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Gräfin Irmgard und die geheimnisvollen Lilien

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Das Berchtesgadener Gemeindewappen. (Fotos: Angerer)
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Das Wappenfresko an dem Haus am Schlossplatz 7 aus dem Jahr 1448 sorgt für Irritationen.

Berchtesgaden – Am 15. Dezember 1891, also genau vor 125 Jahren, hat Seine Königliche Hoheit Prinzregent Luitpold von Bayern der Marktgemeinde Berchtesgaden das bis heute verwendete Gemeindewappen verliehen. Ein Wappen, das in seinen fünf Feldern viel über die über 900-jährige Geschichte aussagt. Auf der Homepage der Marktgemeinde ist ihm eine eigene Rubrik gewidmet und die einzelnen Segmente werden historisch kurz erläutert. Doch sie verdienen es, etwas ausführlicher auf sie einzugehen.


Die beiden roten Felder mit den gekreuzten silbernen beziehungsweise goldenen Schlüsseln sollen verdeutlichen, dass die Fürstpropstei bereits zwischen den Jahren 1102 und 1105 unter dem damals ersten Propst Eberw(e)in unter unmittelbaren päpstlichen Schutz gestellt worden war. So ganz genau weiß man das Jahr allerdings nicht, da die Privilegurkunde nur den Ausstellungstag 7. April und den Lateran als Ausstellungsort nennt. Auf dem Heiligen Stuhl saß damals Papst Paschalis II. Bewirkt hatte diesen für die Klostergründung sehr wichtigen päpstlichen Schutz Gräfin Irmgards zweiter Sohn Kuno, der eigens dafür nach Rom entsandt worden war. Die weißen beziehungsweise silbernen sechs Lilien auf blauem Grund sollen auf die Stifter des Klosters, Gräfin Irmgard von Sulzbach und ihre beiden Söhne Berengar I. und Kuno verweisen. Das bayerische Rautenschild in der Mitte symbolisiert die Zugehörigkeit Berchtesgadens zur bayerischen Krone seit 1810.

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Schon etwas stutzig kann man werden, wenn man vom Rathausplatz kommend, rechts neben dem sogenannten Rentamtsbogen am Gebäude am Schlossplatz 7 ein Wappenensemble näher betrachtet. Der damalige Fürstpropst Bernhard Leoprechtinger hat es zwei Jahre nach seinem Amtsantritt im Jahr 1448 anbringen lassen. Da sind gleich zwei Wappen mit jeweils sechs Lilien, weiß oder silber, auf blauem Grund und rechts daneben sechs Lilien auf rotem Grund dargestellt.

Was hat es mit diesen beiden Lilienwappen auf sich?

Gleiches gilt für eine wertvolle Miniaturenmalerei für den 1510 verstorbenen Propst Balthasar Hirschauer, die im Original im Bayerischen Hauptstaatsarchiv aufbewahrt wird. Auch darauf sind neben dem Wappen mit den gekreuzten Petrusschlüsseln beide Lilienwappen, das blaugrundige und das rotgrundige, zu sehen. Was hat es nun mit diesen beiden Lilienwappen auf sich? Was hat die Pröpste jener Zeit dazu bewogen, immer beide zugleich darzustellen?

Eine eindeutige Erklärung über die Zusammenhänge erhofft man sich bei der Betrachtung einer Wappentafel in der Begräbnisstätte von Gräfin Irmgard von Sulzbach und ihrem Sohn Berengar I. in der Klosterkirche Kastl in der Oberpfalz. Dort wird nämlich unterschieden, dass die Lilien auf blauem Grund den Grafen von Kastl, hingegen die Lilien auf rotem Grund den Grafen von Sulzbach zuzuordnen sind. Folgerichtig trägt auch die dort befindliche gotische Figur von Graf Berengar I. im Sockel das Sulzbacher Grafenwappen mit den Lilien in rotem Feld, die nach Aussterben des Grafengeschlechtes 1188 auf die Stadt übergingen und seither das Sulzbacher Stadtwappen schmücken.

Schließlich gibt manches andere Argument zu denken: Da Gräfin Irmgard in zweiter Ehe den Sulzbacher Grafen Gebhard II. ehelichte, trug sie fortan auch den Titel Gräfin von Sulzbach und dürfte somit auch das Sulzbacher Wappen für sich beansprucht haben. Die Lilien auf blauem Grund, die hingegen im Wappen der Grafen von Kastl zu finden sind, haben somit unmittelbar nichts mit Gräfin Irmgard und den Grafen von Sulzbach zu tun. Die mit ihnen zwar verwandten Grafen von Kastl sind auch bei der Stiftung von Berchtesgaden nicht in Erscheinung getreten. Und schließlich kann die Tatsache, dass Irmgard, ihr Ehemann Gebhardt II. und ihr Sohn Berengar in der Klosterkirche Kastl ihre letzte Ruhe gefunden haben, nicht »wappenbestimmend« gewesen sein.

So scheint eine auf das 17. Jahrhundert zurückgehende Wappendarstellung mit Lilien ausschließlich auf blauem Grund für das Geschlecht der Sulzbacher historisch unzutreffend zu sein. Es hätte – so sagte es auch eine Sulzbacher Stadtführerin – das rotgrundige Sulzbacher Lilienwappen herangezogen werden müssen.

Künstlerische Freiheit

Die heutige in Berchtesgaden verwendete Wappenzusammensetzung ließe sich also nur so erklären, dass vier gleiche rote Felder in einem Wappen für einen guten Wappengestalter nicht besonders schmuckvoll waren und er sich somit für die grafisch besser kontrastierenden Lilien in blauen Feldern entschied. Daraus wären dann zusammen mit den roten Segmenten die Berchtesgadener Gemeindefarben rot und blau zu erklären. Wer weiß schon, was den Künstler dazu bewogen hat? Manfred Angerer