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Hilfe für Menschen in seelischen Notsituationen

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Der Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Extremkletterer Alexander Huber stehen hinter dem Krisendienst Psychiatrie, der ab 1. Februar auch für die Region 18 erreichbar ist. (Foto: Pfeiffer)

Berchtesgaden – Der Krisendienst Psychiatrie startet am 1.  Februar im Südosten Oberbayerns. Für die Bürger der Landkreise Berchtesgadener Land, Traunstein, Rosenheim, Mühldorf und Altötting steht dann die Telefonnummer 0180/6553000 zur Verfügung. »Menschen, die sich in einer seelischen Notlage befinden, können bei uns anrufen, es erfolgt eine sofortige und wohnortnahe Hilfe«, so Bezirkstagspräsident Josef Mederer bei einer Konferenz im »Haus der Berge«. Als Botschafter des Dienstes konnte man Kletterprofi Alexander Huber gewinnen.


Als eine der wichtigsten Pressekonferenzen bezeichnete Nationalpark-Chef Dr. Michael Vogel die Vorstellung des Krisendienstes. Seit 2007 gibt es diesen in München, im vergangenen Jahr kamen der Landkreis München und die umliegende Region hinzu. In wenigen Tagen startet der Dienst nun auch in Region 18. Bis spätestens Ende 2017 sollen alle Bürger Oberbayerns einheitlich unter der Nummer 0180/6553000 anrufen können, wenn sie sich in einer schwierigen persönlichen Lage befinden. Es gebe viele Menschen, die im Laufe ihres Leben in eine seelische Notsituation gerieten, »unser Ziel ist es, dass wir ihnen schnell und wohnortnah helfen können«, sagte Josef Mederer. Hochprofessionell müsse die Hilfe von Beginn an sein, nur dann könne gewährleistet werden, dass sich Anrufer in guten Händen wissen. 18 ausgebildete Kräfte stehen zur Verfügung, die sich ganz um die Belange von Bürgern kümmern und den Erstkontakt herstellen. Der Bezirk lässt sich das viel Geld kosten.

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7,4 Millionen Euro pro Jahr

7,4 Millionen Euro wird der Dienst im Jahr kosten. In Zukunft möchte man die Krankenkassen mit ins Boot holen, zusätzlich soll sich auch der Freistaat finanziell beteiligen. In allen Landkreisen wird eng mit sozialpsychiatrischen Diensten zusammengearbeitet, darüber hinaus mit Kliniken und weiterem Fachpersonal. »Die Vernetzung untereinander ist einer der wichtigsten Punkte, damit wir Erfolg haben«, so Josef Mederer.

In München habe man große Erfolge erreicht. Allein in der Landeshauptstadt waren es in den vergangenen zehn Jahren 14 000 Anrufer. »Vielen konnte geholfen werden«, sagte der Bezirkstagspräsident. Auf vier Stufen basiere der Dienst. Zum einen auf der Telefonnummer. Betroffene und deren Angehörige könnten diese jederzeit anrufen, sieben Tage die Woche, von 9 bis 24 Uhr. Sollte das Erstgespräch keine Lösung bringen, greift Stufe zwei, eine Terminvereinbarung mit einem sozialpsychiatrischen Dienst. »Es ist wichtig, dass Menschen mit seelischen Problemen sofort geholfen wird«, betonte Mederer. Stufe drei ist der mobile Krisendienst, der in maximal einer Stunde zu einem Betroffenen eilen kann. In Stufe vier wird der Rettungsdienst verständigt. So weit soll es laut Josef Mederer aber nur in besonderen Fällen kommen.

Psychische Erkrankungen dürften heutzutage kein Tabuthema mehr sein. »Wenn man ein Wehwehchen hat, geht man zum Arzt. Und genau so soll man auch bei uns anrufen, wenn man seelisch betroffen ist«, so Mederer. Mit dem Start des Krisendienstes am 1. Februar läute man eine »neue Zeitrechnung ein«, zumal es deutschlandweit nichts Vergleichbares gebe.

»Ich hatte die richtigen Leute, die mir halfen«

Kletterprofi Alexander Huber, der vor einigen Jahren ein Buch zum Thema Angst geschrieben hat, war bereits mit einer seelischen Notsituation konfrontiert. Erfolgsdruck, finanzielle Ängste und eine ausgeprägte Sozialphobie erschwerten sein Leben zunehmend. »Ich hatte damals die richtigen Menschen um mich«, so Huber. Zahlreiche Zuschriften erhält der Extremsportler noch heute. Käufer seines Buches, gewöhnliche Menschen, die sich von ihm Tipps und Hilfe erwarteten. Weil er den Kontakt zu einer Angstselbsthilfegruppe hatte, konnte er weitervermitteln. »Umso bedeutender ist es, dass es nun den Krisendienst Psychiatrie gibt, an den man sich zu jeder Zeit wenden kann.« Die Hemmschwelle, die Nummer zu wählen, sei minimal im Vergleich dazu, etwa zu einem Spezialisten zu gehen. Gerne habe er sich dazu bereit erklärt, der Botschafter für dieses Projekt zu sein, »weil ich davon einfach vollkommen überzeugt bin«. Wenn allein einem Menschen geholfen sei, sei das ein großer Erfolg.

»Krisen kennen keine Uhrzeiten«

Dr. Michael Welschehold, Leiter der Leitstelle Krisendienst Psychiatrie, sagte, dass jeder Dritte im Laufe seines Lebens in eine seelische Notlage gerate. »Das ist eine leidvolle Erfahrung, eine quälende Verunsicherung, mit der man umgehen muss.« Das nun gestartete Angebot, 15 Stunden am Tag erreichbar zu sein, sei ein wichtiger Schritt, »denn Krisen kennen keine Uhrzeiten«. Die Leitstelle nehme eine Lotsenfunktion ein und koordiniere die Anfragen von Betroffenen und Angehörigen. Prof. Dr. Peter Zwanzger, Chefarzt Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik am kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg am Inn, sagte, dass seelische Erkrankungen erst einmal »schwer zu begreifen und zu unterscheiden sind«. Allerdings verhielte sich eine derartige Erkrankung nicht anders als »eine Grippe, die unter Umständen auch zu einer Lungenentzündung werden könnte«.

Insgesamt seien in Oberbayern knapp 600 Menschen in den Krisendienst involviert, so Bezirkstagspräsident Josef Mederer. Allein 88 neue Stellen entstehen in der Leitstelle und den regionalen sozialpsychiatrischen Diensten sowie den mobilen Einsatzteams. »Das sind unglaublich viele Menschen, die das unterstützen.« So arbeitet man in allen Landkreisen mit sozialpsychiatrischen Diensten zusammen, so etwa mit dem Caritas-Zentrum Traunstein, dem Projekteverein der AWO im Berchtesgadener Land oder der Diakonie in Altötting. Ausgelegt ist das Projekt zunächst auf fünf Jahre, wobei Josef Mederer überzeugt davon ist, dass der Dienst gut angenommen wird. Kilian Pfeiffer