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Ein neuer Doku-Leiter, Hunderte Exponate und eine Ausstellung, die auf dem Müll landen wird

Herausforderung am Obersalzberg

Der neue Leiter der Doku, Dr. Sven Keller, bereitet mit seinem Team derzeit die Ausstellungstexte für alle Exponate vor. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Auf eine kleine Porzellanfigur in Form einer Tänzerin ist der gebürtige Donauwörther Dr. Sven Keller, ab Juni neuer Leiter der Dokumentation Obersalzberg, besonders stolz. Ein amerikanischer Soldat hat sie damals in Hitlers Berghof mitgenommen, von dort aus auch auf Hitler-Briefpapier einen Brief an seine Verlobte geschrieben. Die Exponate sind Teil der neuen Dauerausstellung, die ab 2020 am Obersalzberg eröffnet und heute Donnerstag zum ersten Mal im AlpenCongress in Berchtesgaden präsentiert wird.


Der promovierte Historiker befand sich die letzten Wochen auf Forschungsreise in den USA, besuchte zu Recherchezwecken für die neue Dauerausstellung unter anderem das US Holocaust Memorial Museum. Er suchte Leihgaben für den Obersalzberg und besuchte Holocaust-Überlebende, manche weit über 90 Jahre alt, ungarische Juden. »Die Entscheidungen, die Ungarn betreffen, sind 1944 auf dem Obersalzberg gefallen, von Hitler persönlich«, sagt Keller. Und damit ist das Thema prädestiniert für den Obersalzberg. Genauer für jene im Bau befindliche Prestigeausstellung, die während der letzten Jahre vom Institut für Zeitgeschichte konzipiert wurde und nun in einem ambitionierten 20-Millionen-Euro-Projekt baulich umgesetzt wird. Sven Keller war als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator als einer von vier Beteiligten von Anfang an dabei. Dass der Historiker nun der Leiter der Dokumentation am Obersalzberg geworden ist, sei kein Selbstläufer gewesen, sagt Keller. »Ich habe mich für die Stelle, wie jeder andere, beworben.« Als Experte des Nationalsozialismus, der unter anderem an einem Forschungsprojekt zur Geschichte des Dr.-Oetker-Konzerns während der NS-Zeit beteiligt war, bringt Keller genug Expertenwissen für die anspruchsvolle Aufgabe mit.

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Keller hat schon als junger Bub großes Interesse an historischen Themen gehabt. »Die Römer hatten es mir damals angetan«, sagt er. In Augsburg und Rom hat er Geschichte und Politikwissenschaft studiert, hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter Engagement gezeigt, und bereits in jungen Jahren im Institut für Zeitgeschichte praktiziert. »Thematisch habe ich mich recht früh auf den Nationalsozialismus spezialisiert.« Interesse zeigte er neben der historischen Forschungsarbeit vor allem auf Vermittlungsseite. »Es ist wichtig, unsere Arbeit einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen«, sagt er. Der Obersalzberg, der seit 1999 mit der Dokumentation große Erfolge feiert, soll künftig noch mehr Besucher locken. Thematisch wird man breit aufgestellt bleiben, jedoch soll dem Berg, Hitlers zweitem Regierungssitz, mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Dass Keller als Leiter künftig nicht bei null anfangen muss, sei vorteilhaft. Er kennt das Team, er kennt die Baustelle. Die Dauerausstellung soll unterirdisch im Berg verschwinden. Seit über drei Jahren beschäftigt sich Sven Keller mit der inhaltlichen Neukonzeption und mit der Beschaffung Hunderter Exponate. »Es ist eine seltene Gelegenheit, an solch einem Projekt mitzuwirken«, sagt Keller. Die Dokumentation Obersalzberg genießt internationale Anerkennung. Bis zu 200 000 Besucher pro Jahr werden erwartet, so die vorsichtigen Prognosen der Ausstellungsmacher. Der Betrieb wird deutlich größer werden als bislang, man hofft auf zusätzliches Personal. Auch wenn das Konzept steht, alle Ausstellungsobjekte bereits gefunden wurden und in den Archiven und Depots auf dem Obersalzberg und beim Institut für Zeitgeschichte in München lagern und auf ihren Einsatz warten, gibt es noch viel zu tun. »Derzeit bereiten wir alle Texte für die Ausstellung vor«, sagt Keller. Zwischen 400 und 450 Museumstexte müssen geschrieben werden. Leicht verständlich für jedermann, keine Schachtelsätze, auf Fremdwörter verzichtet man, inhaltlich müsse alles auf den Punkt gebracht werden. »Das ist eine Herausforderung«, so der Experte. »Einer muss sich immer quälen: entweder der, der es schreibt, oder der, der es liest«, sagt Keller und grinst dabei.

Auschwitz wird in der Ausstellung ein Thema, Zeitzeugen vom Obersalzberg kommen zu Wort und auch Wechselausstellungen soll es künftig geben. »Damit können wir die Dokumentation weiterentwickeln, besondere Themen vertieft darstellen.« Ideen, die bearbeitet werden sollen, habe man bereits etliche gesammelt. Auch wenn es noch lange hin ist bis Frühjahr 2020 – Arbeit gebe es jede Menge.

Heute soll das Konzept erstmals enthüllt werden. Keller wird dann gemeinsam mit Vorgänger Dr. Axel Drecoll das lang erwartete Konzept präsentieren. Die alte Ausstellung, die pro Jahr 170 000 Besucher begrüßt, wird voraussichtlich in zwei Jahren entsorgt werden müssen. »Wir haben keinen Platz dafür, die Stellwände einzulagern«, sagt Keller. In das Gebäude soll das Bildungszentrum integriert werden, der Platz dort wird knapp. Wünschenswert wäre, dass sie erhalten bliebe, so der neue Leiter. Derzeit brütet man beim Institut für Zeitgeschichte über mögliche Varianten, sie aufzubewahren. »Historiker sind dafür bekannt, alles zu archivieren.« Kilian Pfeiffer