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Gitarrenlicks und Gruppengymnastik

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Ließen es ordentlich krachen: »Cold Reading« im »Kuckucksnest« (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – Das Leben in einer unabhängigen und relativ unbekannten Band ist anstrengend und wild. Ihr Genre besitzt meist nur einen geringen kommerziellen Wert und der kleine Tourbus muss auch mal das unbezahlbare Hotelzimmer ersetzen. Aber gerade aus diesen improvisierten Situationen ziehen die ambitionierten Musiker ihre Authentizität. Mehr noch, sie lieben es so. Das Ventil ist dann die Bühne, sei sie auch noch so klein. Am Freitagabend demonstrierten das die beiden Bands »Cold Reading« und »Such Gold« im »Kuckucksnest«.


Das »Kuckucksnest« ist eine Oase alternativer Kultur. Das Konzept weit weg vom Mainstream. Seit eineinhalb Jahren leiten die beiden Geschäftsführer Jakob Palm und Max Meier das Szenelokal. Das tun sie mit großer Freude und einer ausgesprochenen Lockerheit. Sie kennen ihre Gäste. Hauptsächlich kommt Stammpublikum. Darunter viele Baseballkappen- und Mützenträger. Man begrüßt sich mit der »Unity-Faust« oder »Gimme Five«. Palm und Meier wollen eine herzliche und private Clubatmosphäre. Für den Freitagabend hatte man gleich zwei Bands eingeladen. Aus Rochester (USA) »Such Gold« und aus der Schweiz »Cold Reading«.

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Der Luzerner Support leitete den Konzertabend ein. Stilistische Markenzeichen der jungen Musiker waren ein klarer Gesang, unterlegt von jaulenden Gitarrenlicks und einem Crashbecken in Dauerbeschlag. Die poppig rockige Indieband präsentierte aus ihrem Debütalbum »Fractures & Fragments« ihre besten Songs. Sänger Mike setzte sich mit seiner klaren Stimme immer gut durch. Alles war stark refrain- und harmonielastig und die Gitarrenarbeit oft am College-Rock orientiert.

So entstand ein »Melodiewettlauf« zwischen Chords und Lyrics. Nach einer guten halben Stunde Spielzeit wollte »Such Gold« auf die kleine Bühne des kultigen Szenelokals. Die Luft war stickig und warm, die Stimmung aber sehr entspannt und erwartungsfroh.

In einer Ecke stand Bassist Jon kurz vorher noch hinter seinem kleinen Merchandising-Tisch. Es gab Shirts, CDs und Vinyl von der Band zu erwerben. Frontmann Ben saß derweil draußen vor der Tür. Eine letzte Kippe wurde gedreht. Sein Feuerzeug funktionierte nach dem Anzünden auch als Flaschenöffner. Dann verschwand er im Backstagebereich, sein Zigarettenrauch in der Novembernacht.

Los ging's. Und wie! Typischer Ami-Hardcore. Viel Geschrei, Gruppengymnastik und das Gaspedal immer bis zum Anschlag durchgetreten. Keine Atempause während der gesamten Show. Die Amerikaner aus dem Bundesstaat New York waren bestens eingespielt. Aktuell touren sie durch halb Europa. Zwanzig Shows in drei Wochen. Am Freitagabend gab es die härtesten Stücke ihrer vergangenen drei Alben zu hören. Insgesamt sprang die vierköpfige Band mit ihrer Power den rund 70 Gästen förmlich ins Gesicht. Am 29. November gibt es mit »John Allen & The Black Pages« und dem Special-Support »Sunparlour Players« wieder ein Livekonzert im »Kuckucksnest«. Mehr Infos unter www.kuckucksnest.net. Jörg Tessnow