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»Ich brauche meine Augen zum Hören«

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»Ich brauche meine Augen zum Hören«, sagte der gehörlose Stefan Donath (r.) beim »Edelweiß«-Kaffee im Gespräch mit »Anzeiger«-Redaktionsleiter Ulli Kastner. Foto: Anzeiger/Pfeiffer
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Stefan Donath sichert an der Waldklimastation am Watzmann-Mitterkaser die Daten. Seit 25 Jahren arbeitet der Ramsauer für den Nationalpark Berchtesgaden, wofür er dieser Tage von Nationalparkchef Dr. Michael Vogel und Personalratsvorsitzendem Johann Hölzl eine Auszeichnung erhielt. Foto: privat

Berchtesgaden – Stefan Donath lebt in einer stillen Welt. Doch durch Zielstrebigkeit, große Geduld und mit viel Humor findet sich der Ramsauer, der von Geburt an gehörlos ist, darin gut zurecht. Der 47-Jährige hat viele Freunde und eine Arbeit, die ihn erfüllt. Seit 25 Jahren arbeitet er für den Nationalpark Berchtesgaden und betreut zahlreiche Klimastationen in den heimischen Bergen. Obwohl Stefan Donath großen Optimismus ausstrahlt, lässt er beim »Edelweiß«-Kaffee gegenüber der Heimatzeitung durchblicken, dass das Leben ohne die Wahrnehmung von Geräuschen nicht immer ganz leicht ist: »Ich brauche halt meine Augen zum Hören.«


Wer sich mit Stefan Donath unterhält, der darf ruhig leise sprechen. Theoretisch würde es reichen, wenn er nur die Lippen bewegt, denn der Ramsauer kann perfekt von ihnen ablesen. So findet er sich in seiner stillen Welt eigentlich ganz gut zurecht. Das hat Donath in erster Linie seinen Eltern zu verdanken, von denen er immer gefördert wurde. Schließlich hat sich der Ramsauer nie versteckt, er war bei den Ministranten, bei den Pfadfindern und im Trachtenverein, hat immer den Kontakt zu anderen Menschen gesucht.

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Zwölf Jahre lang besuchte Stefan Donath die Gehörlosen-Realschule in München, schaffte dort die mittlere Reife. »Ich hätte gerne Abitur gemacht, um Förster zu werden, aber das war damals nicht möglich«, sagt der Ramsauer. Schließlich war er schon mit dem Vater immer viel im Wald unterwegs, wo es dem leidenschaftlichen Jäger auch heute noch am besten taugt.

Nach der Realschule erlernte Donath an der Berchtesgadener Schnitzschule den Beruf des Schreiners, arbeitete anschließend auch noch ein Jahr in diesem Beruf. Dann, im Jahr 1988, bewarb er sich beim Nationalpark Berchtesgaden, wo er sofort genommen wurde. Zunächst war der Ramsauer im Revier Königssee als Waldarbeiter eingesetzt. Aber schon bald meldete er sich bei einer Personalversammlung für die Mitarbeit in der Forschung. Unter dem Klimatologen Ernst Vogt arbeitete Stefan Donath am Aufbau von insgesamt 36 Klimastationen bis zum Jahr 2006 mit. Nachdem Helmut Franz die Leitung der Forschung übernommen hatte, ging es darum, die Klimastationen zu automatisieren.

Seit Jahrzehnten ist Stefan Donath nun unterwegs, um diese Stationen zu betreuen, um Daten abzulesen, Rollen zu wechseln oder Reparaturen durchzuführen. Auch die Borkenkäferfallen befinden sich in seiner Obhut, hier zählt der 47-Jährige regelmäßig Borkenkäfer und Ameisenbuntkäfer. Sein Einsatzbereich kennt sommers und winters fast keine Grenzen: Wimbachgrieshütte, Trischübel, Gotzenalm, Watzmann-Mitterkaser, Bindalm, Ragertalm, Schärtenalm, St. Bartholomä, Königsbachalm, Stahlhaus, Schapbach. »Ich liebe es, draußen zu sein und die Natur zu spüren«, sagt der 47-Jährige. So hat er auch nur gute Erinnerungen an die Jahre 1995 bis 1998, als er bei der Waldinventur mitarbeitete und abseits der Wege in der Nationalpark-Kernzone Bäume und Ameisenhaufen zählen musste. Geschätzt wird Stefan Donaths Arbeit auch beim Deutschen Wetterdienst, mit dem der Ramsauer seit 20 Jahren in engem Kontakt steht.

Freilich ist für diese Arbeit auch die entsprechende Kondition notwendig. Immerhin konnte sich Donath einiges davon aus seiner Jugendzeit konservieren, denn er war einmal ein erstklassiger Leichtathlet. Für die Junioren-Nationalmannschaft der Gehörlosen startete er beispielsweise über die 100- und 200-Meter-Distanz. Zwei Staffel-Jugendrekorde über viermal 100 Meter und viermal 400 Meter, an denen der Ramsauer beteiligt war, sind heute noch gültig. Auch aktuell fasziniert ihn das sportliche Unterwegssein noch, aber nicht mehr auf Wettkampfebene. Donath arbeitet ehrenamtlich für den Skiklub Ramsau, wo er als Breitensportreferent beispielsweise die Skigymnastik und die Sportabzeichenabnahme organisiert und als Webmaster auch die Homepage betreut. Außerdem ist er Nordic-Walking-Trainer mit abgeschlossener Ausbildung und geht leidenschaftlich gerne auf Skitour. »Vor allem am Berg spüre ich Licht und Freiheit, ich genieße das weite Schauen, habe stille Freude und tanke Selbstvertrauen«, erzählt Donath.

Gerne und meistens gut verständlich erzählt der Ramsauer aus seinem bewegten Leben, mit dessen Verlauf er auch soweit sehr zufrieden ist. Und doch weiß er, dass ihn seine Behinderung stark einschränkt. »Mein Leben gleicht vielfach dem Leben unter einer Käseglocke: Ich sehe zwar, was sich um mich herum bewegt, muss mir aber alles, was ein Hörender zwangsläufig hört, dazu kombinieren«, erklärt Donath. Immerhin kann er im Gespräch nur etwa 30 Prozent direkt von den Lippen ablesen, der Rest muss aus dem Zusammenhang erschlossen werden. »Dabei wird der Ermüdungsfaktor total unterschätzt«, so der Ramsauer. Dennoch will er weiterhin auf die Menschen zugehen: »Ich bin ein weltoffener Mensch und lerne gerne Leute kennen«. Vielleicht kommt Stefan Donath gerade deshalb in seiner stillen Welt so gut zurecht. Ulli Kastner