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Giftige Gstanzln und lokalpolitische Hinterfotzigkeiten

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Liedermacher und Niedermacher in Topform (v.l.): Christoph, Karl und Michael Well. (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – Vorhang auf für zwei Sternstunden Theatervorstellung, hieß es am Sonntagabend im Berchtesgadener Bauerntheater. Die aus den »Biermösl Blosn« entstandenen »Well-Brüder aus'm Biermoos«, Christoph, Karl und Michael, polterten auch ohne Altmeister Gerhard Polt ihre bissigen Mundart-Protestsongs deftig von den Bühnenbrettern. Mit hämischen Pointen verspritzten die heimatverbundenen Revoluzzer sogar ihr Gift gegen die aktuelle Lokalpolitik im Talkessel und glänzten als multivirtuose Musikanten.


»Ist Berchtesgaden scho' kanalisiert?«, ruft Christoph »Stofferl« Well zu Beginn in das voll besetzte Bauerntheater und präzisiert: »Weil in Bischofswiesen sans ja grad dabei. Und wenns fertig ist, wird dort Urlaub in der Tiefflugschneise angeboten.« Sein Bruder Michael wusste sogar noch besser über den Talkessel Bescheid: »Ist es wirklich wahr, dass hier zukünftig die letzten großen Bäume auf dem Friedhof abgeholzt werden sollen, um 140 Gräber per Verlosung zu verteilen? Frei nach dem Motto: Dein Grab – Dein Sechser im Lotto? Und sogar die schöne Villa Schön soll auch weg?« Nach lustig war dann kurz Schluss mit lustig im Saal. Denn das wussten noch nicht alle.

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Das Leben und Schlimmeres

Wer die Well-Brüder kennt, weiß, dass sie sich vor ihren Auftritten vor Ort gern etwas umhören. Schnell hatte man sich beim Publikum Respekt verschafft und verkündete anschließend einen universellen Gefahrenhinweis: »Schweinsbrat'n für Europa – Schweinsbrat'n für die Welt. Damit das Abendland ned dem Islam in die Hände fällt!« Ufta! Ufta! Ufta! Ta! Und da Europa eh längst am Abgrund steht, müssen jetzt wieder deutsche Werte her, um das Abendland zu retten. Die Well-Brüder sind bekannt für detektivischen Sinn zum Aufdecken kleiner Heimatverbrechen und bieten der Obrigkeit verspottend die Stirn. Das zog in der Biografie des Trios schon so manchen Eklat oder Boykott mit sich. Bevorzugte Problematiken wie Landschaftszerstörung, Industrialisierung oder kapitalistische Gier versus Sozialpolitik geben ihnen seit Jahrzehnten Stoff zum Granteln.

Dabei ist es doch so einfach, die Lage der Nation zu erklären. Zumindest, wenn es nach Horst Seehofer geht, der behauptete, Bayern sei die Vorstufe zum Paradies. Und was reimt sich nun auf Söder? Blöder Aufhänger war nur das Kreuz mit dem Kreuz und sein erster populistischer Gag im Wahljahr 2018, damit die Rechten wieder an der richtigen rechten Stelle das Kreuz machen.

Geboren und aufgewachsen sind die Wells in Günzlhofen. Die 17 Kinder haben wohl den Ruf der berühmtesten Musikfamilie Bayerns. Nachdem sich die original »Biermösl Blosn« 2012 aufgelöst hatten, weil Hans Well eigenen Projekten nachging, stieg einfach Bruder Karl ein und man nannte sich »Die Well-Brüder aus'm Biermoos«. Aussage und musikalische Virtuosität blieben.

Zu jedem Auftritt braucht es einen Kleinbus voller Instrumente, die beherrscht werden wollen. Christoph »Stofferl« Well glänzt an Harfe, Geige, Flöte, Zither, Tuba, Gitarre, Bachtrompete, Hackbrett, Jagdhorn, Alphorn und dem Dudelsack. Karl »Guglhupfa« Well bedient Klarinette, Gitarre, Akkordeon, Saxofon, Kontrabass und Alphorn. Und Michael Well demonstriert am Bariton, Banjo, Tuba, Flöte oder an der Drehleiher seine Kenntnisse. Alle zusammen zeichnen sich zusätzlich mit markantem Dreigesang aus, der ihre provokante Performance so einzigartig macht.

Ein irrer Anblick

Nach der Pause hatte man die CSU im Visier und resümierte 70 Jahre Parteigeschichte. Genug »Hirnkastlstoff«, um historische Lügen aufgewärmt zu zerbröseln. Da war zum Beispiel der Wiesheu Otto, der 1983 mit 1,9 Promille einen Menschen tot fuhr und ausgerechnet zehn Jahre später das Amt des Verkehrsministers bekleiden durfte. Und natürlich die »Amigo«- und Plagiatsaffären nebst »Problembär« und »Wir-Papst«. Nach so viel Schrecken musste jetzt ein anarchischer »Che Guevara -Landler« her und »Stofferl« legte begleitend dazu eine wilde Schuhplattlereinlage auf das Parkett. Karl schloss sich mit seinem Bierbauchtanz an und Christoph zappelte abschließend einen Irish-Step-Dance hinterher. Ein irrer Anblick.

Zwei moderne Rap-Einlagen hatten man auch im Repertoire. Beim »Milli-Rap« protestierte man mit »40 Prozent, bis der Aldi brennt«, und in »Scola Bavaria«, der gegen das veraltete Schulwesen wettert: »Gymnasium Bavarium: Chaoticum! Motherfactum! G8 - quod erat demonstrandum! Veni, vedi, fic di!« Da half nur ein wahnsinniges Bachtrompetensolo von »Stofferl«, um wieder Niveau in den »Lateinunterricht« zu bringen. Dafür erhielt er Sonderapplaus.

Dann wurden drei Alphörner an die Lauscher ins Publikum verlegt und der Beatles Klassiker »Yellow Submarine« geschmettert. Wem das noch nicht genug Gaudi war, der soll doch laut »Schneekanonenlied« per Après-Ski mit Andreas Gabalier-Gejodel Richtung Jenner-Mittelstation fett in den Speichersee fahren.

Ohne zwei Zugaben konnten die »Well-Brüder« nicht aus dem Saal entkommen. Ein authentischeres Bühnenambiente samt Flair und Stimmung als das im Bauerntheater konnte man dem anarchischen Trio kaum bieten. Leiterin Elisabeth Hölzl-Michalsky zeigte sich sehr erfreut über den gelungenen Abend und man saß anschließend lange zusammen. Jörg Tessnow