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»Hang zum Kahlschlag« in Berchtesgaden

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Nicht mehr viel zu sehen ist von der alten Linde, die am Montag neben dem Busparkplatz in Berchtesgaden gefällt wurde. Fotos: Anzeiger/Kastner
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Diese Rotbuche durfte weiterleben. Sie steht auf Gebhard Droßbachs Grund.

Berchtesgaden – Die Baumfällaktion auf dem Busparkplatz neben dem Alten Friedhof war für Nachbar Gebhard Droßbach der Anlass zu heftiger Kritik an der Marktgemeinde Berchtesgaden. In einem offenen Brief an Bürgermeister Franz Rasp wirft er der Kommune einen allgemeinen »Hang zum Kahlschlag« vor.


»In meinen Augen völlig unnötig war das Fällen dieser gesunden, rund 90 Jahre alten Linde«, schreibt Droßbach an Rasp. »Eine Rotbuche sollte auch noch daran glauben, konnte aber gerade noch von mir gerettet werden. Sie hatte das Glück, zum großen Teil auf unserem Grund zu stehen. Sonst wäre auch dieser Baum der gemeindlichen Fällwut zum Opfer gefallen.«

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Für Gebhard Droßbach ist diese Aktion doppelt bedauerlich. Denn wie er schreibt, hatte er vor etwa vier Wochen mit dem neuen Marktbaumeister einen Termin vor seinem Haus. »Der Anlass war meine Bitte, die Bäume davor etwas auszuschneiden, damit wir zur Montage einer Weihnachtsbeleuchtung besser hinkämen. Herr Hasenknopf sicherte mir dies zu.« Er habe den Marktbaumeister mehrfach gebeten, die Bäume ja nicht umzuschneiden, sondern nur etwas auszuputzen, schreibt Droßbach. Und er habe den Marktbaumeister explizit auf das Alter der Linde und auf deren optische Bereicherung für das Anwesen Maximilianstraße 11 hingewiesen.

Umso erschrockener war Gebhard Droßbach, als am Montag um 8.30 Uhr ein »Rollkommando«, bestehend aus Schwerlastkran mit Mannschaft, Holzfacharbeitern und Gemeinde-Lkw mit Personal, anrückte. Von den Arbeitern habe er erfahren, dass der Bürgermeister die Fällaktion angeordnet habe. Deshalb fragt Droßbach den Bürgermeister in seinem offenen Brief: »Nach welchen Kriterien wird hier gefällt? Welche Bäume müssen wir hier für die Zukunft abschreiben?«

Laut Gebhard Droßbach hatte Bürgermeister Rasp schon mehrfach verlauten lassen, dass »Bäume in den Wald und nicht in die Stadt gehören«. Deshalb die Frage Droßbachs an den Rathauschef: »Glauben Sie im Ernst, die Herzen der Berchtesgadener mit solchen Statements zu gewinnen? Reichen bereits fünf Jahre Amtszeit zu solcher Arroganz?«

Parallel zur Linden-Fällaktion versuchte Gebhard Droßbach »mit entsprechender Verzweiflung«, einen Verantwortlichen in der Gemeinde zu erreichen, um zumindest die Fällung einer Rotbuche zu verhindern. Die Folge waren längere Vermessarbeiten, weil nicht ganz klar war, auf wessen Grund der Baum steht. Droßbach: »Zum Glück für den Baum und unser Haus kam Herr Hasenknopf und stellte die richtige Lage der Buche fest. Somit wurde wenigstens ein Baum gerettet.«

Droßbach signalisiert in dem Schreiben Verständnis für die Sorgen des Bürgermeisters vor Regressanforderungen im Fall eines Schadens bei herabfallenden Ästen. »Aber sollte man hier nicht die Kirche respektive den Baum im Dorf lassen?« Während andere Gemeinden stolz auf ihre alten Bäume seien, werde hier eine unnötige Flucht nach vorne angetreten.

Als positives Beispiel nennt Droßbach in seinem Schreiben die Stadt Bad Reichenhall, in der es eine Baumschutzverordnung gibt. Dort habe man die Wertigkeit einer städtischen Bepflanzung begriffen. Umso mehr freut sich Droßbach nach eigenen Worten schon darauf, dass als Ersatz für die alte Linde »eine schöne Allee vom Markt zur Franziskanerkirche aufgeforstet wird. Mit hundert neuen Bäumen müsste das gelingen«.

Den Vorwurf des Kahlschlags weist Bürgermeister Franz Rasp zurück. »Wir schneiden im Markt jährlich etwa ein bis zwei große Bäume um – mehr nicht«, so Rasp zum »Berchtesgadener Anzeiger« und fügt an: »Wir machen es uns dabei nicht leicht.« Richtig sei, dass bei größeren Bäumen die geplanten Fällungen auf seinem Schreibtisch landen. Sein von Droßbach erwähntes Zitat bestätigte der Bürgermeister zwar, doch sei dabei ein Wort vergessen worden: »Es geht nur um g r o ß e Bäume, die nicht in die Stadt, sondern in den Wald gehören«, bekräftigt Rasp.

Im Großen und Ganzen gebe es drei Gründe, warum im Marktgebiet Bäume gefällt würden, sagt Bürgermeister Rasp. Entweder seien sie nicht mehr standsicher oder zu groß für den Standort oder das Wurzelwerk beeinträchtige Kanäle und Wasserleitungen. Im Bereich der Kongresshaus-Tiefgarage komme noch hinzu, dass die Wurzeln der Bäume in die darunter liegende Abdichtung der Tiefgarage wachsen könnten.

Für die Fällung der genannten Linde waren laut Rasp allerdings Verkehrssicherungsgründe ausschlaggebend. »Überhängende Äste und die Möglichkeit von Schneebruch stellten eine Gefahr für Autos und Passanten dar«, so der Bürgermeister. Er verspricht, dass es im Frühjahr eine Ersatzpflanzung geben wird. Für die gerettete Buche auf dem Droßbach-Grund ist eine Ersatzpflanzung nun allerdings nicht notwendig. Doch betont Franz Rasp, dass der Grundbesitzer nun »alleine die volle Verkehrssicherungspflicht hat«. Ulli Kastner

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