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Idyllisch gelegen sind Berchtesgadens Kirchen, doch die unaufgearbeiteten Missbrauchsskandale sind keineswegs idyllisch. Im übergeordneten Kirchenapparat sucht man nach Lösungen dafür. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Gespräch des Katholischen Bildungswerks: Hans Zollner von der päpstlichen Universität Gregoriana über Missbrauch

Berchtesgadener Land – Langwierige Prozesse und eine Kirche in der Existenzkrise: Der Direktor des Instituts für Safeguarding (IADC) an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Hans Zollner, hat sich bei einem Gespräch des Katholischen Bildungswerks Berchtesgadener Land zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Kirche geäußert. Mut machen seine Aussagen kaum.


70 Länder auf allen Kontinenten hat Theologe Hans Zollner bereist. Er hat über Missbrauch in Lateinamerika geschrieben, über Missbrauch in Afrika, über Missbrauch in Deutschland. Der Psychologe und Psychotherapeut sagt: »Ich würde sagen, ich weiß wovon ich spreche.« Allerdings: Sexualität, auch damit verbundener Missbrauch, seien in rund »Dreiviertel der Länder« ein Tabuthema. Missbrauchsskandale hätten nur wenig Chancen, an die Öffentlichkeit zu gelangen, geschweige denn aufgeklärt zu werden. Im Nachbarland Italien ist das Bild ein besonders tragisches: »Die italienische Gesellschaft hat sich mit sexueller Gewalt noch nie großartig auseinandergesetzt. Punkt.«

Erste Auseinandersetzung

Das erste Mal mit Missbrauch konfrontiert war Hans Zollner Mitte der 1990er-Jahre. Eine Klientin war Opfer einer Vergewaltigung geworden, außerhalb des kirchlichen Kontextes zwar, aber die Thematik beschäftigte ihn, das »unmittelbare Konfrontiert werden«. Aus dem Institut für Psychologie an der päpstlichen Universität Gregoriana verfolgte Zollner von Rom aus weltweit Nachrichten über Missbrauch durch Kleriker. »Das war immer dasselbe Schema: Kaplan X hat jemanden missbraucht. Am ersten Tag stand es auf Seite eins der Zeitung, dann rutschte es immer weiter hinter. Am Ende war es wieder ruhig um die Sache.« Wieso das Thema nicht schon Anfang der 2000er-Jahre »explodierte« und der Aufschrei so groß ist, wie nach der Veröffentlichung des kürzlich veröffentlichten Gutachtens – das fragt sich Zollner schon seit Anfang an. Eine schlüssige Antwort darauf hat er nicht.

Erst Anfang 2010 änderte sich das Bild, als ein Missbrauch an einer Jesuitenschule in Berlin gemeldet wurde, die Thematik sich wie ein Lauffeuer ausbreitete, weitere Missbräuche publik wurden. Ordensgemeinschaften und Diözesen waren plötzlich im Fokus, die Benediktinerabtei Ettal etwa. Plötzlich war das Thema präsent und hätte es auch bleiben sollen.

Doch in der Kirche ist das Mühlwerk träge, die Bischöfe hätten ein »chaotisches Bild« abgegeben, was eine gemeinsame Meinung zum Vorgehen betrifft. Opfern beistehen? Anschuldigungen von sich weisen? »In dieser von gegensätzlichen Meinungsäußerungen erfüllten Atmosphäre war wenig zu sehen, dass es eine gemeinsame Linie gab«, sagt Hans Zollner.

Er war Teil der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe der Bundesregierung, saß am Runden Tisch mit Kanzlerin Merkel, drei beteiligten Ministerien, hat über die Möglichkeiten von Prävention gesprochen. Sein Fokus lag auf der Aufarbeitung und der Frage, »was nötig ist, was möglich ist«. Wenn von Aufarbeitung gesprochen werde, sagt Hans Zollner, sei aber häufig nicht klar, wovon gesprochen wird. Aufarbeitung habe mehrere Bedeutungen, »und es wird nicht geklärt, was der Einzelne damit meint«.

Ähnlich sei dies mit Schuld und Verantwortung: »Es gibt die politische Schuld, die moralische, die juristische.« Die meisten Gutachten beleuchteten hingegen nur einen Aspekt. »Im Bereich der Aufarbeitung wird nur der juristische Bereich des sogenannten Hellfeldes beleuchtet. Das ist all das, was man über Dokumente belegen kann«, sagt Hans Zollner. 457 von Missbrauch Betroffene gibt es belegbar in Kirchenkreisen im Zeitraum 1950 bis 2019. Es sind die, die sich mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit gewagt haben. »Natürlich sind das nicht alle.«

Studie zu Opferzahlen

Das Dunkelfeld, der ungeklärte Missbrauch, sei bei Weitem größer. Experten gehen von rund 100 000 Betroffenen allein in Deutschland aus, die von Klerikern, Ordensleuten und kirchlichen Mitarbeitern missbraucht wurden. In Frankreich hatte es bereits eine Studie zu Opferzahlen im Dunkelfeld gegeben – mit erschreckendem Ergebnis. Dort geht man von bis zu 216 000 Opfern durch kirchlichen Missbrauch aus.

»In den Diözesen in Deutschland werden in nächster Zeit mehrere Gutachten veröffentlicht werden«, weiß der Institutsdirektor. Eine große Erwartungshaltung hat Zollner aber nicht. Seine Erwartung ist, »kaum große Neuigkeiten« zu erfahren, ob etwa weitere Priester in Missbrauchsfälle verwickelt waren, wie viele der Opfer Buben oder Mädchen sind.

Zollner geht noch einen Schritt weiter: »Es wird in Zukunft weiterhin eine Missbrauchswelle nach der anderen laufen, die die Meinung zementieren wird, dass Kirche am meisten mit sexueller Gewalt identifiziert wird und Kirche jene Institution ist, die am wenigsten damit umgehen kann.« Sich der Vergangenheit stellen? In der Öffentlichkeit werde weiterhin die Meinung vorherrschen, dass die Kirche das am wenigsten kann. Die juristische Aufarbeitung des Missbrauchs ist das eine. »In Deutschland gibt es aber kein Vorgehen, bei dem man sich tatsächlich auch moralischer oder politischer Schuld stellen müsste.« In den vergangenen Jahren erst sei im kirchlichen Umfeld die moralische Perspektive stärker in den Fokus gerückt.

Weil es in der Bischofskonferenz in der Vergangenheit keine gemeinsame Linie gab und eine koordinierte Vorgehensweise nicht existierte, ist es nun umso schwieriger, mit der Last auf den Schultern von Papst, Kardinälen und Bischöfen umzugehen.

Hans Zollner hat sich in der Vergangenheit politisch eingesetzt, eine Wahrheitskommission zu gründen, staatlich geführt. Heute sagt er: »So eine Einrichtung wird absolut überschätzt, was der Staat leisten kann und leisten will.« Warum? Alle schreckten davor zurück. Aus der Politik habe er auf konkrete Anfragen keine Antwort erhalten. Ob Kirche, Schule, möglicherweise auch Sport- oder Trachtenverein: Niemand habe daran Interesse, Licht ins Dunkel zu bringen und zu klären, wie groß das Ausmaß sexueller Übergriffe im Gesamten sei.

In Australien, wo der institutionelle Missbrauch bereits untersucht worden war, seien die Kosten immens gewesen. »528 Millionen Dollar hat das allein in diesem Bereich gekostet«, weiß Zollner. »Wenn man mit solchen Zahlen daherkommt, werden in der Politik viele nervös.«

Ein Dilemma

Eine staatliche Aufarbeitung müsse juristisch vorgehen, Sicherheit über Daten haben. Dabei würden nicht alle Ebenen der Aufarbeitung bedient, die moralische Aufarbeitung fiele auch dort durchs Raster. »Ich glaube aber, dass sich der Staat in Zukunft deutlicher engagieren wird, man darf sich davon aber nicht zu viel erwarten«, so der Theologe.

Wie sinnvoll erachtet er Anlaufstellen der Diözesen für von sexuellem Missbrauch Betroffene? »Sinnvoll ja, aber es genügt nicht. Weil sich Menschen als Betroffene doch nicht erneut einem Kirchenvertreter anvertrauen wollen.« Das Ganze sei ein großes Dilemma. Wenn die Kirche die Beratung selbst anbiete, sei dies gleichzeitig mit einem Verdacht verbunden, »weil das Angebot schließlich ja auch aus Kirchengeldern bezahlt wird.«

Am Ende des Vortrags schaltet sich schließlich per Video eine Frau in die Runde und sagt: »Ich kann das alles nicht mehr hören. Die Kirche hat so viel Mist gebaut.« Mit schönen Worten und wenig Taten sei niemandem gedient. »Die Betroffenen brauchen Hilfe.« Sofort und uneingeschränkt. Der Mangel daran sei ein »absolutes No-Go«.

Kilian Pfeiffer