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»Ich fühle mich in meiner Abonnentenfamilie sauwohl«

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Freut sich jeden Tag auf seine Tour: Dieter Wilke. (Foto: Tessnow)

Schönau am Königssee – Ganz in der Früh raus. Bei Wind und Wetter unterwegs. Zeitungen austragen. Klingt hart. Klingt nach Job, nach Muss. Der Schönauer Rentner Dieter Wilke empfindet das alles ganz anders. Für ihn ist der Kontakt zu den Zeitungslesern ein Gewinn an persönlicher Lebensqualität.


»Langweilig ist mein Miniberuf wahrlich nicht. Absichtlich gebrauche ich nicht die Bezeichnung Job. Denn du solltest dich dazu berufen fühlen, Tag für Tag unseren Anzeiger unter die Leute zu bringen«, sagt Dieter Wilke. Und strahlt. »Wenn so mancher wüsste, wie abwechslungsreich und gesund mein Beruf ist. Mei... Regen oder mal Schnee... Des ghert hoit dazua.«

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Wilkes innige Beziehung zum »Berchtesgadener Anzeiger« besteht schon seit rund fünfunddreißig Jahren. Beim Bäcker hatte er die örtliche Tagespresse jahrzehntelang »abonniert«. Besonders das lokale Geschehen interessiert ihn. Sportarchiv-Reportagen, Portraits und Neuigkeiten aus den Gemeinden. Der »Anzeiger« ist ein Teil seines Tagesablaufs. »Unsere Heimatzeitung verbindet. Sie ist wie eine Familie«, findet Wilke.

Der Zöllner mit der Kondition

Zwischen 4 und 4.30 Uhr »treibt« es ihn morgens raus. Manchmal hört er schon gegen 2 Uhr in der Früh den Lieferanten mit den Zeitungen kommen. 69 Stück gilt es wochentags zu verteilen. 75 sind es am Wochenende. Wilkes Fahrtnummer ist die 99. Sein eingeteilter Bezirk die 30111. Die Tour geht vom Sieglweg über die Jennerbahnstraße und Seestraße bis über die Richard-Voß-Straße. In zwei Stunden will er immer fertig sein. Denn um 7 Uhr ist der rüstige Rentner noch als Schulweghelfer aktiv. »A bisserl Kondition muss man schon mitbringen. Besonders am Anfang«, erklärt der 71-Jährige. So schafft Wilke auch im Winter seine Route präzise in der eingeplanten Zeit. »Aber«, ergänzt er, »eine Viertelstunde widme ich mich den Tieren. Katzen und Hunde freuen sich auf kleine Leckerli von mir.« Die hat der Rentner immer dabei. Bei der Seealm wartet der fünfzehnjährige Kater »Maxi« schon auf seinen morgendlichen Snack. »Manchmal begleitet er mich sogar noch ein kleines Stück«, erzählt der Schönauer.

Aber auch er wird oft anerkennend beglückt. Ein paar Pralinen, ein kleines schriftliches Dankeschön oder sogar ein Glas guten Honig reicht man ihm für seine pünktliche Lieferung. Erst nach der Tour liest er dann selbst die aktuelle Tagesausgabe. Zum Frühstück gönnt er sich die druckfrische Zeitung mit duftendem Kaffee.

Radler aus Leidenschaft

Vor eineinhalb Jahren begann Wilke mit dem Austragen. Davor war er jahrzehntelang als Zöllner tätig. Nach der Veränderung der EU-Grenzen arbeitete Wilke fünf Jahre auf dem Frankfurter Flughafen. Auch dort fuhr er viel Radl. Dazu hat Wilke schon immer eine intensive Beziehung gehabt. Mit zwölf Jahren bekam er sein Erstes. Er empfindet Radlfahren als Entschleunigung von der hektischen Alltagswelt.

Wilke ist in Königssee aufgewachsen, verheiratet und hat drei Kinder. Auf einer Anhöhe gegenüber des Schornbads betreibt er eine kleine Pension. In seinem Garten stehen einige Autochassis herum, die teilweise von Brennnesseln überwuchert sind. Ford Mustangs aus alten Zeiten. Die haben ihn schon seit 1964 fasziniert. Ein uriger Garten, ein uriger Mensch.

Wilkes Anhänger für den Zeitungstransport ist eine kleine Welt für sich. Im Original eigentlich ein Kinderwagen. Er baute das gebrauchte Vehikel kompatibel um. Wilke ist ein Tüftler. An jede noch so kleine Herausforderung hat er gedacht. »Das Unangenehmste ist der Regen«, sagt der 71-Jährige. Im Hänger befindet sich daher noch eine regendichte Transportbox. »Die Zeitungen müssen unbedingt trocken bleiben.« Unterhalb der Schutzplane hat er sogar ein Lämpchen installiert. Auch ein extra Hinweisschild hat er sich gebastelt. Das glänzt auffallend am Gestell wie ein Banner. Im Winter fährt er mit Spikesreifen. Auch eine Stirnlampe setzt er sich auf. »In der Früh ist es stockduster. Das ist gefährlich. Trotz gelber reflektierender Warnweste.«

Abonnentenliste zum Abhaken

Eines Morgens aber kam er von der Tour zurück und hatte noch eine Zeitung übrig. Das hieß: Einen Abonnenten hatte er übersehen. Aber welchen? Es war ein Neuzugang. Den hatte er nicht auf dem Zettel. Also setzte sich Wilke an den Computer und konstruierte eine eigene Liste. Wer einen Blick darauf wirft, erkennt sofort Zuneigung, Spaß und Perfektion in Kombination. Alle Namen sind routenbedingt aufgelistet. Wer beliefert wurde, bekommt ein Häkchen. Für den Kuli dient ein kleines Futteral an der Seite des Hängers. Daneben noch ein Größeres für die Tierleckerli. Selbst, ob die Zeitung gerollt oder gefaltet gebracht werden soll, hat er vornotiert. Wenn es regnet, wickelt er die Tageszeitung extra ein. Und Handschuhe trägt er auch: »A bisserl vornehm muss ma scho sein«, scherzt der Rentner, grinst und hält ein Paar in die Höhe. »Davon habe ich 50.« Sein Servicepaket aus Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit wissen die Abonnenten zu schätzen. Wilke ist beliebt. »Am Schönsten ist für mich der persönliche Kontakt, sagt er. »Da hat sich eine Beziehung aufgebaut«, sagt der Schönauer. »Ich bekomme das Gefühl von Dankbarkeit für meine Tätigkeit. Und bin froh, dass die Abonnenten mit mir zufrieden sind.« Jörg Tessnow