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Grünes Licht für die Landesgartenschau-Bewerbung

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Nicht nur alle Stadträte waren anwesend, auch waren viele Zuhörer im Publikum
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Nicht nur alle Stadträte waren anwesend, auch waren viele Zuhörer im Publikum Foto: Pfeiffer
Bauunternehmer Max Aicher
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Bauunternehmer Max Aicher ist zuversichtlich, dass die Landesgartenschau ein Erfolg werden wird Eine Bürgschaft von über 4 Millionen Euro hat er nun zugesichert. Foto: Pfeiffer
Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner
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Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner hat die Mehrheit des Stadtrates auf seiner Seite: Reichenhall bewirbt sich nun um die Landesgartenschau 2022. Foto: Pfeiffer

Reichenhall – Bad Reichenhall bewirbt sich für die Ausrichtung der Landesgartenschau 2022. Das hat am Samstagvormittag der Stadtrat mit großer Mehrheit in einer Sondersitzung beschlossen. Vorausgegangen war die Ankündigung des Unternehmers Max Aicher, der ein finanzielles Engagement in Form einer Bürgschaft von über 4 Millionen Euro in Aussicht gestellt hatte. Die Stadtverwaltung hatte in den letzten Tagen die Zulässigkeit und Umsetzbarkeit der finanziellen Zusage von einer Münchner Spezialkanzlei prüfen lassen.


Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner zeigte sich bereits im Vorfeld der Stadtratsondersitzung zuversichtlich. Denn bislang war es unter anderem das finanzielle Risiko, das man im Stadtrat befürchtete, wenn sich Bad Reichenhall für die Landesgartenschau in fünf Jahren bewerben würde. Viele Stadträte hatten die monetären Unwägbarkeiten immer wieder angeführt, sich gegen die Großveranstaltung zu entscheiden. Mit dem in Aussicht gestellten Engagement des Unternehmers Max Aicher habe sich die Ausgangssituation aber verändert, sagte Oberbürgermeister Lackner. „Nach Beratungen und Auskünften einer externen Kanzlei wird die finanzielle Unterstützung grundsätzlich als rechtlich zulässig bewertet“, fasste er die intensive Arbeit der letzten vier Tage zusammen. Zur rechtlichen Absicherung der Stadt wurde von der Verwaltung und der beauftragten Rechtsanwaltskanzlei ein Eckpunktepapier ausgearbeitet, das auch von Unternehmer Max Aicher akzeptiert und mit einer Unterschrift versehen wurde. Demnach geht Reichenhall „keinerlei Verpflichtung ein“, so Max Aicher auf Anfrage dieser Zeitung. Der Unternehmer, dessen Ziel es sei, die Predigtstuhlbahn, Teil des Konzeptes der Landesgartenschau, zu stärken, hat eine Bürgschaft in Höhe von über 4 Millionen Euro in Aussicht gestellt, die im Stadtrat fast ausschließlich positive Rückmeldungen nach sich zog.

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Hoher Werbewert und Unterstützung durch den Freistaat

Die Chancen und Risiken einer Landesgartenschau wurden in den letzten Monaten in öffentlichen Diskussionen sowie im Stadtrat mehrmals thematisiert. Als Risken wurden unter anderem der beträchtliche finanzielle Aufwand angeführt, die zu knappe Vorbereitungszeit, um die Landesgartenschau zu realisieren, sowie fehlende Kapazitäten in der Stadtverwaltung, um das Großereignis zu stemmen. Als Pluspunkte wurden immer wieder das städtebauliche Entwicklungspotenzial, die Tourismus-, Wirtschafts- sowie Kulturförderung genannt sowie der hohe  Werbewert, der mit einer Landesgartenschau einhergeht.

Oberbürgermeister Herbert Lackner sagte, dass „meiner festen Überzeugung nach die Chancen überwiegen. Wir als Ausrichterstadt erhalten eine deutliche finanzielle und organisatorische Unterstützung durch den Freistaat Bayern.“ Zudem würde das operative Geschäft durch eine eigens zu gründende Gesellschaft erledigt. Von Anfang an sei es die „Zielrichtung des Stadtrates“ gewesen, sich bei den Investitionen auch auf Projekte zu konzentrieren, „die auch ohne Landesgartenschau neu gebaut beziehungsweise saniert werden müssten.“ Darüber hinaus habe eine solche Veranstaltung einen besonders hohen Werbewert. Denn zum ersten Mal überhaupt würde eine Landesgartenschau in einer Alpenstadt stattfinden - „bayern- und deutschlandweit ist das einmalig“, sagte Bürgermeister Lackner. Die Erfahrungen der bisherigen Ausrichterstädte hätten gezeigt, dass eine Landesgartenschau „Motor für eine positive Stadtentwicklung“ sei. Der Tourismus, so Lackner, würde sowohl hinsichtlich des Werbeeffektes als auch hinsichtlich der Gästezahlen deutlich profitieren. Erwartet werden private Investitionen, für die die sechs Monate andauernde Veranstaltung „wichtige Impulse geben werde.“ Da die Landesgartenschau von einem reichhaltigen Rahmenprogramm begleitet werde, stehe auch der „Aspekt der Kulturförderung“ im Mittelpunkt. „Dies kann ein Schaufenster für unsere Reichenhaller Vereine und Einrichtungen sein, sich mit ihren Fähigkeiten einzubringen und darzustellen“, so Lackner. So biete sich die Chance, regelmäßig Auftritte von Trachtenvereinen, Musikkapellen und Musikergruppen oder etwa der Bad Reichenhaller Philharmonie durchzuführen. Als besonders attraktiv stuft Lackner „das Konzept der jungen Landesgartenschau“ ein, die im Speziellen Kinder, Jugendliche und Familien anziehen soll - „sowohl durch besondere Veranstaltungen als auch durch eigene Attraktionen auf dem Gartenschaugelände.

„Überwältigt vom Zuspruch“

Die Predigtstuhlbahn, die von Anfang an wichtiger Bestandteil der Landesgartenschau war, wird nun durch die finanzielle Unterstützung von Unternehmer Max Aicher deutlich aufgewertet. „Das ist ein starkes Signal“, sagte Lackner und betonte abermals, dass „Reichenhall keine Verpflichtung gegenüber Max Aicher“ eingehe. Ebenso sei vertraglich geregelt worden, dass Max Aicher „keinerlei Gegenleistung erhalten wird.“

In der Stadtratdiskussion, an der alle Mitglieder teilnahmen, kam Martin Schoberth (CSU) zuerst zu Wort. „Ich bin überwältigt vom Zuspruch und der Resonanz auf das Thema“, sagte er vor gut besetzten Besucherreihen. Die finanzielle Unterstützung des Bauunternehmers Aicher sei nicht „das Zünglein an der Waage“ gewesen. Vielmehr benötige Reichenhall eine touristische Neuausrichtung. Man wolle als „touristischer Magnet“ zusätzliche Besucher ansprechen. Die Landesgartenschau sei eine hervorragende Möglichkeit dazu. Diese hätte nicht nur positive Auswirkungen auf die Stadt, sondern auch auf das Umland, den Landkreis Berchtesgadener Land im Gesamten. Gerhard Fuchs (FWG) sagte, dass eine Realisierung der beliebten Schau nicht nur im Ort „Aufbruchstimmung“ erzeugen würde, sondern „zweifellos auch touristisch Auswirkungen“ hätte. Dennoch: „Es gibt besser geeignete Städte.“ Die Risiken seien auch trotz der Bürgschaft groß. „Schafft unsere Verwaltung das alles?“ fragte er in die Runde. Auch das Zeitfenster sei enorm eng. Außerdem könne die Bürgschaft nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch an Bad Reichenhall rund 3,6 Millionen Euro hängen bleiben würden.

„Blendwerk mit fadem Beigeschmack“

Fritz Grübl (FWG) kritisierte, dass sich mit der finanziellen Unterstützung seitens Max Aicher auch die Meinung bei so manchem Stadtrat geändert habe: „Innerhalb von vier Tagen schaut es plötzlich ganz anders aus“, so Grübl. Das alles sei ein „Blendwerk mit fadem Beigeschmack.“ Grübl forderte eine Bonitätsprüfung für die Stiftung von Max Aicher. „Wer sagt denn, dass in der Stiftung überhaupt Geld ist?“ Dem geschlossenen Vertrag attestierte er „zahlreiche Ungereimtheiten, die noch enthalten sind.“ Und überhaupt: Was sei, wenn Max Aicher gesundheitsbedingt ausfalle, immerhin sei er im Jahr 2022, wenn die Landesgartenschau stattfinde, schon 88 Jahre alt. Reichenhall sei als Stadt nicht in der Lage, „unser Heimatmuseum zu eröffnen, was wollen wir denn dann mit einer Landesgartenschau?“ 30 Jahre lang binde diese die Stadt. Viel Geld müsse auch im Nachhinein noch fließen, da man sich als Ausrichterstadt verpflichte, weiterhin finanzielle Mittel in die Landesgartenschau-Projekte zu stecken. Dr. Wolf Guglhör (SPD) sagte, dass ein Aufschieben nichts bringe: „Entweder wir machen es 2022 oder gar nicht.“ Glücklich könne man sich schätzen, dass sich Max Aicher nun finanziell um die Predigtstuhlbahn kümmern wolle, die immerhin ein wichtiger Pfeiler der geplanten Landesgartenschau sei. Guglhör äußerte die Hoffnung, dass künftig auch noch das Verkehrsproblem in Reichenhall angegangen werde. Eine „Gesamtplanung sei dringend notwendig.“

Ulrich Derwart (SPD) attestierte der Stadtverwaltung einen „Kalkulationsfehler“, der die Stadt viel Geld kosten könnte, der Investitionsbedarf belaufe sich im schlimmsten Fall auf bis zu 12 Millionen Euro. Die Neuverschuldung werde deutlich ausfallen. Die Entscheidung, getragen durch die finanzielle Zusage von Max Aicher, sei eine „Ex-und-hopp-Aktion“. Friedrich Hötzendorfer (FWG) zeigte sich davon überzeugt, dass die Umsetzung der Schau ein „Wir-Gefühl“ erzeugen könnte, das die gesamte Stadt mitreißen könnte und für Aufbruchstimmung sorge. Christoph Lung (CSU) bekräftigte nochmals die Chancen des Events. „Die Voraussetzungen sind nun andere, die Chancen sind groß.“ Auch Gerhard Schröter (FDP) sagte, dass sich die Lage geändert habe. Vor allem Kinder und Jugendliche könnten langfristig „großen Gefallen“ an der Stadt gewinnen. Michael Nürbauer (Bürgerliste Reichenhall/Die Grünen) verdeutlichte in der Sondersitzung, dass noch viele Fragen unbeantwortet seien. Außerdem befinde sich der Haushalt von Reichenhall unter Beobachtung des Landratsamtes. „Wir sollten bedenken, dass die Landesgartenschau auch danach noch Jahrzehnte viel Geld kosten wird.“

Stadtrat Werner Huber (FWG) ist der Ansicht, „dass die Chancen viel höher sind als die Risiken.“ Man solle nun Rückgrat beweisen, denn bis 2022 ließen sich sowieso nicht alle Unwägbarkeiten“ abschätzen. André Schreiber (Bürgerliste Reichenhall/Die Grünen) sagte, dass Reichenhall es zum aktuellen Zeitpunkt „nicht im Kreuz habe, die Veranstaltung auszurichten.“ Einen „Ruck durch Reichenhall“ erhofft sich hingegen 2. Bürgermeister Manfred Hofmeister (Bürgerliste Reichenhall/die Grünen), auch, wenn die Entscheidung „kein Selbstläufer wird.“

Am Ende war das Ergebnis deutlich. Bis auf vier Stadträte waren alle einer Meinung, sich für die Landesgartenschau zu bewerben. Max Aicher, der auch unter den Zuhörern saß, hatte ein Lächeln im Gesicht, als er die Entscheidung vernahm. „Mir geht es jetzt sehr gut und ich hoffe, dass wir den Zuschlag im März kriegen“, sagte er gegenüber dieser Zeitung. Kilian Pfeiffer