geistern« im Berchtesgadener Land wird er wohl reichlich egal sein. Der Filmemacher indes muss die irdischen Teilnehmer am Filmdreh um ihr Einverständnis ersuchen, eventuell in Cenemascop im Kino zu erscheinen. Welche Frage. Indes ist Anna Glossner im Nachtwächterkostüm auf eine Bank am Schlossplatz gestiegen, begrüßt die Gäste und beginnt ihre Runde mit einem langen Hochzeitsgedicht. Im Alten Friedhof soll die Runde enden, zwischen alten Grabsteinen. Ein wenig mystisch bestimmt, zumal sich Tag und Nacht in der Übergabe befinden. Das Ende des ersten Drehtages allerdings bestimmt nicht der Regisseur. Lange vor dem Erreichen des Friedhofes setzt der Regen ein, langsam zuerst, dann sich steigernd bis zu einem Punkt, an dem der Mensch sich geschlagen geben muss. Dieter Meister