Bildtext einblenden
Freuen sich auf die inklusive Neugestaltung des Spielplatzes an der Bacheifeldschule: Jugendreferentin Franziska Böhnlein (l.), Markus Voss als zuständiger Rathaus-Mitarbeiter und Gemeinderätin Katharina Mittner. (Fotos: Jander)
Bildtext einblenden
Auch der Spielplatz am Sunklergäßchen soll inklusiv gestaltet werden, einen ersten Ortstermin gab es schon.
Bildtext einblenden
Der Plan für die Neugestaltung ist schon fertig, unter anderem werden drei neue Spielgeräte aufgebaut.

Gemeinde ermöglicht chancengleiches Spielen

Berchtesgaden – Es ist eine Menge Geld, das die Gemeinde in die Hand nimmt, um ihren jüngsten Einwohnern chancengleiches Spielen zu ermöglichen. Inklusion lautet hier das Zauberwort, die gemeindlichen Spielplätze werden barrierefrei gestaltet. Insgesamt 125 000 Euro stehen im Haushalt zur Verfügung.


Inklusion und Barrierefreiheit sind dabei die zwei entscheidenden Begriffe, die nicht nur für das Berchtesgadener Projekt zentrale Bedeutung haben, sondern auch in der Öffentlichkeit oft bemüht werden. Doch was heißt das eigentlich genau?

Ganz vereinfacht dargestellt: Jeder gehört dazu; dafür steht Inklusion. Die Gesellschaft ist also gefordert, vorhandene Strukturen an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung anzupassen – und nicht umgekehrt. Ein bisschen komplizierter ist es beim Begriff Barrierefreiheit. Für viele bedeutet das Rampen statt Treppen, breite Türen, absenkbare Busse. Doch versteckt sich dahinter noch viel mehr: so nämlich auch die Gestaltung von Arbeitsstätten, Gebrauchsgegenständen, Dienstleistungen und eben nicht zuletzt von Freizeitangeboten in einer Form, die sie für alle Menschen ohne fremde Hilfe zugänglich macht.

Verschiedene Gesetze

Damit lautet die Frage, die sich auch in Berchtesgaden gestellt hat: Was heißt das für unsere Spielplätze? Denn letztlich geht es bei Inklusion eben nicht darum, dass alle Kinder alles in gleicher Weise nutzen können. Damit wird die Ausgestaltung komplex: Es gibt nämlich keine Definition von Barrierefreiheit für Spielplätze, aber viele verschiedene Gesetze und Regelungen: das Behinderten-Gleichstellungsgesetz (BGG), die UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 und darüber hinaus Normen, die auch barrierefreie Spielplätze berücksichtigen – so zum Beispiel die DIN 33942 »Barrierefreie Spielplatzgeräte« oder die DIN 18034 »Spielplätze und Freiräume zum Spielen«. Das BGG legt fest, dass Anlagen, Verkehrsmittel und Gebrauchsgegenstände als barrierefrei gelten, wenn sie in allgemein üblicher Weise ohne besondere Erschwernisse und grundsätzlich ohne fremde Hilfe nutzbar sind. Inklusive Spielräume machen also Angebote, die jeder entsprechend seinen Möglichkeiten nutzen kann – unabhängig von einer Behinderung. Es soll somit für alle Kinder Spielmöglichkeiten geben, aber nicht jedes Spielgerät muss von jedem Kind nutzbar sein.

Das Berchtesgadener Projekt resultiert aus einer fraktionsübergreifenden Initiative im Gemeinderat: Für die sechs weiblichen Gemeinderatsmitglieder Franziska Böhnlein und Katharina Walch von der CSU, Andrea Grundner, Iris Edenhöfer und Rosemarie Will von den Grünen sowie SPD-Vertreterin Katharina Mittner ist das Vorhaben Herzensangelegenheit.

Idee von Gemeinderätin

Zum Ortstermin mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« kamen Franziska Böhnlein und Katharina Mittner, gemeinsam mit Markus Voss, der im gemeindlichen Bauhof für Hochbaumaßnahmen auf Spielplätzen zuständig ist. Dieses erste »Frauenprojekt« basiert auf einer Idee von Andrea Grundner, alle miteinander freuen sich, dass sie von der Gemeinde von Anfang an dabei unterstützt wurden.

Mit der fachlichen Seite hat sich Markus Voss befasst und war dazu unter anderem auf einem Seminar mit rund 90 Teilnehmern aus ganz Südostbayern. Dort hat sich für ihn auch noch mal gezeigt, wie wichtig das Thema Inklusion am Spielplatz ist: »Als gefragt wurde, wer damit schon zu tun hatte, war es keine Handvoll, die sich gemeldet hat.«

Wichtig ist natürlich vor allem die Gestaltung und die Ausstattung mit Geräten. Die Auswahl der Hersteller ist beträchtlich und reicht bis zum Trampolin und eigenen Schaukeln für Rollstuhlfahrer. »Diese Geräte sind aber so massiv, dass sie andere gefährden könnten. Das geht ohne Aufsicht oder Betreuer nicht und das wollten wir nicht«, so Voss. Das bestätigen die beiden Gemeinderätinnen.

Ziel ist, dass »alle den Spielplatz nutzen können, und das so, dass es gar nicht auffällt, wenn ein Kind etwas nicht so kann«, betont Franziska Böhnlein. Deswegen wird es in Zukunft eine Vogelnestschaukel geben, »die können alle nutzen«, stimmt Katharina Mittner zu. Dazu wird eine inklusive Wippe aufgebaut und ein integratives Sandspielgerät, das verschiedene Möglichkeiten kombiniert und alle Sinneswahrnehmungen anspricht.

Kinder befragen

Damit das Projekt auch den Wünschen der Zielgruppe entspricht, haben die Gemeinderätinnen im Vorfeld viele Kinder befragt, etwa im Werk 34, am Skateplatz und beim TSV Berchtesgaden. »Die haben sich richtig Gedanken gemacht, Bilder gemalt und Briefe geschrieben«, freut sich die Jugendreferentin. Natürlich wurde das alles an Bürgermeister Franz Rasp weitergeleitet. Der Wunsch einiger Trachtenkinder nach einer kleinen Bühne, um für Auftritte proben zu können, wird dabei aber nicht in Erfüllung gehen können.

Trotzdem hat diese Befragung natürlich auch Voss bei der Planung geholfen: »Das ist toll, dass wir schon konkrete Vorschläge bekommen haben und so viele beteiligt waren.«

Von den insgesamt im Haushalt für 2022 veranschlagten 125 000 Euro werden etwa 50 000 Euro für die Umgestaltung an der Bacheifeldschule eingesetzt. Baubeginn soll im August sein, damit der Betrieb der Mittagsbetreuung nicht beeinträchtigt wird, und idealerweise bis Ende September ist mit der Fertigstellung zu rechnen. Das hängt allerdings davon ab, ob die bestellten Geräte rechtzeitig geliefert werden, denn in diesem Bereich gibt es wie in vielen anderen aktuell Probleme mit den Lieferketten.

Weitere Besichtigung

Eine Ortsbesichtigung gab es mittlerweile auch schon beim Spielplatz am Sunklergäßchen, der ebenfalls inklusiv umgestaltet wird. Franziska Böhnlein ist überzeugt, dass dieses Projekt nicht nur für die Berchtesgadener wichtig ist, sondern auch touristisch eine Rolle für die Urlaubsentscheidung spielen kann: Es gibt für Eltern mit behinderten Kindern immer noch nicht viele und vor allem nicht genügend Angebote.«

Und beide Gemeinderätinnen versichern, dass dies nicht das letzte fraktionsübergreifende »Frauenprojekt« gewesen sein soll: »Wir arbeiten toll zusammen und haben noch viele Ideen.«

Thomas Jander