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Foto: Peter Steffen/dpa/Symbolbild

»Ich hatte Todesangst wie noch nie«: Streit unter Brüdern eskaliert

Berchtesgadener Land – Seit 19 Jahren gehe das schon so, berichtete der 56-jährige Nebenkläger im Laufener Gerichtssaal, er lebe »keinen Tag ohne Angst«. Eskaliert war der Streit unter den zwei Brüdern im August letzten Jahres, als ihm der 61-Jährige eine volle 0,75-Liter-Glasflasche über den Kopf zog. Beleidigung und gefährliche Körperverletzung lautete die Anklage gegen den arbeitslosen 61-Jährigen. Das Urteil: Acht Monate zur Bewährung. 


Der Angeklagte sagte zum Vorfall gar nichts. Umso ausführlicher schilderte der Geschädigte und Nebenkläger die Situation in dem Anwesen, in dem sein Bruder »unerlaubt« wohne. Nur aus Rücksicht auf die hochbetagte Mutter lasse er das noch zu. Leise wie immer sei er nach oben geschlichen, schilderte der 56-Jährige diesen 24. August, und doch sei sein Bruder plötzlich neben ihm gestanden. Zuerst sollen Beleidigungen wie Drecksau, Verbrecher und Nazi gefallen sein, ehe der Bruder von der Seite »mit Wucht auf meinen Kopf schlug«.

Vom Schlag benommen, habe er gemerkt, dass Blut fließt. »Ich hatte Todesangst wie noch nie. Ich dachte, ich muss sterben«, sagte der 56-Jährige unter Tränen. Eine Ohnmacht hätte ihm vermutlich das Leben gekostet. Weder Bruder noch Mutter hätten daraufhin den Notarzt verständigt, er selbst habe blutend und benommen sein Smartphone suchen müssen, um Hilfe anzufordern. Mit Verweisen auf frühere Vorgänge in der Familie, auf Verträge und dem Umstand, dass Kollegen einst die Vertretung des Geschädigten niedergelegt hatten, versuchte Rechtsanwalt Professor Dr. Florian Eder die Glaubwürdigkeit des Geschädigten in Zweifel zu ziehen. »Sie sagen, es waren immer nur die anderen.«

Das unterband Richter Josef Haiker schließlich: »Wir werden hier nicht die zivilrechtlichen Vorgänge der Vergangenheit aufarbeiten.« Die Frage des Verteidigers an den Geschädigten, ob er seinen Psychiater und Arzt von der Schweigepflicht befreien würde, bejahte der zunächst. Nach Eröffnung der »Konsequenzen«, dass damit ganz private und persönliche Dinge öffentlich gemacht würden, lehnte das der Geschädigte jedoch ab.

Ein Beamter der Polizeiinspektion Bad Reichenhall beschrieb den Angeklagten nach ihrem Eintreffen als »aufgeräumt und seltsam ruhig«, während der Geschädigte doch sehr aufgebracht gewesen sei. Der Angeklagte habe erklärt, dass sein Bruder mit einem Kettensägeschwert auf ihn losgegangen sei, er sich gewehrt und die Wasserflasche geworfen habe. Die sei wohl über den Kopf des Bruders »gerutscht« und dann am Boden zerbrochen. Ein 60-jähriger Nachbar schilderte im Zeugenstand, dass die Mutter in seinem Beisein zum Geschädigten gesagt habe: »Dein Bruder wird dich noch umbringen.«

Ein Gutachter attestierte dem Angeklagten eine seelische Behinderung, eine eingeschränkte Kritik- und Urteilsfähigkeit sowie eine schizoide zwanghafte Störung. »Er ist relativ hilflos, wenn gewohnte Situationen aufgebrochen werden.« So sei die Steuerungsfähigkeit wohl beeinträchtigt, aber nicht aufgehoben gewesen. Der Facharzt abschließend: »Es bedürfte einer konsequenten psychotherapeutischen Behandlung.«

Rechtsreferendar Kevin Schwanfelder erachtete den Geschädigten als glaubwürdig und dessen Schilderung als widerspruchsfrei. »Die große Platzwunde am Hinterkopf und das nasse Haar«, bestätigten Anklage und Aussage. Weil eine verminderte Schuldfähigkeit beim Angeklagten nicht auszuschließen sei, wollte es der Vertreter der Staatsanwaltschaft bei einem Jahr belassen. Weil es die erste Strafe für den 61-Jährigen war, könne die zur Bewährung ausgesetzt werden.

»Widerspruchsfrei« wollte Anwalt Florian Eder »nicht bestätigen«. So habe der Geschädigte die Sache mit dem Kettensägenschwert bei der Polizei ebenso anders geschildert wie das Vorgehen mit dem abgebrochenen Flaschenhals. Der Verteidiger sah sowohl »beschönigende« als auch »Dramatisierungstendenzen« bei Geschädigten. »Ich sage nicht, dass er lügt« so Eder, »doch seine Schilderung können Alternativ-Hypothesen sein«. Es stehe hier Aussage gegen Aussage, weshalb »im Zweifel« sein Mandant freizusprechen sei.

Diesem Schluss mochte Josef Haiker nicht folgen: »Es fehlt ja die Aussage des Angeklagten«, weshalb hier nichts »abzuwägen« sei. Der Strafrichter schloss aus, dass ein Wurf zu einer derartigen Verletzung führen könne, und auch der nasse Kopf beweise, dass die Flasche dort zerbrochen war. Noch etwas: »Wenn der Geschädigte tatsächlich mit dem Schwert auf den Angeklagten losgegangen ist, wie wäre dann die Wunde am Hinterkopf zu erklären?« Der Strafrichter entschied sodann auf acht Monate, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden.

Hannes Höfer