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Gut Ding braucht Welle

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Margot Zeitvogel-Schönthier und ihr Mann Holger Schönthier treiben das Projekt »Saalachwelle« mit viel Herz, Leidenschaft und Engagement voran. »Wir sind davon überzeugt, dass die Welle kommt«. Durch die nach dem Hochwasser 2013 notwendig gewordene neue Uferbefestigung entstand sogar eine kleine natürliche Welle (rechts), die Surfern mit einem Körpergewicht bis zu 60 Kilo laut Schönthier locker reichen würde. Foto: Anzeiger/Bittner

Bad Reichenhall – In der Nacht auf den 1. August 2012 hatte sie ganz allein die Idee: Doch längst sieht Margot Zeitvogel-Schönthier die »Saalachwelle« als »ein großes Projekt von uns allen« an: Die heimische Stimmkreisabgeordnete im Landtag, der Landrat, das Wasserwirtschaftsamt, die Stadt Bad Reichenhall samt Oberbürgermeister mit einem einstimmigen Ratsbeschluss und viele mehr stehen geschlossen hinter der Idee, die bis spätestens Herbst 2015 realisiert sein soll. Seit dem ersten »Geistesblitz« sind also unzählbare Tonnen Wasser den 600 Meter langen Reichenhaller Unterwasser-Kanal hinab und in die Saalach geflossen. Und bis der erste Surfer auf der künstlichen Welle reiten darf, wird das auch so bleiben. »Aber wir sind davon überzeugt, dass die Saalachwelle kommt«, sagt Margot Zeitvogel-Schönthier im Gespräch mit der Heimatzeitung.


Holger Schönthier kommt sofort ins Schwärmen, als sein Blick bei traumhaftem Wetter auf die Saalach fällt: »Was kann es Schöneres geben. Hier am Kanal haben wir beste Voraussetzungen für eine Surferwelle«. In Bad Reichenhall würde ein solches Projekt wenige Meter hinter der sanierten »Kasernen«-Brücke Rekordwerte sprengen: 21 Meter Breite, bis zu 60 Kubikmeter Wasser Durchflussgeschwindigkeit pro Sekunde, Wellenhöhe bis zu zwei Meter. Zum Vergleich: Der mittlerweile mit Kultstatus behaftete Eisbach in München bringt es gerade mal auf acht bis neun Metern Breite und 21 Kubikmeter Wasser, der Almkanal in Salzburg auf nur vier Meter und fünf Kubikmeter. »Wir würden hier für absolute Superlative sorgen«, so Schönthier, »wenngleich diese Zahlen keinen Prioritätenstatus von uns erhalten«. Denn der wirtschaftliche Aspekt für Bad Reichenhall mit einer Welle sei viel wichtiger und noch gar nicht absehbar: »Die Gastronomie, die Übernachtungseinrichtungen und viele mehr würden profitieren«. Die Münchner Eisbach-Welle spült jährlich zirka 100 Millionen Euro in die Landeshauptstadt, vor allem You-Tube-Videos spielen dabei eine große Rolle: »Sie besitzen eine unbeschreibliche Kraft für derartige Projekte«, weiß Margot Zeitvogel-Schönthier, Bewegungstherapeutin und Autorin, ein gewisses Schneeballsystem zu schätzen.

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Zweifelnden Stimmen, die vor allem Sicherheitsbedenken in die Waagschale werfen, begegnen die Ideengeber: »Wenn wir bei allem, was wir tun, so denken würden, gäbe es auch keine Straßen, Klettersteige oder Freibäder«. Sie appellieren auch an die Vernunft des Menschen, der in seinem Tun eigenverantwortlich handeln sollte. »Passieren kann immer etwas, das ist klar«, sagt Holger Schönthier. »Aber der Betreiber der Welle, wer das auch immer sein wird, wird in Versicherungs- und Haftungsausschluss-Fragen gewappnet sein«. Der Stadtrat Bad Reichenhall – und das war laut neuem Sportreferenten Andreas Staller (Die Grünen) ein Wahlversprechen aller Parteien – steht nach wie vor zu 100 Prozent hinter dem Projekt. Sebastian Renoth (CSU) war von Anfang an stark involviert und unterstützte die Ideengeber maßgeblich.

Es tut sich was

Grundstückseigentümer des Unterwasser-Kanals ist in seiner ganzen Länge die Deutsche Bahn Energie GmbH. Sie wurde vor gut einem Jahr vom Saalachwellen-Projekt informiert. Ein offener Brief seitens der Stadt Bad Reichenhall mit Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner an Klaus-Dieter Josel, den DB-Konzernbevollmächtigten für den Freistaat Bayern – unterstützt von der heimischen Landtagsabgeordneten Michaela Kaniber und Landrat Georg Grabner – brachte nun Bewegung in die Sache. Mitte September will sich Josel persönlich ein Bild vor Ort machen. »Von dieser Ortsbegehung erhoffen wir uns jetzt natürlich einen großen Schritt in Richtung Wellen-Umsetzung und Realisierung«, so Holger Schönthier. »Gut Ding braucht Welle«, sagt seine Frau Margot und meint freilich auch »Weile«. Wenn alles optimal verläuft, könnte im Herbst 2015 auf der Saalachwelle gesurft werden. »Wir sind ohnehin schon sehr weit, wenn man bedenkt, dass seit dem Zeitpunkt der Idee erst zwei Jahre vergangen sind«. Margot Zeitvogel-Schönthier hat hier einen Vergleich, denn ähnliche andere Projekte in Deutschland – beispielsweise in Bochum, Freiburg, Nürnberg oder Wolfratshausen – hinken da sehr viel weiter hinterher.

»An 320 bis 330 Tagen im Jahr wäre das Surfen in Bad Reichenhall möglich, selbst im Winter«, sind sich die beiden Initiatoren sicher. Nur bei Hoch- oder Niedrigwasser müssten die potenziellen Wellenreiter pausieren. Die Ideengeber gehen davon aus, das die Welle einen »enormen Schub für die Reichenhaller Wirtschaft« bringen würde. »Die Wahrscheinlichkeit ist groß«, schätzt Heilpraktiker Holger Schönthier.

Das alles wissen auch die Stadtväter, die mit ihrem einstimmigen Beschluss für das Projekt ihr Wohlwollen mehr als signalisierten: »Höchst bemerkenswert und selten«, urteilt Margot Zeitvogel-Schönthier, die mit ihrem Mann und dem Initiatorenteam bislang rund 2 500 Arbeitsstunden für die Saalachwelle investierte. Mit im Team-Boot sitzen auch ihr Sohn Merlin, Student der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Innsbruck und ISA-Surf-Instructor. Von technischer Seite unterstützen die Diplom-Ingenieure Benjamin Di Qual und Stefan Klotz das Projekt. Die Machbarkeitsstudie erstellte Prof. Dr.-Ingenieur Markus Aufleger von der Universität Innsbruck. Das positiv wertende Papier liegt der Stadt seit Herbst letzten Jahres vor. Aufgrund dessen kommuniziert Bad Reichenhall mit der Deutschen Bahn Energie GmbH bezüglich der »Saalachwelle«.

Zwei große Zahlen

Die beiden wichtigsten Zahlen – 21 (Breitenmeter der Welle) und 60 (Kubikmeter Wasser pro Sekunde) – prangen längst werbewirksam auf Pro-Saalachwellen-T-Shirts. Die sorgten jüngst beim 2. Flusswellen-Forum in München für Aufsehen. Dort wurden 16 deutschlandweite und ähnliche Projekte vorgestellt und die Reichenhaller Idee von allen Seiten wohlwollend aufgenommen und befürwortet. Als ein Teilnehmer von Sportheilpraktiker Holger Schönthier hörte, woher er kommt, fiel sofort das Wort »Eishallen-Einsturz«. Und gleich hinterher »WM-Mordnacht«. Alle Beteiligten sind sich einig: »Es wird Zeit, dass Bad Reichenhall nach außen wieder weitaus positivere Schlagzeilen bekommt«. Hans Bittner