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Heinz Zembsch vor Doppel-Jubiläum

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Heinz Zembsch - hier beim »Jennerstier« 2008 - kann sich durchbeißen wie kaum ein anderer. Morgen wird das Bergführer-Original 70. Foto: Anzeiger/Kastner

Bischofswiesen - Gleich zweimal darf sich Heinz Zembsch heuer groß feiern lassen. Im Sommer will der Bischofswieser mit prominenter Begleitung zu seiner 400. Durchsteigung der Watzmann-Ostwand aufbrechen, es fehlen nur noch vier Begehungen. Damit wird der »Ostwand-König« eine neue Rekordmarke setzen, die wohl auf lange Zeit Bestand haben wird. Weniger abenteuerlich, dafür sicherlich sehr unterhaltsam wird es morgen Samstag im Pfarrsaal der Struber Kirche St. Michael zugehen. Da feiert der staatlich geprüfte Bergführer nämlich mit zahlreichen Freunden seinen 70. Geburtstag.


Die Frage, ob sich ein 70-Jähriger noch den Gefahren der Watzmann-Ostwand ausliefern muss, stellt sich für Heinz Zembsch nicht. »Mit dem Führen werde ich erst aufhören, wenn meine Kunden besser sind als ich«, versichert der Bischofswieser. Dabei verhehlt er nicht, dass er in den letzten drei Jahren nach einem Unfall mit Wirbelbruch bei Dacharbeiten doch erhebliche gesundheitliche Probleme hatte. Im Jahr des Unfalls 2010 durchstieg er dennoch immerhin einmal die Ostwand, im Jahr darauf waren es schon wieder zehn Durchsteigungen. »Aber die Schmerzen im Rücken sind schon da, ich bin auch noch immer in Schmerztherapie«, sagt Heinz Zembsch.

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Doch wer den zähen Bischofswieser kennt, der weiß, dass niemand den Schmerz so gut verdrängen kann wie er. So ist er schon wieder sommers wie winters unterwegs - ob auf Skitour, beim Wandern oder beim Klettern. Immerhin hat die körperliche Einschränkung nach dem Unfall eines gebracht: »Ich habe gelernt umzudrehen, wenn es nicht mehr geht«, sagt Zembsch. Und es wirkt so, als wenn er fast ein wenig stolz darauf wäre.

Immerhin gab es für den gebürtigen Regensburger in den Jahren seiner Sturm- und Drangzeit am Berg nur eines: Zähne zusammenbeißen und immer weiter nach oben. Sein Ehrgeiz und sein Durchhaltewille verhalfen ihm zu respektablen Erfolgen an den Bergen der Welt: Dazu gehören die erste Winterbegehung des Fleischbankpfeilers im Wilden Kaiser, die Erstbegehung des Ostpfeilers am Untersberg und eine Durchsteigung der Eiger-Nordwand. Bei der Durchsteigung der Matterhorn-Nordwand im Winter zog sich Zembsch leichte Erfrierungen an Zehen und Fingern zu. Dann enthält das umfangreiche Tourenbuch noch die fünfte Begehung der Grubenkarspitze-Nordwand im Karwendel, die Begehung des Illampu-Nordgrats in Bolivien, die erste deutsche und insgesamt vierte Besteigung des Siebentausenders Minya Konga in Tibet sowie Erfolge an Pik Lenin und Elbrus.

Dass er es als Alpinist so weit brachte, hängt auch mit einigen Zufällen zusammen. Einer war wohl die Begegnung mit der Ramsauer Bergsteigergröße Karl Komposch. Es war 1957, als der damals 14-jährige Heinz Zembsch von seinem Elternhaus in Regensburg ausgebüxt und mit dem Zug nach Berchtesgaden gekommen war. Mit einem Ruderboot fuhr er abends über den Königssee, wo er sich zur Ostwanddurchsteigung mit einem Freund treffen wollte. Genau da stieß er auf Karl Komposch, der seinen Bergkameraden Robert Rasp erstmals durch die Wand führen wollte. »Er hat mir leid getan«, erinnerte sich Komposch später einmal an seine damaligen Gefühle gegenüber dem jungen Zembsch, nachdem der erhoffte Seilpartner ausgeblieben war.

Am nächsten Tag, in aller Früh, nahm Karl Komposch Heinz Zembsch samt Robert Rasp ans Seil. So kam man ohne Zwischenfälle zügig durch die Wand und stand zur Mittagszeit auf der Südspitze. Kurze Zeit später schon trennten sich ihre Wege. Denn während Komposch und Rasp ins Wimbachtal abstiegen, wählte Zembsch alleine den Weg über den Watzmanngrat und Kühroint hinunter nach Königssee. Von dort wollte der junge Ostwand-Durchsteiger wieder per Anhalter zurück nach Regensburg. Dorthin gelangte er auch, aber die Gedanken blieben erst einmal beim Watzmann und im Berchtesgadener Land.

Seiner Sehnsucht gab der gelernte Maschinenschlosser nach, als er zur Bundeswehr in die Strub wechselte, wo er 1968 die Ausbildung zum Heeresbergführer abschloss und ein Jahr später auch die staatliche Prüfung ablegte. Endgültig fasste er jetzt Fuß im Berchtesgadener Land und gründete hier seine Familie. 1979 rief er die erste Bergschule im Berchtesgadener Land ins Leben. Die sollte Sohn Christoph einmal übernehmen, der selbst ein extremer Kletterer war. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Christoph kam 2006 mit seinem Freund Benjamin in der Ortler-Nordwand in einer Eislawine ums Leben. Für Christl und Heinz Zembsch ein schwarzer Tag in ihrem sonst so bunten Leben.

Seit Heinz und Christl Zembsch 2006 nach 21 Jahren die Bewirtschaftung des Purtschellerhauses in andere Hände gaben, haben sie wieder mehr Zeit für Unternehmungen aller Art. Dabei geht es freilich in erster Linie um alpine Herausforderungen. Erst kürzlich verbuchten die beiden eine erfolgreiche Besteigung des Kilimandscharo. Heinz Zembsch durfte sich diesen Sommer auch über eine Begehung des langen Jubiläumsgrats von der Zugspitze zur Alpspitze freuen. »Eine der schönsten Touren, die ich je gemacht habe«. Und für diesen Mai hat das Ehepaar Zembsch schon wieder große Pläne. Mit Hubert Nagl soll's zum 5610 Meter hohen Damavand in Iran gehen.

Ab dem Sommer werden Zembschs Gedanken wohl zunehmend wieder der Watzmann-Ostwand gehören: Die vier Begehungen bis zur Jubiläumstour, die er am liebsten mit einem prominenten Sportler machen will, sind schließlich schon fest eingeplant. Dann wird der »Ostwand-König« wieder die Schlagzeilen vieler deutscher Zeitungen und Magazine prägen. Und vielleicht ernennt man ihn diesmal ja sogar zum »Ostwand-Kaiser«. Ulli Kastner